Mercedes-Benz geht davon aus, dass sich der Wettbewerb mit chinesischen Herstellern auf dem europäischen Markt in den kommenden Jahren deutlich verschärfen wird. Das betonte Michael Schiebe, Mitglied des Vorstands von Mercedes-Benz und zuständig für Produktion, Qualität und Supply-Chain-Management, in einem Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten, an dem auch Razão Automóvel teilnahm.
Aus Sicht von Schiebe ist China längst nicht mehr nur ein strategisch wichtiger Absatzmarkt. Für Mercedes-Benz sei das Land inzwischen vielmehr ein Praxislabor, in dem der Konzern lernt, auf ein Wettbewerbsniveau zu reagieren, das er in absehbarer Zeit auch in Europa erwartet. „Wir müssen unsere Produktionskosten senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, erklärte der Manager.
Schiebe hält es für unvermeidbar, dass chinesische Marken ihre Präsenz ausserhalb ihres Heimatmarkts weiter ausbauen. Genau diese Entwicklung zwinge den Konzern dazu, die Art und Weise zu überdenken, wie Fahrzeuge entwickelt, produziert und das Unternehmen organisatorisch aufgestellt wird. „Wir sehen den chinesischen Markt als Trainingsfeld für das, was wir in Europa und anderen Märkten erwarten“, sagte er.
Nach Einschätzung des Vorstandsmitglieds greift es zu kurz, lediglich Löhne zu drücken oder pauschal Ausgaben zu streichen. Der Hebel liege tiefer.
Ein zentraler Baustein dieser Ausrichtung nimmt bereits in Kecskemét (Ungarn) konkrete Formen an: Dort hat Mercedes-Benz 1 Milliarde Euro in den Ausbau des Werks investiert. Dabei geht es nicht allein darum, mehr Kapazität zu schaffen, sondern ebenso um neue Technologien, höhere industrielle Effizienz und eine bessere Prozessqualität.
Was Kostensenkung konkret bedeutet
Auf Nachfrage von Razão Automóvel, was unter „Kosten senken“ im Detail zu verstehen sei, machte Schiebe deutlich, dass die Betrachtung weit über Löhne hinausgeht.
„Zu den Faktor-Kosten gehören die Arbeitskosten und natürlich die Löhne, aber auch die Energie. Dazu zählen ausserdem die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden, die Krankheitsausfallquoten im Vergleich zu anderen Werken, die Kompetenzen und schliesslich die Motivation der Menschen“, sagte Schiebe.
Aus seiner Sicht bestimmen genau diese Kennzahlen, wie effizient ein Standort arbeitet – und sie liefern die Grundlage, um zu entscheiden, wo neue Modelle sinnvoll angesiedelt und wo Produktionsumfänge erhöht werden sollten. Burzer ergänzte zudem, dass das ungarische Werk bei der Produktivität über dem Niveau anderer Mercedes-Benz-Standorte liege.
„Wir haben hier eine höhere Produktivität als in anderen Werken. Das ist ein enormer Vorteil, wenn wir mehr Produktionsvolumen in diese Einheit verlagern“, erklärte er. Die Überprüfung der Kostenstruktur beschränke sich ausserdem nicht auf die Werke: „Wir schauen nicht nur auf die Produktionskosten. Wir schauen auf alles: Engineering, Produktentwicklung, Software und die Vertriebsorganisation.“
Mehr Ungarn und weniger Deutschland
Das Werk Kecskemét ist eine der zentralen Säulen, mit denen Mercedes-Benz diese Strategie in Europa umsetzen will. Dort laufen bereits die A-Klasse und der GLB vom Band; zudem hat die Produktion der neuen elektrischen C-Klasse begonnen. Ausserdem wurde der Standort exklusiv für die Fertigung der künftigen kompakten G-Klasse ausgewählt.
Beim elektrischen GLC wird Kecskemét Teil des flexiblen Produktionsverbunds von Mercedes-Benz. Damit können je nach Marktentwicklung und Nachfrageverlauf unterschiedliche Produktionsvolumina an das Werk vergeben werden.
Wie Christian Dickert, Werksleiter in Kecskemét, gegenüber Razão Automóvel erläuterte, sei diese „Einheit so konzipiert, dass sie schnell auf Marktveränderungen reagieren kann“.
Zu den umgesetzten Massnahmen zählen unter anderem die Endmontage der Batterien direkt am Standort, ein digitaler Zwilling, mit dem die Fertigung vor dem Aufbau des Werks virtuell simuliert wurde, sowie neue KI-Werkzeuge zur Stärkung der Qualitätskontrolle. Laut Mercedes-Benz sollen diese Technologien schrittweise auch in weiteren Werken des Konzerns eingeführt werden.
„Wir sind sehr stolz darauf, die Endmontage der Batterien in unseren eigenen Anlagen zu haben. Das macht uns sehr flexibel, um auf die Anforderungen des Marktes zu reagieren“.
Christian Dickert, Direktor des Mercedes-Benz-Werks Kecskemét
Feurer führte ausserdem aus, dass die räumliche Nähe zwischen Batteriemontage und Produktionslinie die Logistik effizienter mache, transportbedingte Emissionen innerhalb des Werks senke und die Reaktionsfähigkeit bei Nachfrageschwankungen erhöhe.
Keine Zeit zu verlieren
Schiebe ordnete die Investitionen in die übergeordnete Konzernstrategie ein: „Wir müssen unsere Kostenstruktur vorbereiten, bevor noch mehr Konkurrenz chinesischer Marken nach Europa kommt“, sagte er. Mercedes-Benz müsse die Produktionskosten senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Nach Darstellung von Schiebe dient die zunehmende Automatisierung in den Werken inzwischen nicht mehr nur dazu, repetitive Tätigkeiten zu ersetzen. Ebenso wichtig sei die Datenerfassung entlang des gesamten Produktionsprozesses geworden – als Instrument, um Qualität, Rückverfolgbarkeit und industrielle Effizienz zu verbessern.
Vor diesem Hintergrund setzt Mercedes-Benz als Reaktion auf den chinesischen Wettbewerb zunächst darauf, die Kosten in Europa durch Investitionen zu senken – und nicht durch eine Verringerung der Produktionskapazitäten. Volkswagen verfolgt dagegen ein anderes Vorgehen und hat angekündigt, sein Portfolio zu verkleinern; dabei steht die Schliessung von vier Werken im Raum.
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