Das ist so ein echter „Wow“-Augenblick – und davon gibt es heute nicht gerade viele. Also: Bühne frei für den Ferrari Luce, das erste vollelektrische Auto der Marke und ein echter Wendepunkt. War das das, was ihr erwartet habt? Eben.
Bevor jetzt jemand „klassischer Supersportwagen“ denkt: Die bisherigen Elektro-Superstars haben sich oft an das etablierte Mittelmotor-Schema geklammert – und die Kundschaft hat erstaunlich häufig nicht zugegriffen. Ferrari wäre diesen Weg ohnehin nie gegangen, und die berühmteste Autofirma der Welt ist nicht dadurch gross geworden, dass sie Risiken meidet. Stattdessen traf man eine ziemlich geniale Entscheidung: Für die Ausarbeitung von Exterieur und Interieur holte man die Designagentur LoveFrom ins Boot – unter der Leitung des früheren Apple-Chefdesigners Sir Jonathan Ive. Kreative nennen so etwas gern „Kontamination“; Ferrari spricht von einer „unkonventionellen, multidisziplinären Perspektive“. Allerdings.
Ferrari Luce: Eckdaten, Idee und Name
Zur Einordnung die harten Fakten: Vier Elektromotoren – je einer pro Rad –, 1.035 bhp Systemleistung, 0–100 km/h in 2,5 Sekunden, 309 km/h Spitze und eine Reichweite von rund 530 km bei voller Ladung. Verbaut ist ein 122-kWh-Batteriepaket, dazu eine 800-Volt-Architektur. Das Gesamtgewicht liegt bei 2.260 kg – für ein knapp fünf Meter langes E-Auto ein durchaus respektabler Wert.
Und weil es hier nicht nur um Antrieb, sondern um Alltagstauglichkeit geht, steht Vielseitigkeit ganz oben auf der Agenda: Im Luce finden fünf Personen Platz, und es gibt eine Heckklappe. Dieser Anspruch – zusammen mit dem Zwang zu einer aerodynamisch effizienten Silhouette – erklärt die raumschiffartige Form und die ungewöhnliche „Oberflächensprache“. Ebenso wie die Art, wie dieses Auto überhaupt entworfen und entwickelt wurde. „Luce“ bedeutet übrigens „Licht“ – im Sinne von „den Weg nach vorn ausleuchten“ oder „das Licht sehen“.
„Wir sind überzeugt, dass ein Unternehmen seine Führungsrolle dann beweist, wenn es den Mut hat, zu wagen und sich der Herausforderung neuer Technologien zu stellen“, sagt Ferrari-CEO Benedetto Vigna. „[Der Luce] ist das Ergebnis von mehr als 60 unserer neuen Patente und steht im Zentrum eines Ökosystems an Kooperationen mit herausragenden Technologiepartnern.“
Ferrari hat zwar auch ein E-Auto im Stil eines F80 in Betracht gezogen, verwarf die Idee jedoch als philosophische Sackgasse – so erklärt es der Leiter der Fahrzeugentwicklung, Matteo Lanzavecchia: „Wenn man ein Mittelmotorauto hat und den Motor und den Kraftstofftank herausnimmt und sie durch ein Batteriepaket und einen Elektromotor ersetzt, gewinnt man weder beim Schwerpunkt noch beim Trägheitsmoment etwas.
"Aber indem wir etwas Grösseres gemacht haben, konnten wir Platz für fünf Personen schaffen. Der Schwerpunkt liegt tiefer [95 mm tiefer als beim Purosangue] und wir haben die Torsionssteifigkeit verbessert, indem wir das Batteriepaket in die Karosserie integriert haben. Wir haben alles neu gedacht. In der Folge sind 95 Prozent der Komponenten neu.“
Antrieb, Regelung und Fahrdynamik
Der Luce bietet eine bislang bei Ferrari nicht gekannte Kontrolle über jedes einzelne Rad – in allen drei Achsen: lateral, longitudinal und vertikal, mit besonderem Fokus auf die laterale Karosseriedynamik. Eine neue „Vehicle Control Unit“ (VCU) behält das Gesamtpaket im Blick und aktualisiert die Zielwerte 200-mal pro Sekunde. Die vorderen Motoren stellen 282 bhp bereit, die hinteren 831 bhp – und dazu kommt ein enormes Drehmoment: 5.900 lb ft an den Hinterrädern.
