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Channing Tatum dreht mit Amazon MGM und Plan B Entertainment beim Isle of Man TT

Motorradrennfahrer in schwarzer Ausrüstung fährt schnell auf Rennstrecke vor Zuschauertribüne.

Jedes Jahr gibt es auf der Isle of Man zwei Wochen, in denen die Insel etwas völlig Unpassendes tut: Sie legt ihre Rolle als ruhiger, feuchter, in sich geschlossener Felsbrocken in der Irischen See ab – und wird zum Mittelpunkt der Motorradwelt. Rund 50.000 Menschen reisen für die TT an, dieses einmalige Straßenrennen, bei dem die furchtlosesten, verrücktesten und hingebungsvollsten Fahrer der Welt 60,72 Kilometer öffentliche Straßen mit Geschwindigkeiten attackieren, bei denen jeder Arbeitsschutzbeauftragte die Nerven verlieren würde. Dieses Jahr war unter den Pilgern auch Channing Tatum.

Nicht auf einem Junggesellenabschied. Nicht versehentlich von Cannes abgebogen. Sondern mit einem mehrere Hundert Köpfe starken Hollywood-Team, das für einen neuen Film von Amazon MGM und Plan B Entertainment über die TT dreht. Wir haben in den vergangenen Tagen auf der Insel erlebt, wie mitten im echten Event gefilmt wurde – und sind mit dem Gefühl abgereist, dass das für die Isle of Man TT das werden könnte, was Drive to Survive für die Formel 1 war. Nur eben mit weniger Yachten, weniger mürrischen Fahrern namens Lance – und deutlich mehr Essen, das in gebutterten Brötchen ankommt.

Hollywood am Isle of Man TT: Channing Tatum dreht mitten im Rennen

Wie Brad Pitts F1-Film, der eine große Produktion direkt in reale Grand-Prix-Wochenenden hineingesetzt hat, arbeitet auch dieses Projekt – passend schlicht Isle of Man betitelt – seit rund einer Woche direkt im Maschinenraum der TT. Tatum, seine Co-Darstellerin Eve Hewson (je nachdem, ob man Musikmagazine liest oder Serien schaut: Bonos Tochter oder eine der Hauptfiguren aus Apple TVs Bad Sisters) und der Belfaster Ciarán Hinds wurden bereits im Fahrerlagerbereich, auf den Tribünen, an der Startlinie und an verschiedensten Orten auf der Insel gesichtet.

Das Ziel dahinter ist kaum zu übersehen: möglichst wenig Kulisse, möglichst viel Realität. Anfang der Woche waren Channing und Eve dabei zu sehen, wie sie den berühmten Schulterklopfer bekamen – das inoffizielle Signal, dass es losgeht – bevor es für sie den Bray Hill hinunter auf einer BMW-Superbike-Maschine gehen sollte. Zumindest so lange, bis beide abstiegen und TT-Routiniers James Hillier und Ian Lougher als Stunt-Doubles übernahmen. Hollywood mag Risiko – nur nicht so sehr, dass man seine Stars den Bray Hill im Renntempo hinunterschickt.

Und trotzdem: Es wurde höchste Zeit, dass die TT endlich auf die große Leinwand kommt, weil sie wie dafür gebaut ist. Anders als bei Fast & Furious muss man hier kaum etwas aufblasen. Die Zutaten, die Hollywood sonst erfindet, sind längst da: Geschichte, Gefahr, echte Helden, richtige Eigenbrötler – und eine Rennstrecke, die aus öffentlichen Straßen besteht.

Kein Wunder also, dass Amazon MGM und Plan B Entertainment – Brad Pitts Produktionsfirma – ihre großen Kameras auf diese kleine Insel bringen.

Warum Spielfilm und Doku zusammenlaufen

Man könnte sich fragen, weshalb man gleich ein Drehbuch verfilmt, statt erst eine Doku im Stil von Drive to Survive zu machen. Die gibt es im Grunde bereits: Box to Box, das Team hinter Drive to Survive, hat 2024 eine komplette Doku-Serie bei der TT gedreht. Sie arbeiten parallel mit dem Filmteam zusammen – vermutlich damit auch Menschen, die ein Superbike nicht von einem Heckenschneider unterscheiden können, rechtzeitig im Thema sind, bevor Channing Tatum die Leinwand übernimmt.

