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Top Gear in Japan: Wie Lowriding eine neue spirituelle Heimat fand

Drei Männer posieren nachts neben einem blauen, tiefergelegten Oldtimer auf einer Straße.

Es ist Fastnachtsdienstag – auch bekannt als Pfannkuchentag. Hier ist die Geschichte, als Top Gear nach Japan reiste, wo Lowriding eine neue spirituelle Heimat gefunden hat …

Die Wurzeln des Lowriding in Südkalifornien

Um die eher unspektakulären Anfänge des Lowriding zu verstehen, muss man zurück ins Südkalifornien der 1950er-Jahre spulen. Damals begannen junge mexikanischstämmige US-Amerikaner (Chicanos) in Los Angeles, Autos nicht primär als Fortbewegungsmittel zu sehen, sondern als Statement ihrer Identität. Während im Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg viele weisse Amerikaner Hot Rods bauten (Fahrwerke hochschrauben und den grösstmöglichen Motor hineinsetzen), machten es die hispanischen Communities ganz bewusst andersherum – auch als deutliche Absage an die Erwartung, sich „anglisieren“ zu lassen.

Also wurden Federn gekürzt oder Säcke Zement in den Kofferraum gewuchtet, damit der Wagen möglichst tief über dem Asphalt hing. Dann fuhr man extra langsam – als Geste der Nonkonformität und Rebellion. Oder schlicht, weil man eben Säcke Zement im Kofferraum hatte. Gleichzeitig wurde bei den Details gern übertrieben: filigrane Embleme, knallige Candy-Lacke und grossflächige Airbrush-Murals mit mexikanisch-amerikanischer religiöser Bildwelt und Symbolik. Ab einem gewissen Punkt waren das keine Autos mehr – das war Kunst.

Worte: Rowan Horncastle // Fotografie: Mark Riccioni

Dieser Artikel wurde ursprünglich im Juli 2019 veröffentlicht

Lowriding wächst – und landet in Japan

Ab den 1960ern entwickelte sich diese neue Kultur des „Lowriding“ stetig weiter und wurde zum sozialen Kitt für LAs Chicanos: Sie brachte Familien zusammen, liess Car Clubs entstehen und diente auch als Plattform, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Im Lauf der Jahrzehnte wurde der strenge Look der Lowrider geradezu zum Synonym für Los Angeles. Gleichzeitig haftet der Szene bis heute (oft zu Unrecht) ein Gewalt-Image an – auch, weil sie in East LA verortet war, einem der berüchtigten und harten Gang-Gebiete der USA.

Parallel dazu explodierte die Popularität: vor allem in der G-Funk-Ära des Hip-Hop, als Snoop Dogg Lowrider über MTV weltweit zum Gesprächsthema machte. Mit irre arbeitenden Hydrauliken hüpfte sich „Dee-ohh-double-gee“ zusammen mit Dr Dre durchs Bild – „hittin’ switches“ – und trug die Lowrider-Liebe in eine ganz neue Generation.

Und dann wird es, ehrlich gesagt, ein wenig überraschend: Lowrider und Chicano-Kultur haben Grenzen überschritten und in Japan so etwas wie eine neue spirituelle Heimat gefunden. Sehr, sehr weit weg von den hispanischen Wurzeln – und noch weiter weg von der Unterdrückung in Los Angeles, aus der das Ganze einst geboren wurde. Um zu verstehen, warum diese vermeintlich fremde Kultur in die strengen Leitplanken Japans passt, haben wir Zeit mit zentralen Akteuren in Nagoya, Tokio und Chiba verbracht.

Junichi Shimodaira: Inhaber, Paradise Road

Der 59-jährige Junichi Shimodaira gilt als einer der Gründerväter der japanischen Lowrider-Szene. An einen verchromten Felgenring gelehnt, mit New-Era-Cap, weitem T‑Shirt und übergrossen Dickies-Chinos, wirkt er kaum wie das, was man sich als „typischen“ japanischen Mittfünfziger vorstellt. Es ist, als hätte er eine japanische Hülle – aber ein mexikanisches Betriebssystem darunter. Er ist präzise und technisch, zugleich entspannt und einladend. Spätestens als er mir eine eiskalte Dose Tecate in die Hand drückt, fühlt sich das Bild komplett an.