Damit nicht genug: Effizienz, Energiedichte und Thermomanagement wurden von Beginn an priorisiert. Die vorderen E-Maschinen drehen bis zu 30.000 U/min und können in weniger als einer Sekunde von null auf volle Leistung hochfahren. Fahrwerk und Karosserie bestehen zu 75 Prozent aus recyceltem Aluminium, was die CO₂-Emissionen deutlich senkt. Auch die Sitzposition ist ungewöhnlich: Der Fahrer sitzt weiter vorn und näher an der Vorderachse, als man es bei den Abmessungen erwarten würde – was das Gefühl von Kontrolle am Lenkrad spürbar steigert.
Erstmals bei Ferrari gibt es zudem einen separat, elastisch gelagerten Hilfsrahmen, der NVH (Geräusche, Vibrationen, Rauigkeit) reduziert. Und ja: Ein glaubwürdiger Klang gehört für Ferrari dazu. „Ein Präzisionsbeschleunigungssensor im Zentrum der Achse erfasst die dynamische Textur und die Vibrationen der rotierenden Komponenten“, erklärt das Unternehmen; diese würden dann ähnlich wie bei einer E-Gitarre ausgeglichen und verstärkt. Aktiv ist das im Leistungsmodus.
Ein System namens „Torque Shift Engagement“ liefert im Kern Motorbremswirkung und mehr Interaktion über einen progressiven Drehmomentabruf. Ergebnis: Man nähert sich einer Kurve mit einer ähnlichen Art von Kontrolle wie in einem Verbrenner. Zusätzlich zum klassischen Fahrwerks-Manettino gibt es ein E-Manettino, das Leistung, Drehmomentkurve, Traktion und Performance über die Stufen „Reichweite“, „Tour“ und „Leistung“ verwaltet.
Dazu kommen ein virtuelles Differenzial, Torque Vectoring an allen vier Rädern und eine aktive Federung. Ferraris berühmtes Seitenschlupfkontrollsystem erreicht hier Version 10; tatsächlich ist es nur ein Baustein in einem deutlich grösseren Netzwerk an Fahrwerksregelsystemen mit entsprechend beeindruckender Rechen- und Regelgewalt (inklusive eines ganzen Dickichts an Abkürzungen). Rekuperationsbremsen spielen dabei eine zentrale Rolle, dennoch sind physische Carbon-Keramik-Reibbremselemente verbaut (vorn 390 mm, hinten 372 mm). Und es gibt ein clever neu entwickeltes Radnabenlager, das den Rollwiderstand reduziert.
Mit all dem beschäftigen wir uns deutlich ausführlicher, sobald wir gefahren sind. Für den Moment zurück zur Optik.
LoveFrom, Jony Ive und das Design von aussen bis innen
Man kann sich in die Form verlieben oder sich an ihr reiben – das ist eure Entscheidung. Klar ist nur: In natura wirkt der Luce extrem durchdacht und mit bemerkenswerter Sorgfalt umgesetzt. Es gibt hinten angeschlagene Türen, ein markantes Cockpit samt „Flying-Bridge“-C-Säule und insgesamt eine echte Konzeptfahrzeug-Aura. Die hinteren Räder haben 24 Zoll Durchmesser (ca. 61 cm), die vorderen 23 Zoll (ca. 58 cm). Das ist die Arbeit einiger der schärfsten Köpfe unserer Zeit – und falls das ein Hypercar ist, dann eines, wie wir es so noch nie gesehen haben.
Der Luce ist eines der faszinierendsten Autos seit langer Zeit
„Wir müssen die Menschen bilden“, sagte Marc Newson, Mitgründer von LoveFrom, einmal zu mir – eingebettet in eine grössere Designdebatte. „Wenn man Konsumenten fragt, was sie wollen, können sie nur ihren Referenzrahmen nutzen. Und alles, was sie tun können, ist in die Vergangenheit zu schauen.“ (Oder vielleicht nach einem schnelleren „Cavallino Rampante“ verlangen …)
Während seiner Zeit bei Apple haben Ive und sein Team unsere Beziehung zu Computern – und Technologie insgesamt – neu definiert: Aus beigen Kisten wurden erst verspielte Objekte, dann radikal minimalistische, elegante Portale in eine neue Welt. Und iPod und vor allem iPhone haben nun ja: alles verändert. Im Kern ist Ive jemand, der Dinge bauen will, der weiss, wie es geht – und der für schlampiges Design keine Geduld hat.
