In jüngster Zeit haben sich zahlreiche Anzeichen verdichtet, die für die besonders günstigen und bei privaten Käufern meistgekauften Modelle – die „Volksautos“ – eine unruhige Zukunft erwarten lassen.
Ihre Existenz gerät aus zwei Gründen unter Druck: Die Branche muss ihre Emissionen durch Elektrifizierung senken. Zudem wurden Mitte 2022 neue Sicherheitsausstattungen eingeführt, die für sämtliche Neuwagen verpflichtend sind. Beides erhöht zwangsläufig die Herstellungskosten und damit auch die Preise für Kunden.
Für die kommenden Jahre zeichnen sich zwei Entwicklungen ab. Kompakte, preiswerte Fahrzeuge dürften deutlich teurer werden und preislich bedenklich nahe an größere Modelle heranrücken. Gleichzeitig wird das Modellangebot, vor allem bei Kleinstwagen, voraussichtlich schrumpfen.
Weniger Auswahl bei den günstigen Volksautos
Gerade beim Angebot sind die Hinweise eindeutig. Renault hat bestätigt, dass der Twingo keinen Nachfolger erhält. Auch die Schwestermodelle Peugeot 108 und Citroën C1 werden nicht ersetzt. Nur der Toyota Aygo bekommt einen Nachfolger, allerdings in Form eines größeren und teureren Crossovers. Der Skoda Citigo ist bereits ohne Ersatz aus den Preislisten verschwunden; selbst zu möglichen Nachfolgern seiner Brüder Volkswagen up! und SEAT Mii gibt es nicht einmal Gerüchte.
Auch die europäischen Segmentführer Fiat Panda und Fiat 500 dürften sich verabschieden. Der Panda wird eine Klasse höher positioniert und zu einem größeren, kostspieligeren Crossover des B-Segments. Beim Fiat 500 heißt es, dass mittelfristig nur noch die teurere Elektroversion übrig bleiben könnte.
Spürbare Veränderungen zeigen sich inzwischen auch bei den Kleinwagen, dem absatzstärksten Segment Europas. Zunächst stellte der Audi-Chef wegen der geringen Rentabilität dieser Fahrzeugklasse einen Nachfolger für den aktuellen A1 infrage. Später weckte die Ankündigung zum Produktionsstandort des nächsten Ford-Elektroautos im Jahr 2023 weitere Zweifel: Es soll in Köln gebaut werden, genau dort, wo der traditionsreiche und beliebte Fiesta vom Band läuft. Ob dieser einen Nachfolger bekommt, ist damit offen.
Als ich vor einiger Zeit darüber schrieb, dass Autos immer teurer werden, hatte ich die möglichen Folgen für die Planungen der Hersteller noch nicht berücksichtigt.
Mittlerweile wird anhand der in den vergangenen Monaten veröffentlichten Strategien verschiedener Automobilkonzerne deutlich, dass sie einen gemeinsamen Kurs verfolgen: Sie wollen sich höher positionieren und in lukrativere Segmente vordringen. Sogar Dacia wird beispielsweise ein SUV des C-Segments anbieten. Dort lassen sich Kosten und Verkaufspreise besser in Einklang bringen und höhere Margen erzielen.
Für Hersteller wird es somit zunehmend unattraktiv und schwieriger, kleine, erschwingliche Autos zu entwickeln. Solche Fahrzeuge galten traditionell als wenig rentabel; wirtschaftlich wurden sie vor allem durch hohe Produktions- und Verkaufszahlen.
Die Zukunft der „Volksautos“ wirkt wenig erfreulich
In den nächsten Jahren dürfte der günstigste Teil des Marktes nicht nur schrittweise weniger bezahlbar werden. Das Angebot wird wahrscheinlich vor allem von Crossover- und SUV-Modellen geprägt sein. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Crossover und SUVs kosten einige Tausend Euro mehr als die Fahrzeuge, auf denen sie basieren und mit denen sie nahezu alle Komponenten teilen. Das sorgt für höhere Erträge bei den Herstellern, ohne ihre Verkaufserfolge zu beeinträchtigen – wie die Zulassungsstatistiken zeigen.
Elektrische Kleinwagen mit Nostalgiefaktor
Parallel gewinnt ein weiterer Trend an Dynamik: imageorientierte Kleinwagen des B-Segments mit starkem nostalgischem Reiz. Die Marken bevorzugen gerade sie für die vollständige Elektrifizierung, obwohl diese Technik noch länger als erwartet teuer bleiben wird.
Das zeigte sich bereits beim Honda e. Außerdem wurden ein Renault 4 und ein Renault 5 angekündigt. Diese Modelle ergänzen den kleineren Fiat 500 in seiner neuen, rein elektrischen Ausführung sowie den MINI, der 2023 eine neue Generation erhält. Über weitere ähnlich ausgerichtete Modelle anderer Marken kursieren zahlreiche Gerüchte. Sie werden nicht zu den günstigsten Angeboten zählen, aber zweifellos zu den begehrenswertesten. Wie bei Crossovern und SUVs können die Hersteller auch hier Kosten und Preise ihrer Modelle besser steuern.
Diese Entscheidungen sind zwar angesichts der umfassenden Veränderungen in der Automobilindustrie nachvollziehbar. Dennoch werden sie einer wichtigen Käufergruppe den Zugang zu Neuwagen zusätzlich erschweren.
Der europäische Automarkt gliedert sich in zwei große Bereiche: private Käufer sowie Unternehmen und Flotten. Bei den Verkäufen an Privatkunden liegen Dacia Sandero und Duster vorn, zwei der günstigsten und praktischsten Modelle auf dem Markt. Dahinter folgen weitere konventionelle Klein- und Kleinstwagen. Das unterstreicht, wie entscheidend der Kaufpreis weiterhin ist.
Möglicherweise verändert sich dieses Bild langfristig, sobald die Übergangsphase hin zu elektrischer und vernetzter Mobilität abgeschlossen ist, ihre Kosten sinken und die Erträge steigen. Bis dahin könnten die „Volksautos“ jedoch eine lange Durststrecke vor sich haben.
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