„Als ich aufgewachsen bin, habe ich eine Fernsehsendung gesehen, in der sie ein Foto von einem Auto gezeigt haben“, erinnert er sich. „Es war wunderschön – so etwas hatte ich noch nie gesehen. Später habe ich gelernt, dass es ein ‚Lowrider‘ war. Es war 1981, also weiiit vor dem Internet, und ich wollte unbedingt mehr darüber wissen. Also habe ich amerikanische Automagazine gelesen und viele US-Filme geschaut; Cheech and Chong, American Graffiti, solche Sachen. In allen kamen diese unfassbar coolen Autos vor, die wir in Japan nie zuvor gesehen hatten. Also bin ich 1987 – mit 27 – zum ersten Mal nach LA geflogen. Ich sprach kaum Englisch, aber ich habe Lowrider gefunden und mir ist die Kinnlade runtergefallen. Die Haltung, der fantastische Lack und die kleinen Drahtspeichenräder waren einfach umwerfend. Ich habe viele Fotos gemacht und viele Freunde gefunden. Aber ich wollte diesen Stil nach Japan zurückbringen.“

Paradise Road: Zuhause der Pharaohs

Junichi kehrte mit Taschen voller Westküsten-Accessoires zurück und eröffnete in Nagoya einen kleinen Laden: Paradise Road. 32 Jahre später läuft er immer noch – inzwischen an einem grösseren Standort im Bezirk Meitō‑ku – und ist zugleich das Zuhause des Pharaohs Car Club, des ältesten Lowrider-Clubs Japans. Junichi steht ihm als Präsident vor.

Paradise Road ist eine nahezu uneinnehmbare Schatzhöhle voller Automotive-Americana. In dem riesigen Wellpappkarton-Universum ist wirklich jeder freie Zentimeter mit seltenen Teilen und Erinnerungsstücken belegt; dazwischen füllen mexikanische Lowrider-Motive und Sticker die Lücken wie eine Art „Fugenmasse“ von südlich der Grenze. Oben lagern genug Teile, um ein Auto komplett neu aufzubauen. Draussen wiederum rollt ständig ein Strom von Freunden an – wieder weite T‑Shirts und Slip-on-Vans – in individuellen Hot Rods und Lowridern, um Zigaretten zu rauchen, zu quatschen und Rockabilly aus der 1960er-Jukebox zu hören.

Der Galaxian: Ford Model T von 1927

„Ich habe Amerikas Kustom Kulture der Sechziger immer respektiert“, sagt Junichi. „Leute wie Von Dutch und Ed ‚Big Daddy‘ Roth wirkten, als würde sie nichts einschränken – ihre Autos waren komplett wild und haben nach vorn gedacht. Ich wollte sehen, ob Japan so etwas kann, nur eben mit zusätzlichem Lowrider-Flair.“ Im Lauf der Jahre hat Junichi mehrere Fahrzeuge gebaut, doch sein Meisterstück heisst Galaxian: ein radikal umgebauter Ford Model T von 1927. Mit irritierenden Proportionen, perfektem Stand und verrückten Winkeln wirkt er wie direkt aus „Die verrückten Rennen“.

Das ist allerdings kein geschniegelt-polierter Showcar-Queen: Junichi verfrachtet mich in den badewannenartigen Beifahrersitz, klappt das angeschlagene Dach herunter (es landet praktisch auf meinem Kopf) und startet den grossen Chevy‑V8. Er verlässt den Hof mit einem One-Tyre-Fire, lacht am Steuer, während der Rauch den Innenraum füllt. Ich war ganz ehrlich noch nie in etwas, das sich derart furchteinflössend angefühlt hat. Die Lenkung hat mehr Spiel als ein Welpe – und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bremsen nicht wirklich angeschlossen sind. Und trotzdem: Es ist mir egal, denn so etwas herrlich Absurdes erlebt man nicht oft.