„Uns hat die Idee eines Fünfsitzers begeistert, der flexibel, vielseitig und von Natur aus luxuriös ist“, sagt er TopGear.com bei einem exklusiven Rundgang. „Natürlich ist er durch den Preis exklusiv, aber gleichzeitig zugänglicher und relevanter. Das ist ein neues Paradigma – und zugleich die grösste Herausforderung.“ Er deutet auf die Dachlinie. „Stellt euch vor, wie viel einfacher unsere Arbeit gewesen wäre, wenn wir diesen Punkt um etwa 5 cm hätten absenken können.“
Vor allem ist der Luce funktional. Er sitzt zwar weiterhin niedriger als der Purosangue, erfüllt aber einen anderen Zweck und wurde mit anderen Methoden entwickelt. Andere haben versucht, eine „Monobox“-Form umzusetzen – doch sie kollidiert mit den Stand- und Proportionsregeln, die Automobildesign traditionell erden. Der Luce versucht, das zu umgehen, indem die Passagierzelle von einer Form umhüllt wird, die sie regelrecht umkreist: fast wie ein Auto im Auto. Ferrari nennt keinen Luftwiderstandsbeiwert, sagt aber, es sei das aerodynamisch „glitschigste“ Auto, das die Marke je gebaut habe.
Der Luce hat ohne Zweifel das Potenzial, auf eine Weise zu provozieren und zu inspirieren, wie es Autos oft nicht mehr gelingt – und genau das gehört zu seiner Aufgabe. Die Windschutzscheibe geht direkt in die Motorhaube über, die unter einer schwebend wirkenden Nase endet. Kaum ein Auto hat weniger Spaltmasse als der Luce, und die Linie zwischen Scheibe und Haube ist eine atemberaubende Kombination aus Design- und Fertigungskunst.
Die Leuchten sind schmale LED-Elemente; darunter sitzt eine Öffnung, die die Klimatisierung versorgt. Der Abstand zwischen den vorderen Federbeinaufnahmen und der Karosserie ist millimetergenau. Auffällig auch die Scheibenwischer: Sie parken seitlich an den Rändern der Scheibe statt wie üblich in der Mitte. Ive lässt nebenbei fallen, dass man den gesamten Vorderwagen gern aus Glas gefertigt hätte – das bleibt jedoch klar im Bereich der Studie.
Wir legen uns fest: Der Luce hat den befriedigendsten Innenraum der Welt
Dazu passt auch die „hydrophobe“ Beschichtung, an der Ive mit seinem Glaslieferanten arbeitet. Leider hat man bislang noch nicht gelöst, wie sich Feuchtigkeit zuverlässig abweisen lässt – also bleiben klassische Wischer Pflicht. „Wir schätzen grossartige Ingenieure enorm, und Ferrari wusste, dass wir nicht einfach Dinge über die Mauer werfen“, sagt Ive über die Arbeitsweise von LoveFrom. „Es ging ganz sicher nicht darum, wie laut ich als trotziges Ar***loch-Designerchen mit dem Fuss aufstampfen kann.“
Ives beispiellose Erfolgsbilanz als Designchef von Apple ist ein starkes Verkaufsargument. Ferrari geht davon aus, dass ein Grossteil der Luce-Käufer neu zur Marke kommt – und die technologische Herkunft dürfte ein klarer Magnet sein. Der Innenraum treibt diese Idee konsequent weiter. Top Gear war im Februar in San Francisco bei einer Vorschau, damals allerdings wurden die Elemente einzeln präsentiert; erst jetzt lässt sich alles im Zusammenhang erleben. In den sozialen Netzwerken lief die Vorliebe für „ausgewogene“ Diskussionen erwartbar auf Hochtouren – wir bleiben trotzdem dabei: Der Luce bietet den befriedigendsten Innenraum der Welt (zumindest bis wir den Bugatti Tourbillon ausprobieren können).
Eine von Ives „Superkräften“ ist, sofort zu spüren, wie viel Sorgfalt in etwas steckt – Qualität liegt quasi in der Luft. Genau so ist es hier, und zugleich ist der Luce extrem haptisch. Öffnet alle vier Türen und schaut euch die Passungen an Schweller und Säulenverkleidungen an. Werft einen Blick auf die Scharniere selbst – skulptural schöne Objekte. Türen zu, und dann die Doppelverglasung wahrnehmen.
