Zum Inhalt springen

Mercedes S680 GUARD: Die S-Klasse als stilvoller VR10-Panzer

Schwarze Luxuslimousine fährt auf Straße entlang eines Flusses mit Stadt und Bäumen im Hintergrund bei Sonnenschein.

Du bist ein hochrangiger Politiker? Staatsoberhaupt? Oder jemand, der Leute so sehr gegen sich aufbringt, dass es gefährlich wird? Dann hat Mercedes gerade das passende Fahrzeug vorgestellt: den S680 GUARD. Im Kern ist das ein stilvoller Panzer im Anzug.

Als Grundlage dient die jüngste Generation der S-Klasse – eine Baureihe, die seit 1972 (seit der W116-Generation) von den Mächtigen und Einflussreichen genutzt wird. Der S680 GUARD ist dabei das Spitzenmodell aus einer langen Reihe ab Werk konfigurierter „Sonderschutz“-Fahrzeuge von Mercedes. Und er spielt in der höchsten Liga: Er trägt die bestmögliche Schutzklassifizierung für zivile Insassen, „VR10“. Wer noch mehr Robustheit will, muss im Grunde militärisch denken.

Mercedes S680 GUARD und VR10: Unauffälligkeit als Konzept

Optisch wirkt der S680 GUARD… weitgehend wie eine normale S-Klasse. Mehr oder weniger. Genau das ist die Absicht: Wer diesen Schutz braucht, möchte in der Regel keine zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen. Deshalb sieht der GUARD aus wie eine S-Klasse mit langem Radstand.

Ganz spurlos bleibt es nicht: Die Scheiben wirken etwas eigenartig, weil innen kräftigere Rahmen zu erkennen sind. Auch Räder und Reifen erscheinen auffallend massiv. Klopfst du jedoch auf die Aluminiumhaut – wie bei einer regulären S-Klasse – klingt es erst einmal nach „ganz normalem Auto“.

Gehst du dagegen mit dem Fingerknöchel an Glas oder Reifen, fühlt es sich an, als würdest du auf dicken Marmor klopfen. Der Eindruck täuscht: Hier ist nichts so, wie es aussieht.

Schutztechnik: Sicherheitszelle, Glas, Überlappungen und Überdruck

Vereinfacht gesagt ist das Fahrzeug um eine Sicherheitszelle herum aufgebaut, die gegen alles geschützt ist, was unterhalb schwerer Bewaffnung liegt. Handfeuerwaffen? Ein .44 Magnum oder .357 hinterlässt am inneren Schutz kaum mehr als eine Schramme – auch wenn aussen ein Loch bleibt, das man an der Karosseriehaut wieder auspolieren müsste. Ein 7.62x39-Kaliber – etwa aus einer Kalaschnikow AK-47 – hinterlässt lediglich eine kleine Spur.

Alles darüber? Wird abgefangen, auch wenn die äussere „Opfer“-Karosserie dabei sichtbare Narben davonträgt. Das reicht bis hin zu einem russischen Dragunov-Scharfschützengewehr (7.62x54R, für Kaliber-Fans) mit stahlummantelter Munition, gehärtetem Stahlkern und Brandkopf. Genau diese Bandbreite steckt hinter der VR10-Zertifizierung – sprich: Du hast offenbar wirklich unangenehme Leute verärgert.

Und wer jetzt denkt, man könne einfach an Türkanten oder Karosseriefugen zielen: Die Panzerung ist so überlappend ausgeführt, dass solche „Nahtstellen“-Angriffe ins Leere laufen.

Bei gröberer Gangart bleibt es ebenfalls ernst: Der S680 hält auch IEDs (improvisierten Sprengsätzen) mit mehreren kg Sprengstoff stand – selbst dann, wenn so etwas aufs Dach geworfen wird.

Wie Mercedes das umsetzt? Die Scheiben sind mehrlagig, mehrere Zentimeter stark und in die Türrahmen eingezogen. Bei Beschuss zerspringen sie zwar, nehmen aber die Energie des Projektils auf und schleudern geschmolzenes Glas zurück in Richtung des Schützen. Ballistik ist eben keine freundliche Disziplin.

Hinter den üblichen Aluminium-Aussenhautteilen sitzen zudem „labyrinthartig“ aufgebaute Stahlpanzerungen, darunter Geflechte aus exotischen Werkstoffen wie Aramid.

Die Türen bringen 250kg auf die Waage. Pro Stück. Trotzdem schwingen sie wie gewohnt auf, weil Elektrosteller unterstützen – inklusive Einklemmschutz. Ohne den würdest du, wenn eine Tür deine Hand erwischt, sehr schnell nicht mehr tippen können.

Wer versucht, die Insassen „auszuräuchern“, wird ebenfalls ausgebremst: Das Fahrzeug kann hunderte Liter Frischluft speichern. Erkennt das System Gas, werden die Lufteinlässe geschlossen und der Innenraum wird für die entscheidenden Momente mit Überdruck beaufschlagt – lange genug, um wegzukommen.