Tatum und sein langjähriger Kreativpartner, Regisseur Reid Carolin, sollen sich seit vier Jahren mit der TT beschäftigen und mehrfach auf die Isle of Man gereist sein. Carolin betont dabei auffällig konsequent, dass man nicht als klassischer Hollywood-Zirkus einfallen wolle: Das Team habe eng mit den Veranstaltern und der Regierung der Isle of Man zusammengearbeitet, um so nah wie möglich am echten Leben der TT zu bleiben.

„Meine Aufgabe ist es, die Liebe zum Rennen einzufangen – und auch die Liebe zu diesem Ort“, sagte er. Der Film solle nicht nur die TT selbst zeigen, sondern auch die Schönheit der Insel und wie sie in der Rennwoche regelrecht aufwacht.

Wer diese Woche vor Ort ist, kann das Set sogar mit eigenen Augen erleben. So wie beim Brad-Pitt-Projekt APEX GP plötzlich bei echten F1-Rennen auftauchte, stehen in Douglas zwei fiktive Teams herum – LJR Racing und Cullen Racing – mit erfundenen Boxen, erfundenem Merch und dem Talent, sich in aller Öffentlichkeit komplett unauffällig zu geben. BMW hat für die Produktion 17 Motorräder bereitgestellt. Da die Geschichte mehrere Jahre umspannt, wechseln die Maschinen je nach Szene zwischen älteren und neueren Verkleidungen.

Authentizität auf der Strecke: BMW, Fahrer und Stuntarbeit

BMW-Pilot Peter Hickman – 14-facher TT-Rennsieger und aktueller Rundenrekordhalter, mit einem Schnitt von 219,42 km/h – blickt auf das Projekt mit einer Mischung aus Neugier und Anspruch.

„Ich bin gespannt, was sie daraus machen. Ich hoffe wirklich – und ich bin sicher, dass sie es tun werden –, dass sie dem Ganzen gerecht werden. Das ist definitiv schwer richtig hinzubekommen, aber ich weiß, dass sie nichts faken wollen. Sie wollen es so real wie möglich machen. Sie haben ein paar großartige Fahrer für die Onboard-Aufnahmen, die sie drehen, und außerdem auch relevante Fahrer – das ist sogar noch besser.“

Die größte Hürde: Den Snaefell Mountain Course filmisch begreifbar machen

Am schwierigsten wird es sein, die schiere Irrsinnigkeit des Snaefell Mountain Course auf Film zu transportieren. Wir waren in einem der BMW M5 Safety Cars unterwegs, während die Straßen gesperrt waren – und plötzlich wirkt es, als wäre das Auswendiglernen des Nürburgrings ungefähr so anspruchsvoll wie sich zu merken, wo man bei Tesco geparkt hat. Manche Abschnitte sind in ihrem Tempo derart enthemmt, dass der Respekt vor den Fahrern zwangsläufig wächst.

Nur: Kameras machen vieles platt. Steigungen, Tempo und vor allem die Nähe zur Umgebung verlieren auf Bildern an Wucht. Kurven, die im Fernsehen harmlos aussehen, sind in Wirklichkeit oft blind, hängen schräg im Gefälle und sind von gnadenlosen Hindernissen eingerahmt. Berühmte Stellen wie Bray Hill oder die Mountain Mile wirken live deutlich steiler, schneller und enger, als es jede Aufnahme je vermittelt.

Gleichzeitig haben wir gesehen, wie weit die Produktion dafür geht. Im Einsatz war ein speziell umgebauter Mini mit ultrahochauflösenden RED-KOMODO-Kameras, der eine vollständige 360-Grad-Sicht auf den Kurs einfangen soll – inklusive seiner 260 Kurven und rund 396 Metern Höhenunterschied unter Rennbedingungen.

Am Steuer saß Mark Higgins: professioneller Rallyefahrer, James-Bond-Stuntdriver, Lokalheld und Inhaber des absoluten Auto-Rundenrekords. Seine Zeit von 17 Minuten 35,139 Sekunden stellte er 2016 in einem speziell vorbereiteten Prodrive Subaru WRX STI auf. Wer diese Runde nicht kennt, sollte sofort auf YouTube nachsehen.

Noch stärker als körperlich ist die TT eine mentale Aufgabe. Fahrer müssen Hunderte Kurven auswendig kennen und sich bei vielen schon festlegen, lange bevor der Kurvenausgang überhaupt sichtbar ist – oft gestützt auf jahrelange Erfahrung statt auf das, was gerade vor ihnen liegt.