Danach fällt das Dreispeichenlenkrad ins Auge – ein bewusstes Zitat früherer Ferrari. Es besteht aus recyceltem Aluminium und setzt sich aus 19 separat CNC-gefrästen Teilen zusammen. Ein Träger zieht sich über die gesamte Länge des Armaturenbretts; er wird aus einem massiven Aluminiumblock herausgearbeitet statt gepresst – dadurch gibt es keinen Biegeradius. Und für die Klimabedienung muss man nicht einmal auf den zentralen Bildschirm schauen: Es gibt echte Schalter, inklusive kleiner Schutzbügel, wie sie die Vorschriften verlangen. Das Lüftersymbol rotiert permanent und beschleunigt, wenn der Motor dahinter schneller läuft. Eine Handballenauflage sorgt dafür, dass sich die Kippschalter bedienen lassen, als würde man auf einem kleinen Klavier klimpern.
Die Anzeigen vor dem Fahrer wirken aussergewöhnlich edel, inklusive eines echten Zeigers im Tacho. Die OLED-Instrumente wechseln je nach Fahrwerksmodus die Farbe – besonders stark ist aber, wie der Farbton sanft ausläuft. Der Hebel für die Startkontrolle sitzt oben in der Blende, inspiriert von Instrumenten, wie man sie im Helikopter findet. Und der Taster zum Öffnen der hinteren Klappe trägt ein kleines Gepäcksymbol.
Die Mittelkonsole ist wie ein eigenständiges Produkt gestaltet, bei dem Glas die Hauptrolle spielt. Entwickelt wurde es mit dem langjährigen Apple-Zulieferer Corning: Dessen Erfahrung mit dem „Gorilla Glass“ des iPhone macht hier ein Element möglich, das im Luce sowohl optisch als auch praktisch robust ist. Der Schlüssel liegt in einer speziellen Mulde und nutzt „E Ink“, sodass das Gelb im Ferrari-Logo auf den Fahrstufenwähler „übergeht“, sobald der Schlüssel eingedockt ist. Wieder so ein inszenierter Moment.
Das ist ein Ferrari, dessen Design nicht durch Kennzeichenhalter kompromittiert wird
Auch die Uhr-/Kompass-Kombination auf dem zentralen Bildschirm hat eine Komplexität, die an eine hochwertige mechanische Armbanduhr erinnert. Sogar die Sitzschienen wurden neu gedacht – ein Bauteil, das sonst kaum Aufmerksamkeit bekommt. „Die bekommen überhaupt keine Aufmerksamkeit!“, wirft Newson ein. Gleiches gilt für den Gepäckraum: Er ist genauso konsequent gestaltet wie der Rest des Autos. Hinzu kommt ein neues Audiosystem mit 21 Lautsprechern, 3.000 Watt Leistung und Signalverarbeitung über proprietäre Ferrari-Software.
Bei LoveFrom arbeitet zudem ein hauseigener Schrift-Experte namens Antonio, der nahe genug an Maranello aufgewachsen ist, um Ferrari-Testfahrten hören zu können. Der Luce trägt eine eigene Schrift mit dem Namen „LF Maranello“. Das Ferrari-Logo auf dem Kofferraumdeckel lässt sich per Laser ätzen, und die Intensität kann man hoch- oder herunterregeln. Und ja: Das ist auch ein Ferrari, dessen Gestaltung nicht durch die Montage von Kennzeichen beeinträchtigt wird.
„In der Summe glaube ich nicht, dass es irgendetwas gibt, das wir gern gemacht hätten und nicht gemacht haben“, fasst Newson zusammen. „Niemand hat zu sehr gedrängelt oder übermässig gepusht. Es war enorm wichtig, es richtig zu machen. Der Sinn der Übung war, anders zu sein. Es ist ein elektrischer Ferrari mit fünf Sitzen. Wir haben mit einer Elektro-Plattform begonnen, und das, was man hier sieht, wäre nur auf einer Elektro-Plattform möglich gewesen.“
Ferrari wird euch natürlich weiterhin Modelle mit Sechs-, Acht- oder Zwölfzylinder verkaufen – das hier ist also kein Endzustand. Trotzdem ist der Luce eines der spannendsten Autos seit langem: ein Fahrzeug, bei dem der Hersteller sich sichtbar streckt und die eigene Ambition kompromisslos ausspielt. Ferrari mochte schon immer Herausforderungen. Diese hier ist eine grosse.
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