Die Weltpremiere des neuen Mercedes-Benz SL R232 ist für diesen Sommer angesetzt, der Marktstart soll im November erfolgen – und damit deutlich nach Abschluss der letzten dynamischen Erprobungsfahrten, die derzeit sowohl bei extremer Hitze als auch bei großer Kälte laufen.
Beim neuen Mercedes-Benz SL übernimmt erstmals AMG die Entwicklung. Technisch wird er deshalb eng an den Mercedes-AMG GT heranrücken. Ziel ist es, den Glanz der frühen Baureihen wiederzubeleben und an das anzuknüpfen, wofür der SL zu Beginn der 1950er stand: vornehm, luxuriös und begehrenswert.
Ganz ohne Verzögerung blieb das Projekt nicht. Ursprünglich war die weltweite Enthüllung noch für 2020 vorgesehen, doch Pandemie und begrenzte Kapazitäten im AMG-Entwicklungszentrum in Affalterbach sorgten dafür, dass das zweisitzige Cabriolet den ursprünglichen Zeitplan nicht halten konnte.
Der Vorgänger
Im Vergleich dazu ist die Lage jedoch längst nicht so kritisch wie beim Start des Vorgängers R231 im Jahr 2012. Als er damals vorgestellt wurde – mit drei Jahren Verspätung – wirkte er bereits etwas überholt und brachte nur wenig echte technische Neuerungen.
Zwar wurde das Design modernisiert, und das Gesamtgewicht sank um 170 kg. Außerdem spritzte die Anlage die Scheibenwaschflüssigkeit direkt aus den Gummilippen der Wischer, und im Fußraum der beiden Insassen saßen große Tieftöner. Für einen neuen SL war das allerdings eher ein dünnes Innovationspaket.
Hinzu kam: Fahrdynamisch galt er nicht als besonders flink – was ein Stück weit zum Käuferprofil passte, dessen Durchschnittsalter bei etwa 60 Jahren lag. Damit war die Zielgruppe deutlich älter als die Kundschaft des attraktiveren AMG GT Roadster, der den SL für viele Kaufinteressenten eines Mercedes-Benz-Cabrios fast in Vergessenheit geraten ließ.
Aus Sicht vieler Puristen begann der Niedergang des SL bereits 2002, als Mercedes das versenkbare Metallklappdach einführte. Dieser Trend der späten 1990er und frühen 2000er sollte die Vorteile von Coupé und Cabriolet vereinen: bessere Dämmung, mehr akustische Ruhe sowie höhere Sicherheit und besseren Schutz vor Vandalismus.
Dem standen jedoch spürbare Nachteile gegenüber. Die Metallkonstruktionen verlangten nach großen Heckpartien, um das Dach unterzubringen, was der Silhouette selten guttat und häufig in einem auffälligen, großen Heckdeckelausschnitt endete. Dazu kam der Gewichtsnachteil (der SL brachte es zeitweise auf mehr als 1,8 Tonnen – kein guter Fit für die Bezeichnung „Super Leicht“).
Stoffverdeck kehrt zurück
Genau dieses versenkbare Hardtop des Vorgängers war zwar praktisch, aber alles andere als „schick“ – und wird nun zur Vergangenheit. Der neue SL R232 setzt wieder auf das klassische Stoffverdeck, allerdings mit elektrischem Antrieb. Gleichzeitig soll er weitere Werte zurückholen, die den SL einst zur Legende machten: weniger Gewicht sowie eine schlankere, elegantere Karosserie.
Zudem hat Mercedes-Benz das Cabrio-Programm in den letzten Jahren deutlich ausgedünnt: SLK/SLC und S-Klasse Cabrio sind gestrichen, ebenso das neue C-Klasse Cabrio. Für Cabrio-Fans bleibt dadurch mehr Aufmerksamkeit für den neuen SL.
Allradantrieb, ja. V12 nein?
Bei den Antrieben deutet vieles darauf hin, dass alle neuen SL-Varianten das 48-V-Mildhybrid-System der neuen S-Klasse nutzen werden – in Sechs- und Achtzylinder-Ausführungen und stets gekoppelt an eine neunstufige Automatik.
Im Gegenzug dürfte der große V12 der Versionen SL 600 und SL 65 AMG endgültig auslaufen.
Dafür wird erstmals in der Geschichte des Modells ein SL mit Allradantrieb feststehen. Als möglicher Kandidat für diese Auslegung gilt der kolportierte SL 73, der voraussichtlich auf den gleichen Antriebsstrang wie der künftige GT 73 4 Türen setzt: ein Biturbo-V8 in Kombination mit einem Elektromotor (Plug-in-Hybrid).
Und falls die Marketingverantwortlichen zu dem Schluss kommen, dass dies dem herausgehobenen SL-Image nicht schadet, könnten sogar alltagstauglichere Varianten Realität werden – etwa ein preislich zugänglicherer Plug-in-Hybrid oder zum Einstieg in die SL-Palette sogar ein kleiner 2,0 l Turbo-Vierzylinder.
Mehr als sechs Jahrzehnte Geschichte
Schon Ende der 1950er Jahre des vergangenen Jahrhunderts (1954 als Coupé mit Flügeltüren und 1957 als Roadster) erlangte der 300 SL (eine Abkürzung, deren Bedeutung nie offiziell festgelegt wurde und die zwischen Sport Leicht und Super Leicht schwankt) enorme Bekanntheit. Sein mitreißendes Design machte ihn zum Statussymbol – häufig bewegt von Prominenten in Europa und den USA.
Auf diese ursprüngliche Generation (W198) folgte der elegantere W121, der bis 1963 gebaut wurde. Danach übernahm der von Paul Bracq gestaltete W113: ein Roadster mit abnehmbarem Hardtop, der wegen der konkaven Dachlinie als „Pagode“ berühmt wurde.
1971 trat der R107 an seine Stelle – eine weitere Design-Ikone, die bis 1989 in Produktion blieb. Er zählt zu den wenigen Autos, die bereits während der Serienfertigung einen gewissen Klassikerstatus erreichten.
Der R129 von 1989 war das erste Cabriolet mit automatisch ausfahrendem Roll bar, der bei einem Überschlag die Köpfe der Insassen schützen sollte; gebaut wurde er bis 2001.
Danach folgte die fünfte SL-Generation, der R230, der 10 Jahre lang produziert wurde. Die 2012 eingeführte Baureihe R231 war zwar eine tiefgreifende Überarbeitung des Vorgängers, doch das Projektalter war spürbar: Diese beiden eng verwandten Generationen kamen zusammen auf nicht weniger als zwei Jahrzehnte.
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