Als Henry Hale Bliss im September 1899 in New York eine Strassenbahn verliess, gehörten die US-Strassen noch vor allem Fussgängern, Pferden und Kutschen. Nur Augenblicke später erfasste ihn ein elektrisches Taxi – und er ging als erste offiziell dokumentierte tödliche Autounfall-Opferperson in den Vereinigten Staaten in die Geschichte ein. Damit kündigte sich eine Entwicklung an, die sich in kurzer Zeit zu einer grossen Krise auswachsen sollte.
Wie kam es zur ersten registrierten automobilen Todesfolge in den USA?
Am Abend des 13. September 1899 überquerte Bliss den Bereich an der Central Park West auf Höhe der 74th Street, als ihn das Automobil Nr. 43 anfuhr. Der 69-jährige Immobilienmakler erlitt schwerste Verletzungen und starb am folgenden Morgen. Über den Vorfall berichtete die The New York Times; die Meldung löste grosse Bestürzung aus.
Der Fahrer, Arthur Smith, erklärte später, ein Lastwagen habe einen Teil der Fahrbahn versperrt, weshalb er dicht an der Strassenbahn vorbeifahren musste. Gegen ihn wurde zwar Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben, am Ende wurde er jedoch freigesprochen. Rund hundert Jahre später brachte man am Ort des Unfalls eine Gedenktafel an – als Erinnerung an Bliss und als Mahnung, Fussgängersicherheit ernst zu nehmen.
Warum machten die ersten Autos die Strassen so gefährlich?
Die Städte waren nicht für schnelle und schwere Fahrzeuge ausgelegt. Strassen dienten als gemeinsamer Raum für Kinder, Händler, Radfahrende, Pferde und Strassenbahnen – meist ohne klar markierte Bereiche. Viele Fahrer mussten ihre Fähigkeiten nicht nachweisen, und Ampeln, Verkehrszeichen, eine verpflichtende Fahrerlaubnis sowie nationale Verkehrsregeln existierten entweder noch gar nicht oder waren nur vereinzelt verbreitet.
Hinzu kam, dass frühe Automobile schwächere Bremsen hatten, die Beleuchtung oft unzureichend war und der Insassenschutz kaum eine Rolle spielte. Fussgänger, die es gewohnt waren, sich frei zu bewegen, unterschätzten die Geschwindigkeit dieser Maschinen. Historische Aufzeichnungen der US-Verkehrssicherheitsbehörde National Highway Traffic Safety Administration zeigen: 1900 starben 36 Menschen, 1925 waren es bereits über 20.000.
Welche Regeln wurden eingeführt, um das Chaos einzudämmen?
Mit dem Wachstum der Fahrzeugzahlen reagierten Bundesstaaten und Kommunen schrittweise mit neuen Vorgaben. Connecticut verabschiedete 1901 eines der ersten bundesstaatlichen Gesetze, die sich speziell auf Automobile bezogen – inklusive Tempolimits. In den folgenden Jahrzehnten führten Städte Ampeln, Beschilderung, Lizenzen und ausgewiesene Querungsbereiche ein. Zu den Massnahmen gehörten unter anderem:
- Einführung von Tempolimits in städtischen Gebieten;
- schrittweise Pflicht für Kennzeichen und Registrierung;
- Installation von Lichtsignalen an Kreuzungen;
- Trennung von Bereichen bzw. Spuren für Fahrzeuge und Fussgänger;
- öffentliche Kampagnen zu sicherem Verhalten im Strassenraum.
Allerdings unterschieden sich diese Regeln je nach Stadt teils stark, was Autofahrende auf Reisen zusätzlich verunsicherte. Erst mit dem Ausbau der Fernstrassen und der Massenproduktion von Fahrzeugen entstanden einheitlichere Standards. Historische Forschung zeigt, dass diese Vorschriften nicht aus einem grossen Masterplan hervorgingen, sondern aus wiederholten Versuchen, auf Unfälle, Staus und Konflikte um den begrenzten Stadtraum zu reagieren.
Sehen Sie sich auch das Video an, das der YouTube-Kanal UMA HISTÓRIA A MAIS geteilt hat: Es zeigt, wie sich der erste Autounfall in Brasilien bei 4 km/h ereignet hat.
Wie veränderte das Auto das Recht, Strassen zu nutzen?
Bevor Autos sich durchsetzten, konnten Fussgänger grosse Teile der Fahrbahnen nutzen, ohne dafür als Regelbrecher zu gelten. Der Historiker Peter Norton, der zur Frühphase des Automobilzeitalters geforscht hat, beschreibt, wie Hersteller und Autofahrerclubs Kampagnen vorantrieben, um Strassen vor allem als Raum für Fahrzeuge umzudeuten.
In diesem Zusammenhang wurde der englische Begriff jaywalking genutzt, um Menschen lächerlich zu machen, die ausserhalb der vorgesehenen Übergänge die Strasse querten. Aufklärungskampagnen, Umzüge und Werbeanzeigen trugen dazu bei, Verantwortung teilweise von den Fahrern auf die Fussgänger zu verlagern. Der Wandel war kulturell wie juristisch: Er brach mit alten Gewohnheiten und prägte die Verkehrslogik, die viele Städte bis heute bestimmt.
Die Sicherheit nahm zu – doch die Lehre bleibt aktuell
Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention sank die Sterblichkeitsrate von etwa 18 pro 100 Millionen gefahrene Meilen (rund 161 Millionen Kilometer) im Jahr 1925 auf 1,7 im Jahr 1997. Sicherheitsgurte, robustere Fahrzeuge, strengere Kontrollen und bessere medizinische Versorgung trugen zu diesem Rückgang bei – trotz des massiven Wachstums des Fahrzeugbestands.
Die Geschichte von Henry Bliss macht deutlich, dass keine Technologie die Gesellschaft verändert, ohne zugleich neue Risiken zu schaffen. Sichere Strassen entstehen durch Planung, Kontrolle und Rücksicht auf die verletzlichsten Verkehrsteilnehmenden. Wer an die chaotische Kindheit des Automobils erinnert, kann heute umso entschiedener Städte einfordern, die Leben schützen – bevor Eile erneut vermeidbare Tragödien hervorbringt.
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