„Immer das Gleiche“ lautet seit Generationen der häufigste Vorwurf gegen den Volkswagen Golf. Ein berechtigter Vorwurf, denn Volkswagen setzt auf eine stetige Weiterentwicklung statt auf abrupte Brüche - selbst dann, wenn diese stattfinden, ohne dass wir sie wahrnehmen - gegenüber seinen direkten Vorgängern.
Ist das ein konservativer Ansatz? Ja, aber … Dennoch hat er den Golf nie daran gehindert, über Jahrzehnte hinweg der Maßstab zu sein, an dem sich andere messen lassen müssen. Er vereint objektive wie subjektive Eigenschaften, die ihn fast automatisch zu einem der vollständigsten und kompetentesten Modelle seiner Klasse machen.
Die Ergebnisse sind unbestreitbar: Mit wenigen Ausnahmen zählt der Golf seit sehr vielen Jahren zu den meistverkauften Autos Europas. Wenn etwas funktioniert, warum sollte man es ändern?
Dieses Mal hat Volkswagen allerdings offenbar mehr verändert als üblich, und der Sprung von der siebten zur achten Generation ist deutlich. Beim bloßen Hinsehen wirkt er jedoch nicht so. Äußerlich bleibt er ein … Golf - sein Profil ist unverkennbar.
Digitale Invasion …
Von außen muss ich dem Urteil „immer das Gleiche“ zustimmen. Sobald man im Innenraum Platz nimmt, könnte die Realität jedoch kaum weiter davon entfernt sein - der Wandel ist radikal.
Tasten, Schalter und Hebel sind verschwunden. Das deutlich minimalistischere und optisch anspruchsvollere Design besteht überwiegend aus Touch-Bedienelementen und berührungsempfindlichen Flächen; fast sämtliche Funktionen werden auf den beiden Bildschirmen gebündelt.
Der Aufwand der Designer, Displays und Bedienelemente stimmiger und geschlossener in das Gesamtbild einzufügen, ist klar erkennbar. Sie liegen auf einer durchgehenden, verbindenden Fläche in glänzendem Schwarz, die allerdings recht schnell Schmutz anzieht. Das Ergebnis wirkt wesentlich überzeugender als bei anderen Modellen, deren Tablets einfach auf die Mittelkonsole gesetzt wurden. Diese umfassende Digitalisierung hat jedoch ihren Preis.
Und dieser Preis heißt Bedienbarkeit. Die Bündelung zahlreicher Funktionen im Infotainmentsystem - einschließlich häufig genutzter Funktionen wie der Klimatisierung - sowie die verschiedenen Touch-Bedienelemente ohne haptische Rückmeldung erschweren die Bedienung. Sie verlangen vom Fahrer mehr Präzision und Aufmerksamkeit.
Das ist keine ausschließlich auf den Golf bezogene Kritik, sondern betrifft die Automobilindustrie insgesamt. Die Digitalisierung der Fahrzeuginnenräume schreitet seit Jahren voran, doch die praktischen Resultate lassen bei Bedienbarkeit und Ergonomie in den meisten Fällen weiterhin zu wünschen übrig.
… aber beim Fahren noch analog
Wer in den neuen Volkswagen Golf einsteigt, erkennt sofort: Das ist ein Auto des 21. Jahrhunderts. Die neue taktile und digitale Realität, die Fahrzeuginterieurs zunehmend prägt, umgibt uns überall. Gerade deshalb erscheint das Fahrerlebnis umso bemerkenswerter. Denn beim Fahren ist der Golf keineswegs digital oder künstlich - und das ist gut so.
Unser 2.0 TDI ist zunächst mit einem mechanisch ansprechenden Sechsgang-Schaltgetriebe ausgestattet. Sein kräftiger Schalthebel scheint in diesem anspruchsvollen Innenraum beinahe fehl am Platz - ganz anders als der deutlich kleinere und filigranere Shift-by-Wire-Wählhebel der DSG-Versionen.
Die Betätigung fühlt sich erfreulich mechanisch an, auch wenn sie nicht ganz so geschmeidig wie bei manchen japanischen Modellen ausfällt. Die Übersetzung harmoniert hervorragend mit dem 2.0 TDI, die Schaltwege passen, und die Bedienung besitzt eine gewisse Schwere, die perfekt zu den übrigen Bedienelementen wie der Lenkung passt.
Die Lenkung ist zwar nicht so leichtgängig, wie man vielleicht erwarten würde, doch genau das ist positiv: Sie vermittelt ein vertrauenerweckendes Fundament, wenn Kurven engagierter angegangen werden. Dazu passt das richtig dimensionierte, angenehm kräftige Lenkrad, das sehr gut in der Hand liegt.
