Die Zulassungsrangliste für Automobile in Europa im ersten Halbjahr dieses Jahres lässt kaum Interpretationsspielraum zu: Europas Käufer greifen weiterhin bevorzugt zu Volkswagen. Auf Volkswagen folgt mit Škoda die technisch eng verwandte Marke. Wer die Entwicklung des tschechischen Herstellers in den vergangenen Jahren aufmerksam verfolgt hat, dürfte darüber nicht überrascht sein.
Noch vor einigen Jahren hätten solche Zahlen gereicht, um Aktionäre, Beschäftigte und politische Entscheidungsträger zu beruhigen. Die einen wollen die Zukunftsfähigkeit ihrer Produkte bestätigt sehen, die anderen müssen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, und die Letzteren möchten die nächsten Wahlen gewinnen. Die vollständige europäische TOP-10-Tabelle folgt weiter unten. Doch die Welt hat sich verändert.
Volkswagen und Škoda: Europas Verkaufsfavoriten
Aus Sicht des Managements verdecken diese starken Verkaufszahlen jedoch Werke, die nur mit halber Auslastung laufen, Margen auf historischen Tiefstständen und sämtliche Ineffizienzen, die sich aus Entscheidungen angesammelt haben, welche allein auf den Bericht des folgenden Jahres ausgerichtet waren. Die Zukunft wurde dabei einfach unter den Teppich gekehrt.
Doch wie soll diese Zukunft aussehen, wenn sich die Vorgaben fortlaufend ändern? Zu den Managementfehlern kommen die Existenzkrisen der europäischen Politik. Zum völligen Hin und Her bei Zielen, Strafzahlungen und Technologien, alles unter dem sehr weit gefassten Dach des Klimawandels, ist auch noch eine Energiekrise hinzugekommen.
Der jüngste doppelte Salto rückwärts von Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, ist dafür ein treffendes Beispiel: Sie verteidigt die Kernenergie mit Zähnen und Klauen und blendet dabei souverän aus, dass sie Regierungen von Angela Merkel angehörte, die deutsche Kernkraftwerke stilllegten. Dieses Bild der politischen Wetterfahne könnte kaum passender sein. Und trotz aller Purzelbäume landen sie stets auf den Füßen. Beeindruckend.
Chinesische Hersteller erhöhen den Druck auf Europa
Hinzu kommt der Vormarsch der chinesischen Großkonzerne, angeführt von SAIC Motor, BYD und Chery Automobile. Ihr Anteil an den Verkäufen in Europa liegt bereits bei rund 9 %, und manche Analysten erwarten bis 2030 einen Marktanteil von etwa 16 %. Für die europäischen Marken entsteht daraus der perfekte Sturm: mehr Wettbewerber, gestiegene Kosten und zusätzlich die drohenden Emissionsstrafen. Habe ich etwas vergessen? Richtig – die Zölle in den USA.
Es fehlte eigentlich nur noch, dass sich die Autos nicht verkaufen. Noch ist das nicht der Fall. Wie die zuvor erwähnte TOP-10-Tabelle für Europa zeigt, wird die Rangliste weiterhin von europäischen Marken beherrscht. Toyota ist japanisch, das weiß ich. Aber der Toyota Yaris Cross ist zugleich das meistproduzierte Auto Frankreichs. In Europa spricht Toyota mit europäischem Akzent. Dasselbe gilt für Kia, das Entwicklungszentren und Werke über ganz Europa verteilt betreibt. Nein, die Europäer haben nicht verlernt, Autos zu bauen.
Diese Vorliebe ist allerdings eng an Verbrennungsmotoren gebunden. Im PHEV-Segment dominieren BYD und Jaecoo die TOP 3. Deshalb fordert Volkswagen, dass die für in China produzierte Elektroautos geltenden Zölle auch auf Plug-in-Hybride ausgeweitet werden.
Bei Elektroautos sieht es für europäische Marken ebenfalls nicht besser aus: Der Wettbewerb ist hart, die Margen fallen noch geringer aus. Man braucht daher keine Kristallkugel, um vorauszusehen, was geschieht, wenn Verbrennungsmotoren ihren letzten Liter Benzin verbraucht haben. Das weckt in mir den Wunsch, einen Blick auf die marokkanische Automobilindustrie zu werfen – aber dieser Text ist bereits lang genug. Das Thema bleibt für September.
Europäische Autos, chinesische Technik und neue Alternativen
Zurück in die Gegenwart: Vorerst bevorzugen die Europäer noch immer Volkswagen. Allerdings werden die Angebote aus China zunehmend verlockender. Zeekr und Xpeng sind attraktive Marken. Leapmotor überzeugt mit Preis und Ausstattung. BYD ist längst ein vertrauter Name. Und dann gibt es noch die Hybride, etwa von EBRO und MG. Im ersten Fall geht es um eine spanische Marke mit Produktion in Spanien und zu 100 % chinesischer Technologie. Ist das nun chinesisch oder europäisch?
Den Fall Volvo erwähne ich nicht – die Marke gehört wie Zeekr oder Smart zu Geely –, weil er anders gelagert ist. Hauptsitz, Fertigung und Entwicklung dieser europäischen Marke befinden sich weiterhin eindeutig in Europa.
Für Verbraucher sind das durchweg gute Nachrichten: mehr Auswahl und zusätzliche Alternativen. Als Beispiel fahre ich derzeit einen Ebro S900, einen SUV mit 7 Sitzen, 425 PS Leistung, 140 km elektrischer Reichweite und umfangreicher Ausstattung. Der Preis? 56.740 Euro. Bemerkenswert.
Aus politischer Sicht drängt sich mir das Bild europäischer Politiker auf, die der Konkurrenz einen roten Teppich ausrollen und gleichzeitig der europäischen Industrie ein Bein stellen. In beiden Fällen erscheinen sie entweder gebeugt oder ganz nah am Boden – genau dort, wo ich sie mir ohnehin immer vorstelle. Sie richten sich nur alle vier Jahre auf oder strecken den Rücken durch, wer weiß, zu welchem Preis.
Natürlich sind nicht alle Politiker gleich – und das wirklich nicht. Doch unter denen, die gleicher sind als andere, scheint mir gerade die Agenda jener Parteien am stärksten vertreten zu sein, die am wenigsten Repräsentanz besitzen. Gemeint ist die Agenda der ökologischen Parteien. No taxation without representation ist ein Slogan, der immer aktueller wird.
Unabhängig von politischen Fragen bevorzugen die Europäer weiterhin europäische Autos. Entscheidend ist, wie lange sie diese noch kaufen können – entwickelt und gebaut von einer wettbewerbsfähigen europäischen Industrie.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen