Zum Inhalt springen

Wie der Renault 4F die Formel 1 revolutionierte

Weißer Renault 4F Lieferwagen aus den 1960er Jahren im Ausstellungsraum mit Rennwagen im Hintergrund.

Vielseitig und widerstandsfähig: Der Renault 4F hat unzähligen Betrieben im Alltag geholfen. Was jedoch viele nicht wissen: Ausgerechnet dieser schlichte, vom 4L abgeleitete Lieferwagen trug dazu bei, die Formel 1 grundlegend zu verändern.

Wir schreiben die Mitte der 1970er-Jahre, genauer 1977. Nach zwei aufeinanderfolgenden Konstrukteurstiteln in 1972 und 1973 begann Lotus, gegenüber der Konkurrenz spürbar an Boden zu verlieren.

Auf der Suche nach einem entscheidenden Vorsprung entschloss sich der brillante Gründer der britischen Marke, Colin Chapman, ein neues Konzept auszureizen – und gleichzeitig eine „Lücke“ im Reglement zu nutzen. Die Idee, die zumindest auf dem Papier das gesamte Motorsportgeschehen umkrempeln konnte, hiess: Bodeneffekt.

Von der Theorie zur Praxis

Vereinfacht gesagt fanden die Ingenieure heraus: Wenn man die Seiten des Monoposto mit einem „Schürzensystem“ vollständig abdeckt bzw. abdichtet, lässt sich der gewünschte Bodeneffekt erzeugen – das Auto wird förmlich an den Asphalt „angesaugt“.

Nach erfolgreichen Windkanaltests mit Modellen und zahlreichen Simulationen stand ausser Frage, dass dieses Konzept das Zeug dazu hatte, Lotus zurück an die Spitze zu bringen. Trotzdem blieb im Ingenieurteam eine zentrale Frage offen: Wie stellt man sicher, dass der Bodeneffekt auf der Strecke tatsächlich so funktioniert?

Denn eine Sache ist es, Miniaturen im Windkanal zu testen und Rechenmodelle durchzuspielen – eine ganz andere, die Idee auf ein Formel-1-Auto zu übertragen und es dann auf die Strecke zu schicken.

Das eigentliche Problem: Testen ohne Testauto

Erschwerend kam hinzu, dass die Ingenieure aus Hethel keine freien Monoposti für Versuchsfahrten zur Verfügung hatten – und schon gar nicht die modernen Simulatoren und Computer, die Teams heute einsetzen.

Also musste man eine Maxime wörtlich nehmen, an die uns Guilherme Costa hier bei Razão Automóvel immer wieder erinnert: Improvise. Adapt. Overcome. Genau an diesem Punkt betrat der Renault 4F die Bühne.

Renault 4F: „Allzweckwerkzeug“ für den Bodeneffekt

In der Lotus-Fabrik kam dem Formel-1-Team eine pragmatische Idee: Was wäre, wenn wir eine der „seitlichen Schürzen“ an einer Konstruktion befestigen, die am Heck eines Renault 4F montiert ist, um zu sehen, wie sie sich verhält?

Mit geöffneter Heckklappe, einem Ingenieur ausgestreckt auf der Ladefläche, der das Verhalten der getesteten Lösungen beobachtete, und einem weiteren am Steuer des Renault 4F, liefen die Versuche nach und nach an.

Interessanterweise erwies sich die weiche Fahrwerksabstimmung des französischen Lieferwagens – eher für holprige Feldwege als für Rennstrecken gedacht – als unerwarteter Vorteil. Sie überzeichnete die Bewegungen, denen die „Schürzen“ später an einem Formel-1-Auto ausgesetzt sein würden.

So konnten nach und nach weniger geeignete Ansätze aussortiert werden, bis die passende Lösung übrig blieb: eine Klappe mit Feder, gefertigt aus einem Material mit geringer Reibung – ähnlich dem, das man bei den… Schneidebrettern in der Küche findet.

Diese Lösung hielt Einzug in den Lotus 78, doch im Lotus 79 sollte das System 1978 am stärksten glänzen. Mit dieser Technik wurde Lotus zum „Team, das es zu schlagen galt“: Es gewann fünf Rennen in der zweiten Saisonhälfte, holte den Konstrukteurstitel und sah Mario Andretti den Fahrertitel gewinnen.

1979 hatten mehrere andere Teams das System bereits kopiert und weiterentwickelt – der Vorsprung von Lotus war damit dahin. Eines jedoch dürfte kaum jemand von sich behaupten können: einen Renault 4F als „Testfahrzeug“ eingesetzt zu haben.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen