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Audi Lucca: Der wiedergeborene V16-Rekordwagen von Audi Tradition

Silberner, stromlinienförmiger Vintage-Rennwagen in Fahrt auf einer Rennstrecke mit Metallbarriere im Hintergrund.

Seit TopGear.com Ende 2024 beim Zusammenbau des allerletzten Audi R8 mitgeholfen hat, klafft bei Audi ein ziemlich auffälliges, schwarzes Loch im Modellprogramm – genau dort, wo eigentlich ein Mittelmotor-Supersportwagen stehen müsste. Bis jetzt.

Der Audi Lucca füllt die Lücke – aber anders als erwartet

Das hier ist der Lucca: nagelneu – und ganz sicher keiner, der sich mit einem mickrigen V10 im Heck begnügt. Stattdessen läuft dieses Ding mit Methanol und spuckt Feuer aus einem 6,0-Liter-V16. Und ja: er ist auch noch aufgeladen. Das ist „Vorsprung durch WUT“.

Wie zu erwarten, gibt es dabei ein, zwei klitzekleine Sternchen.

Erstens: Der Lucca ist – dazu gleich mehr – kein frisches Design von Grund auf, sondern die Neuerschaffung einer Legende aus den 1930ern.

Fotografie: Alex Tapley

Zweitens: Das ist kein Serienfahrzeug. Dieses atemberaubende Raumschiff ist ein Einzelstück, in Auftrag gegeben von Audis Heritage-Abteilung Audi Tradition in Ingolstadt.

Einzelstück von Audi Tradition: gebaut von Crosthwaite & Gardiner

Wie schon der vorherige Griff in die Historienkiste – der dreisitzige, V16-befeuerte Type 52, der 2024 zurück ins Leben geholt wurde – ist auch der Lucca ein Herzensprojekt. Gebaut wurde er von den britischen Klassik- und Motorsport-Spezialisten Crosthwaite & Gardiner.

Nach drei Jahren Arbeit und einer Rechnung im „frag nicht“-Bereich von siebenstelligen Summen lebt der Lucca nun.

Warum „Lucca“? Die Rekordfahrt von Auto Union 1935

Und weshalb dieser auffallend italienische Name? Weil sich dort das Original einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hat.

Wir schreiben das Jahr 1935. Audis Vorgänger Auto Union steckt in einem offenen Wettstreit mit Mercedes: Wer baut die schnellsten strassenzugelassenen Autos der Welt? Auto Unions neuester Kandidat ist im Kern das damalige Grand-Prix-Rennmonster „Type A“, nur eingepackt in eine glatte, stromlinienförmige Hülle. Das Auto wiegt etwas über 1.000kg, und sein 5,0-Liter-V16 brüllt 343bhp heraus.

Es ist Februar. Eigentlich sollte diese neue Auto-Union-Geschwindigkeitsmaschine auf (gesperrten) öffentlichen Strassen in Ungarn erprobt werden. Nur: Februar eben – das Wetter war unerquicklich. Also entschied man sich für Italien.

Nach Überlegungen zu einem Autostrada-Abschnitt zwischen Bergamo und Brescia fiel die Wahl schliesslich auf einen neuen Ort, 300km weiter südlich: zwischen Florenz und Viareggio in der Toskana. Die nächstgelegene Stadt? Ein charmantes Renaissance-Zeitkapselchen namens Lucca…

Für die Rekordversuche wurde ein 5km langes Teilstück reserviert, auf dem Auto Union den fliegenden Kilometer und die fliegende Meile angreifen wollte. Nach Testrunden am Valentinstag kletterte am 15. Februar 1935 der baldige deutsche Rennsport-Superstar Hans Stuck in das winzige Einsitzer-Cockpit – und lenkte den Wagen zu einer v-max von 326.975kph.

Das entspricht 203.17mph – damals war noch nie jemand auf einer öffentlichen Strasse schneller gewesen.

Auto Union entwickelte das Konzept des „verrückten V16 im Lycra-Anzug“ in den 1930ern weiter, bis der Zweite Weltkrieg dazwischenfunkte – mit dem Ziel, in Richtung 300 Meilen pro Stunde vorzudringen. Doch der ursprüngliche Lucca ging unterwegs verloren.

Manche behaupten, er sei zerlegt und als Ersatzteilspender ausgeschlachtet worden, nachdem er überholt war. Andere sind überzeugt, dass er – wie so viele Auto-Union-Renn-Ikonen – 1945 von einmarschierenden Russen als Kriegsbeute eingesammelt wurde. Wie auch immer: In Museen existieren heute nur noch sehr wenige echte Auto Unions – Audi baut sein Tafelsilber also im wahrsten Sinne des Wortes neu auf.

Mehr Hubraum, mehr Leistung – und makellose Handarbeit

Weil dieses neue Auto mit fast einem Jahrhundert zusätzlicher Erfahrung im Rücken entstanden ist, hat Audi Tradition ein Upgrade beauftragt. Statt des zeitgenössisch korrekten 5,0-Liter-V16 steckt die spätere 6,0-Liter-Spezifikation darin, die laut Angabe 520 horsepower liefern soll. Und er fährt. Für einen exklusiven Blick – und vor allem ein exklusives Hören – bleibt Top Gears YouTube-Kanal dran: Das kommt sehr bald…

Auch die Ausführung ist auf höchstem Niveau. Die offene Kulissenschaltung ist bis zum Spiegelglanz poliert. Die von Hand gedengelten Bleche tragen „Cellulose Silver“ – eine extrem feine, empfindliche Anmutung, die dem Originalton so nahe wie möglich kommt. Verwendet werden dabei moderne Lacke, die für das menschliche Atemsystem nicht so unangenehm sind wie die historischen Materialien.

Wer genau hinschaut, bemerkt ausserdem: Der Tacho ist vollkommen unzureichend – er geht nur bis zu mitleiderregenden 300kph (186mph)…

Sehr seltene Demonstrationsfahrten – und ein ungelöstes Problem

Audi will dieses Steampunk-Batmobil nur zu ganz gelegentlichen Demonstrationsfahrten ausrollen, betont aber, dass keine Pläne für Top-Speed-Experimente bestehen. Zum einen wegen des Preises (hoch), der Sicherheitsgurte (keine) und des Crashschutzes (vergiss es). Zum anderen, weil noch Rätsel offen sind.

Denn verloren gegangen ist der Mechanismus, mit dem Auto Union die Kampfjet-artige Haube bei hohem Tempo fest mit der Struktur des Fahrzeugs verbunden hielt. Es gibt keine Zeichnungen, keine Blaupausen, kein YouTube-Tutorial.

Wenn der Lucca heute wieder nach Ruhm greifen würde, bestünde eine sehr reale Gefahr, dass er unterwegs sein Dach einfach abwirft.

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