In Kurven unterhält der Volkswagen Golf nicht auf dieselbe Art wie ein Ford Focus. Dennoch besitzt er eine gewisse organische Qualität, mit der er kurvenreiche Straßenabschnitte bewältigt, und das ist sehr zufriedenstellend. Stabilität und Komfort der Insassen werden dabei nie beeinträchtigt. Sein fahrdynamisches Gleichgewicht bewegt sich vielmehr auf sehr hohem Niveau und gehört zu den besten im Segment.
Geborener Langstreckenwagen
Am stärksten überraschte der Volkswagen Golf jedoch auf der Autobahn - nun ja, schließlich stammt er aus dem Land der Autobahn. Ich kann mich an kein anderes Auto dieser Klasse erinnern, das so stabil und unerschütterlich fährt wie dieser deutsche Kompakte.
Lange Strecken bei hohem Reisetempo bewältigt er spielend. Seine Stabilität beeindruckt selbst dann, wenn manche Autobahnkurven enger ausfallen, als sie sollten; ebenso überzeugt der Komfort. Motor-, Abroll- und Windgeräusche werden wirksam gedämpft.
Zu seinen Langstreckenqualitäten trägt auch der effiziente 2.0 TDI entscheidend bei. In dieser 116-PS-Variante ersetzt er den früheren 1.6 TDI, und ich kann nur sagen: zum Glück … Denn wie die Amerikaner sagen …
„There’s no replacement for displacement“
Das bedeutet in etwa: „Hubraum lässt sich durch nichts ersetzen“ - eine Redewendung, die gewöhnlich mit eindrucksvollen V8-Motoren im Familienformat verbunden wird. Doch dieser typisch amerikanische Satz passt hervorragend zu diesem ausgesprochen deutschen Auto, insbesondere zum hier getesteten 2.0 TDI. Warum?
Persönlich war ich nie ein großer Freund des 1.6 TDI. Er war nicht gerade angenehm zu nutzen, wirkte insbesondere bei niedrigen Drehzahlen etwas kraftlos, und auch bei Laufkultur, Akustik und Vibrationen blieb er hinter den Erwartungen zurück. Sparsam war er allerdings …
Die zusätzlichen 400 cm³ des 2.0 TDI verbessern das Erlebnis erheblich. Zwar leistet er mit 116 PS genauso viel wie der 1.6 TDI, doch er verfügt über deutlich mehr Reserven, also mehr Durchzug. Vom niedrigen Drehzahlbereich bis hin zu höheren Drehzahlen - wo er sich überraschend wohlfühlt, was für einen Diesel ungewöhnlich ist - präsentiert sich der 2.0 TDI in jeder Hinsicht kompetenter und wesentlich angenehmer.
Und das, ohne den Verbrauch zu erhöhen - ganz im Gegenteil … Bei moderatem Tempo erzielte ich Werte von unter 4,0 l/100 km, auf der Autobahn lag der Verbrauch bei genau fünf Litern. Die Sechs-Liter-Marke wird nur bei intensivem Stadtverkehr mit häufigem Anfahren und Anhalten oder bei deutlich aggressiverer Fahrweise überschritten.
Ist er das richtige Auto für mich?
Wenig überraschend erweist sich der neue Volkswagen Golf als eines der kompetentesten Angebote seines Segments. Er ist weder das günstigste Modell noch das geräumigste, obwohl die einladenden Rücksitze mit einer Mittelarmlehne samt integrierten Getränkehaltern und USB-C-Anschlüssen überzeugen. Doch fast alles, was er tut, macht er sehr gut - besser als die meisten Konkurrenten.
Gerade diesen 2.0 TDI kann man angesichts der ausgezeichneten Langstreckeneigenschaften des Golf eigentlich nur echten Vielfahrern empfehlen. Wer überwiegend in der Stadt unterwegs ist, findet im deutlich günstigeren und kultivierteren 1.0 TSI trotz seines höheren Verbrauchs ein Modell, das alle Anforderungen erfüllt.
In vielerlei Hinsicht bleibt die achte Generation des Volkswagen Golf sich selbst treu, ist aber weit entfernt von „immer das Gleiche“. Dieser Vorwurf der Golf-Kritiker war in Wahrheit stets eine seiner größten Stärken. Doch der Golf 8 ist anders …
Digitalisierung und Vernetzung sind die wichtigsten Schwerpunkte dieser neuen Generation. Sie eröffnen eine Welt neuer Möglichkeiten - etwa Over-the-Air-Updates und Car-to-X - und liefern dem deutschen Kompakten neue Argumente, die eine völlig neue Kundengeneration ansprechen können.
Der enorme Sprung durch die Neugestaltung des Innenraums und die daraus folgenden Veränderungen bei der Interaktion mit dem Fahrzeug könnten den Golf 8 jedoch zum umstrittensten Golf von allen machen - selbst unter seinen Anhängern.
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