Ushida-san: Inhaber, Cholo's Customs

„Das ist ein endloses Projekt“, sagt Hisashi Ushida, während er in die wilden Silbertöne, weichen Blauschattierungen, tiefen Violetts und hübschen Pinknuancen seiner 1954er Chevrolet 210 „Sphinx“ blickt. „Ich arbeite seit 20 Jahren daran, und fertig wird er nie.“ Ushida führt Cholo’s Custom in Ama (Präfektur Aichi) seit 2003. Er gehört zur zweiten Generation des Lowriding in Japan: Zuvor war er Junichis Lehrling, bevor er seinen eigenen Weg ging. „Zwischen uns und Paradise Road gibt es keinen Wettbewerb. Das ist alles Liebe. Wir sind dabei, um uns gegenseitig zu helfen – wir sind Familie.“

La Bomba Spielzeug-Spendenfahrt: Wo Gemeinschaft und Respekt glänzen

Wie gross diese japanische Chicano-Familie tatsächlich ist, zeigt sich, als wir zu einer Spielzeug-Spendenfahrt eingeladen werden, organisiert vom japanischen Kapitel des Old Memories Car Club. Es ist eine Charity-Ausfahrt (auch, um das Stigma zu waschen, Lowrider seien nur etwas für Gangster) – und sie ist speziell für „Bombs“ gedacht: Autos von vor 1955, vollgepackt mit zeitgenössischen Optionen, als Verbeugung vor der ersten Custom-Welle der 1930er.

Erst am Treffpunkt wird das Ausmass der Szene richtig sichtbar. Mehr als 80 unglaubliche Fahrzeuge rollen an. Und anders als bei vielen japanischen Anlässen gibt es kein formelles Verbeugen und keine verwirrenden Visitenkarten-Rituale – stattdessen Faustgrüsse und feste Umarmungen. Es ist auch klar ein Familienereignis: Ehefrauen, Freundinnen und kleine Chicano-Kinder rennen herum, plaudern mit riesigen Grinsen im Gesicht – und begegnen einander mit grenzenlosem Respekt.

„Die Öffentlichkeit sieht uns als ‚Bad Boys‘“, sagt Old-Memories-Präsident „Masa“ Watanabe. „Die Leute fürchten uns auf der Strasse, aber es gibt überhaupt keine Gewalt – es gibt nicht einmal die Rivalität zwischen Clubs, die du in den USA hast.“ Doch wenn die Szene in LA ihre Grauzone rund um Gang-Anbindungen hat, dann hatte Japans Szene das – zumindest früher – womöglich ebenfalls.

„Siehst du den da drüben?“, sagt Masa und zeigt in die Ferne. „Bōsōzoku. Er? Bōsōzoku. Er? Bōsōzoku. Ich? Bōsōzoku.“

Damals sorgten Bōsōzoku-Motorrad- und Autogangs für Chaos, um ihren Unmut über den gesellschaftlichen Wohlstand Japans nach dem Zweiten Weltkrieg zu zeigen. Klingt das nicht erstaunlich vertraut, wenn man an die frühen Lowrider-Tage denkt? Dann ist es auch kein Zufall, dass viele ehemalige Bōsō heute zur Führungsebene der japanischen Lowrider-Szene zählen.

Was dabei wirklich verblüfft, ist der Aufwand, mit dem man den Vorbildern aus LA ähneln will – das ist, offen gesagt, bemerkenswert. Am Ende der Ausfahrt grillt jeder Club und trinkt Bier. Nur: Es ist kein japanisches Essen, sondern Hamburger (mit Stäbchen gewendet), Guacamole und importierte Biere aus roten Bechern. Ein perfekteres Bild, um diese aussergewöhnliche Fusion-Szene zusammenzufassen, könnte man kaum inszenieren.

Als die Frühlingssonne hinter einer Wolke hervorschaut, wirkt es, als würde der Lack eines Chevy plötzlich den „Glitzer-Regler“ hochreissen – als hätte er sich gerade aufgeladen. Es ist bezaubernd. Und ohne Übertreibung die beste Lackierung, die ich je gesehen habe. Angesichts der japanischen Arbeitsmoral und des Denkens in permanenter Verbesserung überrascht das nicht. „Japan ist ein sehr konservatives Land. Wir sind nicht besonders gut darin, kreativ zu sein – du weisst schon, ausserhalb der Box zu denken. Aber wir nehmen gern Ideen und machen sie besser. Deshalb schauen die Amerikaner inzwischen darauf, wie wir Dinge machen.“

Hoppers: Ab in den Himmel

In Tokios Innenstadt gibt es ohnehin genug fürs Auge – aber eine Stufe darüber geht es, wenn der Pride Hops Car Club in Shibuya anfängt zu springen. Sie gehören zu einem der bekanntesten Ausprägungen der Lowrider-Kultur: den Hoppers.