Und sie müssen das auf unterschiedlichen Motorrädern leisten: mit jeweils anderem Handling, anderen Bremspunkten und anderen Gangabstufungen – verteilt über zwei Wochen, in denen das Wetter letztlich entscheidet, wer fährt und wer nicht. Bei Nässe oder schlechter Sicht können die Bikes nicht raus, und ein Felsen mitten in der Irischen See entwickelt gern sein ganz eigenes Wetter.

„Ich fahre hier vier verschiedene Motorräder“, sagt Hicky. „Die Superbike- und die Superstock-Maschine sind ähnlich, aber trotzdem verschieden. Sie lenken anders ein, die Bremspunkte sind etwas anders, sie fühlen sich komplett anders an. Dann hast du das Supersport-Bike, das hat ein völlig anderes Schaltschema, andere Bremspunkte, andere Kurvengeschwindigkeiten – alles. Und dann ist der Twin wieder komplett anders. Also ja, du musst dir sehr viel merken.“

Risiko, Unfälle und die Realität hinter dem Mythos

Die Gefahr gehört jedoch immer dazu – und über die TT zu sprechen, ohne sie anzuerkennen, wäre unehrlich. Seit die Rennen 1911 auf den Mountain Course verlegt wurden, haben mehr als 270 Teilnehmer auf der Strecke ihr Leben verloren.

Auch wenn die engagierten und extrem erfahrenen Organisatoren versuchen, das Risiko mit außergewöhnlich guter Notfallversorgung und umfassender Unterstützung zu verringern, hat die diesjährige TT diese Realität erneut vor Augen geführt. Der TT-Neuling Daniel Ingham kam im Qualifying ums Leben. Zudem ereignete sich in Ramsey ein schwerer Vorfall, bei dem ein Fahrer in Zuschauer stürzte: Acht Menschen wurden verletzt, darunter ein zweijähriges Mädchen, das per Luftrettung ins Krankenhaus gebracht wurde.

Erschüttert wurde das Event außerdem durch schwere Sidecar-Unfälle: einmal mit Maria Costello und Shaun Parker sowie separat mit den hoch angesehenen Crowe-Brüdern Ryan und Callum. Diese Crashs führten nach einem Sicherheitsreview zu einem beispiellosen Schritt: Die Organisatoren strichen alle verbleibenden Sidecar-Rennen – vor dem Hintergrund, dass sich diese Klasse zunehmend zu einem aerodynamischen Wettrüsten entwickelt.

„Natürlich wissen wir, dass es eine gefährliche Veranstaltung ist“, sagte Hicky zu uns. „Das ist ein Teil der Faszination – ob wir das mögen oder nicht –, aber sie müssen diese Gefahr trotzdem überall dort minimieren, wo es möglich ist.“

Genau hier liegt der Drahtseilakt, den der Film schaffen muss. Wenn die TT zu geschniegelt wirkt, wird es unehrlich. Wenn man sie nur noch düster zeichnet, verfehlt man ebenfalls, worum es geht. Denn das ist nicht bloß ein Rennen: Es ist ein Ort, ein Ritual, ein Risiko, eine Gemeinschaft – und eine ganz eigene Form sportlichen Wahnsinns.

Im Moment bekommt die TT jedenfalls die volle Hollywood-Behandlung. Und sie hat sie verdient. Wer die Dokus TT3D: Closer to the Edge oder No Room for Error noch nicht gesehen hat, sollte sie sich sofort vormerken. Danach: TT Pass kaufen und die Rennen dieser Woche verfolgen – bis hin zur Senior TT.

Das könnte der Augenblick sein, in dem die TT aus der Motorradecke herauswächst und ein viel größeres Publikum erreicht. Seit Jahren existiert die Isle of Man TT in einem merkwürdigen Zwischenraum: Jeder hat schon davon gehört. Jeder weiß, dass sie komplett durchgeknallt ist. Die meisten haben mindestens einen Clip gesehen, in dem ein Fahrer in irrer Geschwindigkeit an Steinmauern vorbeischrammt. Nur wirklich hineingekniet hat sich die breite Öffentlichkeit bislang nie. Channing Tatum und sein Team könnten das ändern. Und ja: Wir sind voll dabei.

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