„Das ist das erste Benzinauto, das je hier unten war. Eigentlich: das erste Auto überhaupt. Ganz sicher der erste Bentley“, überlegt Teitur Samuelsen, CEO von P/F Eystur-og Sandoyartunlar, während wir vorsichtig einen nagelneuen Bentley Continental GT in ein gigantisches, erschreckend dreckiges Loch hinabrollen lassen. „Bist du dir sicher, dass das gutgeht? Hier kann’s ziemlich ruppig werden.“
„Alles im grünen Bereich“, murmle ich ins Walkie-Talkie zurück und drücke dabei still, aber entschlossen den Knopf fürs Anheben der Luftfederung. „Wir haben die Karosserie hochgefahren und Allradantrieb. Dieses Auto ist im Grunde genau für so ein Umfeld gebaut.“
Ich spüre den skeptischen Blick – durch gut 6 0Meter klare Luft und durch eine doppelt verglaste, 70 0kg schwere Autotür.
Text: Tom Ford
Fotos: Mark Riccioni
Vermutlich, weil ich lüge. Der Continental – in genau dieser Ausführung – ist ein 202.000 0£ teurer Super-Sport-GT, und ich krieche damit in einen noch längst nicht fertigen Unterseetunnel hinein, über Felsbrocken so gross wie Grapefruits. Der rote, hochglänzende Lack schiebt sich unter dem harten, wild flackernden Licht voran wie ein Blutklumpen, der durch eine Arterie rutscht. Und ich fange an, meine Selbstsicherheit zu bereuen. Schon wieder.
[Karussell: thematische Bilder]
„Wir haben das Sprengen für 90 Minuten unterbrochen“, antwortet Teitur – mit einer winzigen, hörbar zweifelnden Pause. „Also müssen wir alles, was du brauchst, zügig erledigen. Übrigens: Wir sind gerade unter dem Meeresboden durch. Der Kreisverkehr ist noch ungefähr drei Viertel Kilometer entfernt.“
Unter dem Nordatlantik: Bentley Continental GT im Unterseetunnel
Und mit herrlicher Untertreibung werden wir zum U-Boot. Oder genauer: zu Unter-Meeresboden-Tunnelern, etwa einen Kilometer tief in einem neuen Insel-zu-Insel-Tunnel, der Eysturoy mit Streymoy verbindet – zwei der grösseren Landmassen der Färöer, jenem Archipel, der wie ein zufällig hingeworfener Geografie-Fleck zwischen Dänemark und Island treibt. Ein Punkt auf der Karte, an dem sonst eher steht: „hier sind Drachen“.
Normalerweise wären solche Röhren längst mit Asphalt, durchgehender Beleuchtung und insgesamt deutlich mehr … Fertigstellung versehen. Weil wir die Tunnel auf dieser Reise aber unbedingt sehen wollten, haben wir einen privilegierten Zugang zu dem 7,1 0km langen Proto-Tunnel organisiert (er reicht im Moment erst bis kurz hinter einen noch ausgesprochen rudimentären Kreisverkehr). Von Tórshavn auf Streymoy bohrt er sich Richtung Skálafjørður-Bucht auf Eysturoy. An einem Kreisverkehr teilt er sich in zwei Arme, um beide Seiten der Insel zu erschliessen: nach Rókini in Saltnes und nach Sjógv in Strendur.
Damit schrumpfen die Wege von 55 0km auf 17 0km – und fast eine Stunde verschwindet von der bisherigen Reisezeit. Praktisch, wenn frische Meeresfrüchte transportiert werden. Eröffnet wird das Ganze 2020; ausserdem entsteht ein weiterer Tunnel nach Sandoy (die südlicher gelegene Insel), geplant zur Eröffnung 2023.
Die Konsequenz daraus ist erstens: Es gibt einen Schotter-Kreisverkehr unter dem Nordatlantik. Und zweitens: Noch niemand ist dort mit einem Bentley einen Donut gefahren.
Genau deshalb stehe ich nun da und probiere nebenbei aus, wie weit sich ein grosser Allrad-GT um eine massive Basaltsäule unter Wasser driften lässt – bis mich jemand zurechtweist oder mich eines der gigantischen Bohrfahrzeuge plattmacht, die hin und wieder vorbeirumpeln wie unbenutzte Requisiten aus Alien. Die grellweissen Scheinwerfer des Conti fegen über nackte Felswände, die vor Unmut schwitzen, weil man sie durch den Meeresboden gezwungen hat. Der zwölffach aufgeladene W12 brummt dabei leise in sich hinein wie ein schlafender Büffel; bei jedem Lupfen des Gaspedals niesen die Wastegates diskret.
Es ist ekelhaft schmutzig, erstaunlich warm, und ungefähr einen knappen Kilometer entfernt bereiten mehrere Tunnelbau-Spezialisten Hohlladungen vor. Aber gut: driftender Schotter-Kreisverkehr.
Natürlich wurde dieser Kreisverkehr nicht ausschliesslich als Bühne für sinnlose, aber befriedigende Albernheiten gebaut, sondern als Knotenpunkt, um die unterschiedlichen Gliedmassen des färöischen Geografie-Skeletts zu verbinden. Für ein Land mit insgesamt nur 50.000 Einwohnern wirkt so ein Tunnel-Grossprojekt zunächst wie Overkill. Doch hier passiert etwas Eigenartiges – etwas, das die Färöer womöglich zum spannendsten Infrastrukturvorhaben der Welt macht.
„Wenn du hier lebst, bist du in keiner Richtung jemals weiter als drei Meilen vom Meer entfernt“
Die Färöer als „Netzwerk“-Stadt
Die Färöer bestehen aus 18 grossen vulkanischen Inseln – alle mit reichlich Konsonanten im Namen – und mit Aussichten sowie einer Topografie, die auf seltsame, wunderbare Weise Hochland-Schottland und skandinavischen Fjord miteinander vermischt. „Wenn du hier lebst, bist du in keiner Richtung jemals weiter als drei Meilen vom Meer entfernt“: Die Küstenlinie ist von den dicken, gierigen Fingern eines unermüdlichen Ozeans zerfurcht, über Jahrtausende zerzaust von Zeit und Salz.
Doch es gibt mehr, als man auf den ersten Blick sieht – und wir sind hergekommen, um einen kleinen Teil dessen zu erleben, was darunter liegt. Wortwörtlich darunter. Ich bin nicht absichtlich kryptisch.
In einer fast schon widersprüchlichen Wendung setzt der Archipel auf ein gewaltiges Vorhaben aus Ingenieurbau und ländlicher Entwicklung: Ein Grossteil der Inselwelt soll verbunden werden, damit aus dem gesamten Set ein Gebilde wird, das man als „Netzwerk“- oder „verteilte“ Stadt bezeichnet hat. Gemeint ist im Kern: Durch Investitionen in Strassen, Brücken und Monster-Tunnel entsteht – so die färöische Regierung – eine „kohärente wirtschaftliche und kulturelle Sphäre, die fast 90 0Prozent der Bevölkerung abdeckt“. Die Inseln hören auf, einzelne Regionen zu sein, und werden als ein Ort verstanden – mit verteilten Dienstleistungen und einer vielköpfigen Reihe von „Zentren“.
Unterm Strich bekommt man damit – gemessen an der Grösse – eines der modernsten und interessantesten Strassennetze der Welt. Es wird sogar schon über noch einen weiteren Tunnel gesprochen: ein riesiges Bauwerk von rund 20 0Kilometern Länge, das als längster Unterseetunnel weltweit gelten würde. Er soll Sandoy mit Suðuroy verbinden – und dann wären 99 0Prozent der Färöer per Strasse miteinander verbunden.
Ein episches Projekt für einen relativ kleinen, lange übersehenen Inselhaufen. Wenn die Tunnel fertig sind, wirken die Siedlungen weiterhin sehr traditionell – aber darunter liegt eine hochmoderne Transport-Infrastruktur. Ein bisschen wie ein Bentley Continental: oben Tradition, darunter Technologie.
Anreise: 14 Stunden Europa, dann die Fähre
Fairerweise: Der Weg hierher war alles andere als ruhig. Der erste Abschnitt war noch simpel: 14 0Stunden quer durch Europa, erledigt mit der leisen Woge dieses 626 0bhp starken W12 (≈635 0PS) und einer auf Zufall gestellten Podcast-Lotterie über die Naim-Anlage – bei sechseinhalb Tausend irgendwas, die ich längst nicht mehr zählen wollte. Im Schnitt standen 28,4 0mpg auf dem Zettel (rund 10,0 0l/100 0km). Auf der freigegebenen Autobahn in Deutschland fühlte sich der Wagen so schnell, so stabil und so souverän an, wie man es sich nur wünschen kann – selbst wenn die Winterreifen auf diesem Rubino-roten GT bei etwas über 257 0km/h Schluss machten und der Verbrauch danach abfiel wie ein Stein.
[Inline-Galerien: thematische Bilder]
Damit ist ein Punkt ziemlich überheblich bewiesen: Wer einen grossen, modernen Bentley hat, für den lösen sich die üblichen Grenzen aus Strecke und Zeit auf – wie Öl im Lager.
Danach nahmen wir die Fähre ab Hirtshals ganz im Norden Dänemarks. Wir prügelten uns durch verschiedene wütende Meere, mit dem unvergesslichen Erlebnis von neun Meter hohen Wellen – und mit dem sehr speziellen Ehrgeiz, mich in einem schmalen Bett mit einer Art Gurt-Konstruktion festzuschnallen. Nach gut 40+ Stunden fremder Seekrankheit liefen wir um 6 0Uhr morgens im Dunkeln in den Haupthafen von Tórshavn ein. Von dort zuckelten wir aus dem religiös-praktischen Zentrum hinaus und hinauf in die Hügel.
Mein erster Blick auf die Färöer „richtig“ kam im Morgengrauen an einem kleinen Berghang auf Streymoy – kurz hinter dem Punkt, an dem die kleine Stadt aus scheinbarer Gleichgültigkeit gegenüber selbst schlichtester Architektur ausfranst. Der aggressiv bunte Sonnenaufgang sah aus, als hätte ein Einhorn den Horizont vollständig vollgekotzt.
Inselrunden, Wetterumschwünge und Strassen ohne Geländer
Wir fuhren eine Weile herum und staunten ein bisschen vor uns hin. Es ist ein erstaunlicher Ort: fremd und gleichzeitig vertraut. Die Hauptstrassen sind gut gepflegt und unkompliziert – der Golfstrom sorgt zwar für viel Regen, aber selten für lähmende Schneemassen. Die Nebenstrassen dagegen: schmal, kurvig und verdächtig oft ohne Leitplanken.
Trotzdem fühlt es sich wild an. Ausblicke, die dich dominieren; kleine Berge, die wie die Wirbelsäule eines inselgrossen Leviathans aus dem Meer ragen. Und dann ist da dieser Geruch – oder vielmehr: sein Fehlen. Eine kühle, salzige Klarheit, die ebenso sehr vom Meer kommt wie vom Mangel an industriellem Überfluss. Die Lunge wird ausgewaschen und neu gestartet. Und jedes Mal, wenn ich aus dem behüteten Kokon des Bentley stieg, brauchte ich mindestens drei langsame Blinzler, um Gedanken wieder in eine brauchbare Reihenfolge zu bringen.
Die Erkundung ging ein paar Tage weiter. Wir sahen Häuser mit Grasdächern, die seit dem 17. 0Jahrhundert von derselben Familie bewohnt sind, und Dörfer, die stolz darauf verweisen, der erste Ort gewesen zu sein, an dem die Wikinger an Land gingen. Wir jagten über die Berge auf Strassen, die mit jedem Kilometer ein wenig schmaler wurden.
Und wir kamen zum Stillstand, kämpften uns fest: Auf einem eisigen, steilen Hinterweg drehten alle vier Räder durch, bis nichts mehr ging. Neben uns standen knorrige, vom Wind zerfetzte Bäume, die sich vom Meer weg nach hinten über den Asphalt neigten, als wollten sie dem Wetter ausweichen. Es wirkte, als baue das Grünzeug einen absurd geduldigen Hinterhalt auf – wartend, bis unser Grip endlich nachgibt.
„Es fühlt sich so dicht an wie alte Eiche, so schwer wie Geschichte. Es ist kein Auto, das dick mit Effekthascherei überzogen ist“
Wir tauchten in neue Tunnel auf beiden Seiten der Inseln ein, begegneten einem endlosen Strom herzlicher, einladender, unermüdlich interessierter – und interessanter – Menschen. Und wir streiften mit einem grossen roten Bentley über die Inseln, immer wieder nur für die Aussicht.
