Zum Inhalt springen

Europa: Niedrige Kerosinbestände erhöhen laut Reuters das Risiko im Sommer

Frau im Businessanzug nutzt digitale Projektion über Flughafen mit Modellschiff und Tablet auf Kartentisch.

Europa ist laut einem Reuters-Bericht operativ anfällig, weil die Kerosinbestände ungewöhnlich niedrig sind. Zwar wurden kurzfristig zusätzliche Mengen aus Nord- und Südamerika sowie aus Asien beschafft, doch die geopolitische Lage im Nahen Osten erhöht ausgerechnet zur stark nachgefragten Sommerreisezeit das Risiko von Lieferunterbrechungen.

Niedrige Kerosinbestände: Europas dünne Sicherheitsmarge

Im laufenden Betrieb der europäischen kommerziellen Luftfahrt bleibt nur ein sehr kleiner Puffer. Branchendaten zufolge reichen die Kerosinvorräte in Europa für weniger als 30 Tage Nachfrage – damit ist die Region besonders empfindlich gegenüber logistischen Störungen oder Ausfällen auf der Angebotsseite.

Im Juni 2026 beliefen sich die europäischen Bestände auf 38 Millionen Barrel, ein deutlich niedrigeres Niveau als die 99 Millionen Barrel, die für die USA gemeldet wurden.

Engpass-Prognosen und Abhängigkeit von Importen aus dem Nahen Osten

Prognosen der Beratung Energy Aspects gehen für Europa im dritten Quartal von einem ausgeprägten Defizit von 600.000 Barrel pro Tag aus. Im Gegensatz dazu erwarten die USA und die Region Asien-Pazifik Überschüsse von 116.000 beziehungsweise 425.000 Barrel pro Tag.

Vorläufige Zahlen der Internationalen Energieagentur zeigen zudem: Obwohl die Lagerbestände im Vergleich zum Vorjahr um 10% zulegten und die Raffinerieproduktion um 30% stieg, bleibt der real nutzbare Spielraum für Fluggesellschaften weiterhin auf etwa einen Monat begrenzt.

Die derzeitige Verwundbarkeit ist auch das Ergebnis jahrzehntelanger Raffinerieschliessungen in Europa, wodurch die Importabhängigkeit wuchs. Vor dem im Februar ausgelösten Konflikt – nach US- und israelischen Luftangriffen, die den Krieg mit dem Iran auslösten – stammten rund 50% des europäischen Flugtreibstoffs aus dem Nahen Osten.

Strasse von Hormus als zentraler Engpass

Als wichtigster Risikopunkt gilt die Strasse von Hormus, eine strategische Passage, über die ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggasverkehrs läuft. Trotz einer teilweisen Wiederöffnung im Juni wurden die fragilen Waffenruhen im Juli durch gegenseitige Angriffe infrage gestellt. Länder wie das Vereinigte Königreich, Frankreich und Deutschland standen deshalb wegen der möglichen Unterbrechung der Seeverkehre in erhöhter Alarmbereitschaft.

Afrikanische Märkte, die nahezu vollständig vom Nahen Osten abhängig sind, dämpften die Auswirkungen, indem sie ihre Käufe bei der Dangote-Raffinerie in Nigeria ausweiteten und zusätzlich in Indien und Oman einkauften.

Umgestellte Lieferketten, Importrekord, Preise und EU-Notfalloption

Um einen Stillstand im Luftverkehr zu verhindern, gestalteten europäische Importeure ihre Lieferketten neu und suchten gezielt nach alternativen Anbietern weltweit. Im Juni erreichten die gesamten Kerosinimporte 673.000 Barrel pro Tag – laut der Beratung Kpler der höchste Wert seit Oktober 2025.

Trotz des angespannten Angebots gingen die Treibstoffpreise in Westeuropa auf etwa US$ 133,27 pro Barrel zurück und entfernten sich damit vom Rekordhoch von US$ 215,32 im März. Das entlastet die laufenden Kosten zumindest teilweise, da Treibstoff typischerweise 20% bis 25% der Ausgaben von Fluggesellschaften ausmacht.

Vor diesem Hintergrund bestätigte die Europäische Kommission, sie sei bereit, bei operativem Bedarf die koordinierte Freigabe strategischer nationaler Bestände der Mitgliedstaaten zu organisieren, um die Fortführung des Flugbetriebs sicherzustellen.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen