1. Der Lenkbügel ist kein Witz
Wer sich an die seltsam anmutenden „Lenkräder“ aus Tesla Model S, X und dem Cybertruck erinnert – und daran, wie breit die Ablehnung fast überall ausfiel –, wird bei Mercedes nun aufhorchen. Nachdem im neuen GLC bereits ein Bildschirmband von rund 102 cm quer über die Armaturentafel für Gesprächsstoff sorgt, geht die Marke noch einen Schritt weiter: Für den überarbeiteten EQS soll demnächst ein Lenkbügel angeboten werden.
Dabei ist der Lenkbügel nicht bloss ein Gimmick, das Fahrerinnen und Fahrer wie Statisten aus Star Trek wirken lassen soll. Er ist ausschliesslich in Kombination mit einem neuen Drahtlenkungssystem erhältlich. Mercedes ist damit der erste deutsche Hersteller, der diese Technik anbietet: Zwischen Lenkeinheit und Vorderrädern existiert keine physische Verbindung mehr, stattdessen werden elektronische Signale übertragen. Dadurch kann das Lenkübersetzungsverhältnis (theoretisch) dauerhaft und stufenlos variiert werden – und Stösse sowie Vibrationen gelangen weniger direkt in die Hände.
Einfach gesagt: Der Lenkbügel wirkt deutlich weniger absurd, sobald klar ist, dass hektisches Armkreuzen oder das Umgreifen am Lenkrad kaum noch nötig ist, weil die Lenkung bei niedrigen Geschwindigkeiten extrem direkt anspricht. Und das bringt weitere Vorteile mit sich.
2. Bessere Sicht nach vorn
Zum Beispiel verbessert sich der Blick auf das Instrumentenfeld und die Strasse vor dem Fahrzeug spürbar gegenüber einem klassischen Lenkrad – schlicht deshalb, weil die obere und untere Hälfte des Rads praktisch fehlen.
Mercedes sagt ausserdem, der Einstieg werde leichter und das Interieur wirke luftiger. Das stimmt auch. Was dabei allerdings nicht mit eingepreist ist: Freunde und Familie könnten dich beim ersten Anblick für einen ziemlichen Deppen halten.
3. Es erinnerte mich an den Cybertruck
Der Edelstahl-Traum von Elon hat ebenfalls einen Lenkbügel und eine Drahtlenkung – und genau an diesen Truck musste ich denken, als ich den Lenkbügel im EQS-Prototypen erstmals drehte. Unsere Runde war nur kurz und führte über einen kleinen Slalomkurs, doch das Gefühl war sofort da: Bei grossen, schweren und extrem langen Autos oder Trucks erwartet man nicht, dass sie bei einem kleinen Zucken aus dem Handgelenk so reagieren.
Dass es trotzdem so ist, liegt an zwei Dingen: der stark „aufgepeppten“ Lenkübersetzung bei niedrigem Tempo und der Allradlenkung. Letztere bietet am Heck einen beeindruckenden Einschlag von 10 Grad. Dadurch reicht eine Vierteldrehung, damit die Front in einen engen Kreis schneidet – während das Heck spürbar mit herumzieht.
4. Man muss sich daran gewöhnen
Und zwar gewaltig. Zugegeben: Wir hatten nur 15 Minuten zum Zickzackfahren zwischen Pylonen – viel zu wenig, um Körper und Kopf neu zu kalibrieren. In einem Cybertruck war ich vor ein paar Jahren länger unterwegs, und mit der Zeit fühlte sich das System tatsächlich natürlicher an, im Alltag sinnvoller und vor allem deutlich weniger anstrengend als das Kurbeln an einer herkömmlichen elektromechanischen Lenkung.
Wichtig ist: Diese Überempfindlichkeit ist auf Schritttempo begrenzt, um die Manövrierfähigkeit zu maximieren. Mit steigender Geschwindigkeit wird die Übersetzung länger, und bei Reisetempo lenken die Hinterräder gleichsinnig zu den Vorderrädern – für mehr Stabilität und einen ruhigeren Geradeauslauf.
5. Redundanz ist integriert
„Aber was ist, wenn das Auto einen elektrischen Totalausfall hat – fahre ich dann geradewegs in den nächsten Baum?“ Keine Sorge: Mercedes hat dafür vorgesorgt und spricht von einer „redundanten Systemarchitektur“ mit „im Grunde zwei Signalpfaden“, falls einer davon ausfällt. Und selbst im sehr unwahrscheinlichen Fall eines kompletten Versagens gilt: „Die Querführung ist dank Hinterachslenkung und gezielten radspezifischen Bremseingriffen über das ESP weiterhin möglich.“ Beruhigend.
6. Nächster Halt: gar kein Lenkrad mehr
Wer beim Gedanken an einen Lenkbügel – und an das gesamte Konzept der Drahtlenkung – zurückschreckt, sollte Folgendes bedenken: Ein Ingenieur nannte mir einen weiteren klaren Vorteil, der vor allem für vollautonome Fahrzeuge relevant ist, bei denen überhaupt kein menschlicher Lenkeingriff mehr nötig ist. Ohne mechanische Verbindung braucht es im „hands-off“-Modus kein geisterhaftes Mitdrehen eines Lenkrads. In diesem Szenario könnte sich der Lenkbügel (als gegenüber einem Kreis sinnvollerweise leichter faltbare Form) einfach zusammenfalten und in der Armaturentafel verschwinden. Genau so ein typisches Konzeptauto-Merkmal, von dem man nie erwartet hätte, dass es Realität wird – bis jetzt.
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