Überall liegen Inselchen, Schären und Felstürme im Wasser, seitlich von den grösseren Landmassen wie zufällige Steinspäne verteilt. Der Ozean hat das Land langsam abgenagt wie Zucker an einem Zahn; Äonen unermüdlicher Erosion haben kragige, morsche Stümpfe stehen lassen. Du schiesst durch einspurige Tunnel, in Hügel injiziert, und schwingst danach auf zweispurige Strassen hinaus, die sich um Hänge legen wie liebevolle Arme. Das Wetter ist auf die psychotische Art wechselhaft: Du fährst im Nebel bergauf und kommst in hellem Sonnenschein wieder herunter. Oder in Hagel. Oder Regen. Oder Schneeregen.
Du überquerst moderne Brücken – und nur 500 0Meter später zwängst du den warmen, breiten Körper des Conti zwischen eine Kirche aus dem 17. 0Jahrhundert und ein grasgedecktes Haus, bei dem die bevorzugte Mähmethode so aussieht: Man setzt das kleinste Schaf der Herde für ein paar Tage aufs Dach.
Und ausgerechnet hier passt der Bentley. Man könnte meinen, das sei die perfekte Bühne für einen hochgewindeten 4x4 oder einen drahtigen kleinen Sportwagen. Doch vor dieser epischen Kulisse wirkt der Bentley wie zuhause. Während andere Autos aus Bosheit konstruiert sind und vor Gereiztheit zu lackiert scheinen, wählt der Conti einen anderen Weg: weich, aber sanft unerbittlich. Er baut Tempo auf, statt es dir ins Gesicht zu schlagen – eher Katapult als Schrotflinte.
Es ist ein Wagen, der Perspektive weiterhin frisst, Sichtlinien verschlingt. Und genau dieser Bentley – wie viele Autos, die sich nicht sauber in eine Schublade stecken lassen – erschliesst sich erst mit Zeit, Strecke und Vertrautheit. Das ist der Unterschied zwischen einem Adrenalin-Stich und einer beruhigenden Welle Endorphine.
Manche Fahrzeuge sind aus Spinnweben und Mode gemacht, erleichtert und ausgehöhlt; sie wirken stark wie eine Tupperdose stark wirkt. Ein Bentley ist das Gegenteil. Er fühlt sich an wie alte Eiche: dicht, schwer, geschichtsträchtig. Es ist kein Auto, das dick mit Effekthascherei überzogen ist – aber es ist bis zur Glätte mit Subtilität poliert. Ganz ähnlich wie die Färöer. Hier gibt es keine grelle Metropole voller Neon und Gedränge, sondern eine leisere, bewusstere Rezeptur für Ehrfurcht. Die Details sind da, die Brillanz ist echt – nur die Inszenierung ist ein langsames Glimmen.
Es bleibt ein merkwürdiger Ort. Ich stehe an einem weiteren zufälligen Ende einer Insel, starre über eine erneut gigantisch-heldenhafte Aussicht, sehe ein dünn besiedeltes Dorf, das sich in die Umarmung einer winzigen Bucht duckt – und frage mich, wohin das alles will. Man wünscht sich mehr Tourismus, aber der unüberlaufene, wilde Charakter würde unter Busladungen von Gruppenreisen leiden.
Die Dörfer führen ihre Ursprünge direkt auf Wikinger-Landungen zurück – und gleichzeitig erreichst du sie über einige der neuesten, spannendsten Strassenstücke der Welt. Eigentlich ist es tatsächlich wie beim modernen Bentley: standhaft in den Traditionen, entschlossen zur Modernisierung, bemüht, ein Gleichgewicht zu finden.
Doch nach vier Tagen auf den Inseln gehen wir bei einem Sturm der Stärke 8 (Beaufort) wieder an Bord der Fähre, freuen uns auf eine 40+ Stunden Überfahrt und danach auf einen 20-Stunden-Ritt quer durch Europa zurück bis nach Lincolnshire – und merken: Tradition und Moderne in Balance zu bringen braucht manchmal Zeit. Aber beides kann zusammenpassen. Der Bentley Continental GT beweist das auf jeder einzelnen Meile nach Hause.
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