Ich bin hin- und hergerissen. Ehrlich gesagt habe ich zu diesem Thema noch keine endgültige Meinung – ich sehe nachvollziehbare Argumente in beide Richtungen. Trotzdem scheint es mir an der Zeit, überhaupt darüber nachzudenken. Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Autos werden immer schneller und immer leistungsstärker. Und zwar nicht nur ein bisschen.
Neu oder gebraucht: Ein Auto mit mehr als 400 PS in der eigenen Garage ist heute so erschwinglich wie nie zuvor. Neulich bin ich über ein gebrauchtes Elektroauto mit mehr als 500 PS gestolpert – für 17.500 Euro –, und das ist längst kein Einzelfall. Vor einem halben Dutzend Jahren wäre so etwas kaum vorstellbar gewesen.
Mehr Leistung, bessere Technik – aber unveränderte Physik
Genauso stimmt: Moderne Autos bremsen besser, fahren präziser durch Kurven und bringen Assistenzsysteme mit, die es früher in dieser Form nicht gab. Nur: Die Physik hat sich nicht geändert. Und mit der Elektrifizierung teilen wir uns die Strassen zunehmend mit Fahrzeugen, die schneller, schwerer, stärker und zugleich zahlreicher sind.
Der Kern der Frage ist deshalb: Sind wir darauf vorbereitet, in den Strassen unserer Städte mit Autos zu leben, die den Sprint von 0-100 km/h in weniger als fünf Sekunden schaffen? Sind wir als Fahrerinnen und Fahrer in der Lage, mit so viel Leistung umzugehen? Und wenn ein Fuhrpark aus so vielen starken Fahrzeugen besteht – was passiert dann mit der Vorhersehbarkeit im Verkehr?
Preissturz bei 500+ PS: Elektroautos als Beschleuniger
Früher hätte man für ein Auto mit mehr als 500 PS ziemlich sicher mehr als 200.000 Euro auf den Tisch legen müssen. Heute reicht ein Bruchteil davon, um sich beispielsweise einen Elektro-Kombi mit mehr als 650 PS hinzustellen. Und während ich diese Zeilen schreibe, wird bereits ein weiteres Elektroauto mit 2000 PS für weniger als 200.000 Euro angekündigt.
Öffentliche Sicherheit: Problem oder nur ein Gefühl?
Stehen wir damit vor einem möglichen Problem der öffentlichen Sicherheit? Wenn man berücksichtigt, dass ein grosser Teil der Unfälle innerhalb geschlossener Ortschaften passiert – und dass genau dort solche Autos wegen ihrer Beschleunigungsfähigkeit weniger berechenbar werden –, dann wirkt die Antwort für mich wie ein „ja“.
Eine Leistungsbegrenzung wäre vermutlich die simpelste Lösung. Aber bei solchen restriktiven Massnahmen ist es oft so, dass am Ende ausgerechnet die Regelbrecher profitieren: Sie entfernen die Begrenzungen und machen weiter wie zuvor. Man muss nur an das Entfernen von Partikelfiltern denken. Und falls man begrenzen wollte: Ab welcher Leistung würde man die Grenze ziehen? Die bürokratische Maschinerie des Staates wird in ihrer unendlichen Kreativität ziemlich sicher etwas Kompliziertes daraus machen.
Führerscheinklassen nach Leistung: ein Mittelweg?
Als Alternative gäbe es eine Zwischenlösung: mehrere Führerscheinkategorien – ähnlich wie bei Motorrädern mit A1, A2 und A –, abhängig von Führerscheinbesitz und Erfahrung. Wer frisch den Führerschein hat, dürfte dann nie ein Auto ab einem bestimmten Leistungsniveau fahren.
Oder man lässt alles, wie es ist. Der Staat ist fast immer schnell, wenn es darum geht zu verbieten, zu besteuern und unser Leben zu regulieren; bei der Erfüllung eigener Pflichten ist er oft deutlich weniger flink. Zum Beispiel bei einer wirksamen Kontrolle der Führerscheinverlängerungen ab 65 Jahren. Wir alle sind schon Fahrerinnen und Fahrern begegnet, bei denen man sich nur eine grundlegende Frage stellt: Wie kann diese Person überhaupt berechtigt sein, ein Fahrzeug zu führen? Und ich fange gar nicht erst mit der Qualität der Fahrausbildung an – oder mit der Vergabe von Fahrberechtigungen an TVDE-Fahrer, die aus anderen Ländern stammen.
Ich war stets ein Verfechter individueller Verantwortung. Wer mir hier auf der Website Automobil-Vernunft und bei Auto Radio schon länger folgt, wird von meiner Nähe zur individuellen Freiheit, meiner Sympathie für die Marktwirtschaft und meiner ausgeprägten Vorsicht (um nicht zu sagen: meinem Misstrauen …) gegenüber staatlichen Eingriffen nicht überrascht sein. Aber ausgerechnet in diesem konkreten Fall war ich selten so unentschlossen.
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