Eingebaute Feuerlöscher sind ebenfalls an Bord. Dazu kommen Sirenen, mobile Kommunikations-/Funklösungen und Aussenlautsprecher, um mit Personen ausserhalb zu sprechen, während man im geschützten Innenraum bleibt. In den Becherhaltern sitzt ausserdem ein grosser roter Knopf, der das Fahrzeug im Prinzip in einen mobilen Panikraum verwandelt. Man hat uns nicht erlaubt, ihn zu drücken.

Grenzen und Fluchtlogik: Reifen, Gewicht und V12

Natürlich sind solche Fahrzeuge nicht unbesiegbar. Fährst du in einen See, ertrinkst du trotzdem. Und wenn ein echter Panzer auf dich schiesst, wirst du trotz guter Garderobe zu Pastete.

Der Zweck ist auch nicht „stehen und kämpfen“, sondern lange genug durchzuhalten, um fliehen zu können. Darum fährt der S680 GUARD Michelin-PAX-Notlaufreifen: Selbst wenn sie zerfetzt beschossen wurden, lassen sie sich noch 30km weiterfahren. Im Inneren sitzt ein massiver Gummiring; Stahlstifte sorgen dafür, dass der Reifen effektiv am Felgenhorn verriegelt bleibt. Die typische S-Klasse-Comfort-Qualität wird dabei bewusst geopfert – zugunsten des taktischen Rückzugs.

An einem gewissen Punkt wird dann auch ein Leergewicht von 4,4 Tonnen in Kombination mit 4Matic-Allradantrieb zum Vorteil – etwa wenn es „mittelalterlich“ wird und man ein anderes Fahrzeug einfach aus dem Weg schieben muss. Das erklärt nebenbei, weshalb ein Auto mit 600bhp und einem 6.0-litre V12 „nur“ 0-62mph in achteinhalb Sekunden schafft. Für heutige Verhältnisse gemächlicher Vortrieb – aber nicht ohne Grund.

Prüfung und Zertifizierung: Beschussamt Ulm, VPAM und „biofidele“ Dummies

Fast ebenso spannend ist, wie der S680 GUARD zertifiziert wird – denn es geht dabei überhaupt nicht um offensive Fähigkeiten, sondern darum, dass die weichen, verletzlichen Menschen im Inneren im richtigen Masse weich und verletzlich bleiben.

Die Einstufung auf Schutzlevel VR10 übernimmt das Beschussamt Ulm („Beschussamt“) nach den Prüfrichtlinien der Association of Test Laboratories for Attack-Resistant Materials and Constructions (VPAM). Eingesetzt werden sogenannte „biofidele“ Crash-Test-Dummies – diese Exemplare verfügen über 42 Knochen, Haut und zwölf Weichgewebe-Analoga sowie innere Organe.

Im Test wurde der S680 beschossen, gesprengt und misshandelt. Anschliessend beurteilten echte Mediziner die Dummies, um zu prüfen, welche Auswirkungen die Gewalt auf die „Menschen“ im Fahrzeug gehabt hätte. Nach Abschluss aller Abläufe soll der S680 die Maximalwertung erreicht haben: Die Insassen wären davongekommen – vermutlich mit Tinnitus und leichter PTBS. Es hält sich ausserdem das Gerücht, jemand habe dabei den Champagner aus dem Kühlschrank im Fond verschüttet. Das Fahrzeug sah am Ende der Prozeduren zwar mitgenommen aus, doch die Sicherheitszelle hielt alle am Leben.

Wichtig ist auch: Man kann so ein Fahrzeug nicht einfach beim Händler bestellen. Es gibt Hintergrundprüfungen, ob man den Schutz wirklich benötigt – und einen Preis, über den niemand sprechen möchte: Preis auf Anfrage, mit zusätzlichen Stufen bei der „Anfrage“. Dafür kommt der S680 GUARD mit Mercedes-Garantie und einem „fliegenden Doktor“-Service, falls ein echter Ölwechsel oder eine quietschende Buchse Aufmerksamkeit verlangt.

Das vielleicht Beste am GUARD ist, dass er nicht aggressiv wirkt. Nimmt man ihn aus einer Kolonne heraus (und schraubt die Fahnenhalter an den vorderen Kotflügeln ab, wenn man es mit der Tarnung ernst meint), bleibt es optisch einfach eine neue S-Klasse. Drinnen gibt es sämtliche aktuellen Aufwertungen, alle Multimedia-Funktionen, dazu das gewohnt schöne Holz und Leder. Es ist schade, dass man so etwas überhaupt braucht – aber wenn schon maximale Sicherheit, dann wenigstens mit Stil.

Preis: Preis auf Anfrage/vorbehaltlich Genehmigung
Motor: 6.0-litre V12 biturbo
Leistung: 612hp (604bhp), 612lb ft
Fahrleistungen: 0-62mph in 8.3 seconds, 130mph
Getriebe: 9-speed auto, 4Matic AWD 31/69 torque split F/R
Gewicht: circa 4,400kg

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen