Eine spektakulär gut erhaltene Eisenanker-Fundstelle in der Nordsee ließ zunächst vermuten, die Geschichte des römischen Britanniens müsse neu geschrieben werden. Der ungewöhnliche Erhaltungszustand sorgte bei Fachleuten für grosses Interesse, weil er neue Einblicke in die maritime Handelsvergangenheit dieser wohlhabenden Region versprach.
Wie wurde der Gegenstand auf dem Meeresboden entdeckt?
Das massive Stück wurde erstmals 2018 bei routinemässigen Kartierungen des Meeresbodens erfasst. Diese Arbeiten standen im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Offshore-Windenergie-Infrastruktur vor der bekannten Küste von Suffolk.
Allerdings zeigten die modernen Unterwassersensoren, dass die schwere Metallstruktur vollständig unter einer dicken, verdichteten Sandschicht des Ozeanbodens eingeschlossen war. Sichtbar wurden dabei zentrale Merkmale, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
- Enormes Gewicht: Das Objekt besteht aus etwa 100 kg widerstandsfähigem Metall.
- Beeindruckende Länge: Die Gesamtlänge liegt bei über 2 m.
- Aussergewöhnliche Erhaltung: Die Sedimentschicht schirmte das Eisen weitgehend vom zerstörerischen Sauerstoffkontakt ab.
Warum hielten Forschende den Anker zunächst für römisch?
Auf den ersten Blick wirkte die Formensprache eindeutig: Die Morphologie passte zu bekannten historischen Ankertypen, wie sie bei klassischen Schiffen verwendet wurden. Archäologinnen und Archäologen erkannten gerade Arme und eine spitz zulaufende „Krone“ aus geschmiedetem Eisen, Elemente, die man häufig mit dem antiken römischen Reich in Verbindung bringt.
Vorläufige wissenschaftliche Einschätzungen gingen zudem davon aus, dass diese grosse Haltekonstruktion ideal gewesen wäre, um umfangreiche antike Handelsschiffe zu stabilisieren. Gerade solche schweren Fracht-Schiffe befuhren die damalige maritime Route intensiv, um wertvolle Güter und Vorräte zu transportieren.
Was zeigte moderne Technik zur Datierung?
Eine detaillierte Untersuchung mit fortschrittlicher Röntgen-Computertomografie machte die verborgene innere Struktur des Metalls sichtbar. Dafür nahmen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler insbesondere die zentrale Achse des Objekts genau unter die Lupe, um die im Vergangenheit angewandten Fertigungs-techniken zu entschlüsseln.
Die sichtbar gemachte Innenstruktur
Computertomografische Analyse
Die Aufnahmen zeigten, dass der Schaft aus acht sehr gleichmässigen Eisenstäben zusammengesetzt wurde. Diese konstruktive Anordnung weicht von der traditionellen römischen Schmiedemethode ab.
Die Befunde sprechen für eine Herstellung nach dem Mittelalter, wahrscheinlich zwischen dem späten 16. und dem 17. Jahrhundert – einer Phase, in der die Metallproduktion in Europa eine stärkere strukturelle Standardisierung erreichte.
Die hochauflösenden Analysen änderten damit die ursprüngliche zeitliche Einordnung des Fundes vor der britischen Küste grundlegend. Aus Sicht der Fachleute ordnen die Daten den Anker besser in die technologische Entwicklung der europäischen Metallurgie ein und stützen insbesondere diese Belege zum Artefakt:
- Gleichförmige Stäbe: Acht längs verlaufende Eisenstäbe bilden den inneren Zentralschaft.
- Nachmittelalterliche Herkunft: Die vermutete Herstellung liegt zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert.
- Fortgeschrittene Metallurgie: Das Objekt spiegelt die europäische technische Entwicklung hin zur Standardisierung in Hütten- und Giessprozessen.
Was ist die tatsächliche Bedeutung dieser historischen Entdeckung?
Auch wenn der Anker deutlich jünger ist als zuerst angenommen, bleibt sein archäologischer Wert erheblich. Er dient als aussagekräftiger materieller Beleg für den Übergang von älteren Verfahren zu moderneren Systemen im Schiffbau und in der nautisch geprägten Ingenieurpraxis.
Der südliche Teil der Nordsee war über Jahrhunderte hinweg ein Schauplatz intensiver Handels- und Militärbewegungen. Wiederholte Unterwasser-Kartierungen in dieser Region brachten weitere versunkene Funde ans Licht, die die starke menschliche und wirtschaftliche Aktivität entlang dieser Route unterstreichen:
- Deutsches U-Boot: Ein Wrack aus dem Ersten Weltkrieg wurde im gleichen Gebiet entdeckt.
- Prähistorisches Monument: Eine Struktur, die mehr als 4.000 Jahre alt ist, wurde kartiert.
- Mittelalterliche Spuren: Mehrere Objekte belegen den fortlaufenden Handel auf wichtigen europäischen Routen.
Wie wird das Artefakt für die Zukunft erhalten?
Die Konservierung von altem Metall, das über Jahrhunderte ununterbrochen in Salzwasser lag, erfordert äusserste Sorgfalt. Ein zu schnelles Trocknen kann irreversible Schäden verursachen und tiefe Risse in der Eisenoberfläche hervorrufen, die gegenüber natürlicher Oxidation besonders empfindlich ist.
Fachkräfte arbeiten daher kontinuierlich an der chemischen und physikalischen Stabilisierung, um die dauerhafte strukturelle Integrität zu sichern. Nach den derzeitigen Planungen soll das historische Stück später in die öffentlichen Ausstellungen des modernisierten Museums in Ipswich aufgenommen werden, damit die Gesellschaft es sehen kann.
Quellen: Curved Linear Diode Array Imaging of a Historic Anchor Recovered from East Anglia ONE Offshore Wind Farm | MDPI
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