Wenn Autos ihre Eigenheiten verlieren
Autos wirken, als würden sie Schicht für Schicht an Identität einbüssen. Allein bei den Farben: Weiss, Schwarz und Grau prägen heute den Strassenverkehr. Technische Lösungen werden immer austauschbarer, und auch bei den Karosserieformen gibt es kaum noch Überraschungen – SUVs sind die unangefochtenen Platzhirsche. Über das Design muss man fast gar nicht mehr diskutieren, das hat längst jeder bemerkt. Besonders seit dem Auftritt der chinesischen Marken.
Das leise Verschwinden der Motorgeräusche
Was allerdings still und leise verschwindet – im wahrsten Sinn des Wortes –, ist der Lärm der Autos.
Ich sehe eine Ford Transit im Stand laufen, und ich kann sie arbeiten hören. Und ich weiss: Ich bilde mir das nicht ein. Wer – so wie ich – vor den 90ern geboren ist, kennt dieses Geräusch ganz sicher noch: tac-tac-tac-tac-tac…
Und wenn es nicht die Ford Transit ist, dann eben ein Volkswagen Golf TDI, ein Renault Clio, ein Citroën 2CV, eine Toyota Hilux – und so weiter. Die Liste liesse sich endlos fortsetzen.
Klanggedächtnis: immaterielles Automobilerbe?
Darum die Frage: Kann die akustische Erinnerung an Autos nicht auch eine Art immaterielles Automobilerbe sein? Ich bin überzeugt, dass sie genau das ist – und dass wir sie gerade verlieren.
Zu meiner Freude spielt mein jüngster Sohn für sein Leben gern mit Spielzeugautos – der ältere steht eher auf Flugzeuge. Trotzdem beschäftigt mich der Gedanke, dass dem Kleinen diese Klang-Erinnerungen einmal fehlen könnten. Ja, das ist nur ein Detail. Und es ist tatsächlich nur ein Detail, mitten in all den Sorgen und Ängsten, die einen treffen, wenn man die Verantwortung hat, ein Kind grosszuziehen.
Nur: Diese Geräusche sind in meinen Kindheitserinnerungen ein so schöner Ort, dass ich mir wünsche, meine Kinder könnten später etwas Ähnliches haben. Ich denke mit Wehmut an den Klang vom Auto meines Grossvaters, an den Geruch des Wagens meiner Eltern, an das Rattern des Transporters der Gemeindeverwaltung in meinem Dorf – und so weiter.
Die Rationalen werden sagen, wir hätten all das zugunsten von Sicherheit und Effizienz hinter uns gelassen. Stimmt.
Und wer weiss: Wäre ich in den 70ern geboren, hätte ich vermutlich einen Text darüber geschrieben, wie „schön“ es war, morgens den Choke zu ziehen – und wie aufregend es blieb, nicht zu wissen, ob der Motor anspringt, ob die Zündkerzen absaufen und ob man am Ende zu Fuss zur Schule muss.
Einverstanden. Fast alle von uns blicken ähnlich auf früher zurück: eingehüllt in eine romantische, magische Decke. Magisch deshalb, weil sie das Schlechte zuverlässig zudeckt und nur das Gute sichtbar lässt. Das ist wunderbar – vorausgesetzt, man kann sich ebenso für die Zukunft begeistern. Und ich bin begeistert!
Klassiker-Erfahrungen für die Kinder: Mercedes-Benz 190 (W201)
Vielleicht genau deshalb kam mir der Gedanke, eine gebrauchte Ford Transit zu kaufen. Ohne Klimaanlage und ohne Servolenkung. Im August dann mit allen über die Landstrasse in die Algarve. Ok!, theoretisch könnte das sogar passieren – aber so nostalgisch bin ich dann doch nicht.
Trotzdem habe ich mir noch einen weiteren Mercedes-Benz 190 (W201) gekauft, um mit meinen Kindern am Wochenende unterwegs zu sein. Ich möchte, dass sie mit solchen Autos in Berührung kommen – mit Fahrzeugen, die noch mehr Schichten haben.
Ich habe für mich beschlossen, dass immer ein Klassiker oder ein anderer in der Garage stehen wird. Nicht meinetwegen, sondern ihretwegen. Hust, hust…
„fssssss“ statt „vruum vruum“ – und warum Diesel klackern
Und jetzt ohne Witz: Der Moment, der mich wirklich aufhorchen liess, war, als ich meinen jüngsten Sohn mit Autos spielen sah – und er dazu „fssssss“ machte statt dem traditionellen, erwartbaren „vruum vruum“.
In seiner Vorstellung sind Autos eben alle elektrisch. Und es gibt Dinge, die ein Vater einfach nicht akzeptieren kann.
Zur Herkunft der typischen Diesel-Geräusche: Wenn euer Kind sich für Autos interessiert, zeigt ihm den Artikel, den ich vor etwa acht Jahren geschrieben habe. Darin versuche ich zu erklären, warum Diesel-Autos lauter sind als Benziner. Danach wird er auf dem Schulhof glänzen.
Und falls ihr von einer Ford Transit in Top-Zustand wisst, die auf dem YouTube-Kanal von Razão Automóvel auftauchen könnte: Ich bin ganz Ohr!
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