Mit per Schalter gesteuerter Hydraulik-Federung ist es eines der grossen Schauspiele der Autowelt, wie diese glänzenden, technisch beeindruckenden Maschinen hüpfen, springen und als „Tripod“ auf ihren winzigen, etwa 33 Zentimeter grossen Drahtspeichenrädern herumtanzen – eine Lowrider-Gebotsregel.

Die Ursprünge der Hoppers lassen sich bis in die späten 1950er zurückverfolgen, als Lowriding-Pionier Ron Aguirre Hydraulik-Bauteile aus Jagdflugzeugen des Zweiten Weltkriegs zweckentfremdete, um bei seiner Custom-Corvette X‑Sonic die Fahrzeughöhe verstellen zu können. Heute werden Autos fürs chassisknackende Hüpfen aufgebaut – oft deutlich über 1,8 Meter hoch und manchmal so weit, dass sie nach hinten umkippen wie ein Betrunkener. Doch der Impala von 1964 gilt weiterhin als König der (hüpfenden) Burg. Und fürs komplette Bild braucht es: ein hochentzündliches Velours-Interieur, zwei Captain’s Chairs und ein winziges Kettenlenkrad. Herrlich.

Das Generationenspiel

Lowriding ist in Japan kein kurzer Trend. Inzwischen ist die Szene in der vierten Generation angekommen, und der kulturelle Austausch rund um Chicano-Ästhetik wird weitergegeben und aufgesogen. Kinder von Clubmitgliedern bauen JDM-Trucks (japanische Inlandsmodelle) so um, dass sie wie Lowrider aussehen – genau wie es ihre Eltern in den 1980ern getan haben – in der Hoffnung, sich eines Tages auch US-Blech leisten zu können.

Die Zukunft: Gesichtstattoos und beneidenswert feine Details

„Ich habe nichts mit einer Gang zu tun“, sagt Genbu, der Besitzer eines atemberaubenden Buick Riveria von 1965, während er an einer Zigarette zieht. „Ich finde diese Tattoos einfach cool. Sie erzählen meine Geschichte – meinen Kampf.“

Er ist komplett tätowiert. Sein Freund Taku Kawakami ebenfalls. Und das ist mutig, denn Tattoos sind in Japan bis heute stark stigmatisiert – sie waren wegen ihrer Verbindung zur organisierten Kriminalität lange praktisch tabu. Diese beiden markieren den nächsten Schritt: Sie sind diejenigen, die über Lowrider-Kultur soziale Grenzen verschieben – so, wie es die Chicanos in LA in den 1950ern getan haben.

Der Antrieb dahinter ist allerdings sehr japanisch: diese obsessive Otaku-Natur, also die Neigung, Zeit und Energie neurotisch in eine einzige Leidenschaft zu investieren. Genbus Buick ist dafür das Paradebeispiel. Er hat mehr als 100.000 US-Dollar hineingesteckt – für Luftfahrwerk, makellose Handgravuren und eine Lackierung, die mit schmerzhafter Sorgfalt entstanden ist (fünf Monate hat es gedauert). Diese japanische Meisterschaft im Streben nach Exzellenz – zusammen mit der Übernahme der Chicano-Kultur als Gesamtpaket – hat über den Pazifik hinweg eine Art Rückkopplung erzeugt.

Nachdem die US-Szene die unbestreitbare Hingabe gesehen hat und verstanden hat, dass das nicht bloss eine Gruppe asiatischer Walter Mittys ist, hat man in Amerika begonnen zu schätzen, was Japan da macht – und unterstützt sie. Doch während Japan seit 40 Jahren Lowrider aus LA kopiert, bauen manche ironischerweise inzwischen Exemplare, die besser geraten als die Originale, die sie nachahmen wollen. Ist das Schmeichelei? Oder schlicht falsch? Entscheidet selbst.

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