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Bentley Continental GT Speed: 335 km/h im Fahrbericht

Grüner Bentley GT Speed Sportwagen in moderner Ausstellungshalle auf weißem Boden unter hellem Licht.

Der Bentley Continental GT Speed ist das schnellste Serienmodell in der Geschichte der britischen Marke: Als Coupé oder Cabriolet erreicht er eine Höchstgeschwindigkeit von 335 km/h.

Möglich macht das ein beeindruckender 12-Zylinder-W-Motor – eine leicht überarbeitete Variante des 6.0 W12 Twin-Turbo, der 24% kompakter ausfällt als ein klassischer V12. Die Leistung steigt dabei von 635 cv auf 659 cv. Gleichzeitig sorgt das Fahrwerk dafür, dass dieser Gran Turismo nicht nur schnell, sondern auch deutlich unterhaltsamer zu bewegen ist.

„Wir haben im Grunde nur die Motorabstimmung ein wenig nachgeschärft“, erklärt Chris Cole, Director of Vehicle Line, und verweist zugleich auf die in seinen Augen größeren Fortschritte des GT Speed: „Wir haben hinten ein komplett neues elektronisches Differential und erstmals eine Hinterradlenkung.“

Basis ist – erwartungsgemäß – die MSB-Plattform, die auch der Porsche Panamera nutzt. Beim Bentley ist sie jedoch spezifisch abgestimmt: Der Motor leitet mehr Leistung (bis zu 72%) an die Hinterachse als beim Panamera V8. In den Fahrmodi Comfort und Bentley können die Vorderräder bis zu 36% des Drehmoments erhalten (in dieser Konfiguration gehen maximal 64% an die Hinterachse).

Die Messlatte höher legen

Weitere technische Maßnahmen waren entscheidend, um aus dem schnellsten Serien-Bentley der 102-jährigen Markengeschichte das Maximum herauszuholen – parallel dazu hat Chefingenieur Chris Cole mit seinem Team auch Lenkung und Dämpferabstimmung überarbeitet.

Ziel der Änderungen war zudem, die Spreizung zwischen den eher komfortorientierten Programmen Comfort beziehungsweise Bentley und dem Sport-Modus deutlicher auszuprägen. Dazu später mehr.

Das Zusammenspiel aus variabler Dämpfung, Dreikammer-Luftfederung, elektrischer Wankstabilisierung (48 V) sowie dem neuen elektronischen Sperrdifferenzial an der Hinterachse (eLSD) hebt die Agilität auf ein Niveau, das man bislang in keinem Bentley-Straßenfahrzeug kannte.

Bei der elektronischen Wankstabilisierung arbeitet in jedem Stabilisator ein kräftiger Elektromotor: In der straffsten Einstellung kann er innerhalb von 0,3 Sekunden bis zu 1300 Nm aufbauen, um Querkräfte zu kontern und die Karosserie ruhig zu halten.

Wie bei Hinterradlenkungssystemen üblich, lenken die Hinterräder bei niedrigen Geschwindigkeiten gegenläufig zu den Vorderrädern – der Wendekreis wird kleiner, das Rangieren leichter. Bei mittleren bis hohen Geschwindigkeiten lenken sie gleichsinnig, was der Stabilität zugutekommt.

15 000 Euro für Bremsen?

Auch die Bremsanlage folgt dem Anspruch der Weiterentwicklung: Optional sind Carbon-Keramik-Scheiben mit Siliziumkarbid verfügbar, die die „Bissigkeit“ erhöhen. Die vorderen Scheiben messen 440 mm – die größten, die es in einem weltweit in Serie produzierten Auto gibt. Dazu kommen Zehnkolben-Sättel vorn und Vierkolben-Sättel hinten. Gleichzeitig fühlt sich das Pedal fester an, und die Anlage steckt intensive Belastung besser weg.

Wichtig: Diese neue Bremsoption senkt das Fahrzeuggewicht um 33 kg und ist das einzige Sonderausstattungsmerkmal (für 15 000 Euro), das die fahrdynamische Kompetenz des Fahrwerks erhöht – alles andere ist Serie.

Der Allradantrieb wurde ebenfalls neu kalibriert, um in sämtlichen Fahrmodi eine stärkere Differenzierung zu schaffen als bei den „nicht-Speed“-Varianten des Continental GT: In Bentley und Comfort wird Traktion auf allen vier Rädern priorisiert, im Sport-Modus wandert mehr Drehmoment an die Hinterachse, um ein dynamischeres Fahrverhalten zu ermöglichen.

Dezente optische Retuschen

Optisch bleibt der überarbeitete Continental GT Speed vergleichsweise zurückhaltend – wer genau hinsieht, entdeckt jedoch den Matrix-Kühlergrill in dunklerer Ausführung, ebenso abgedunkelte untere Grillbereiche in der Frontschürze, 22”-Leichtmetallräder mit exklusivem Design, das Speed-Emblem am vorderen Kotflügel, stärker modellierte Einstiegsleisten sowie einen Bentley-Schriftzug als Verweis auf die sportlichen Speed-Wurzeln, insbesondere in Le Mans.

Die „12“ leuchtet weiterhin hinter den großen vorderen Rädern – als Erinnerung daran, dass nicht jeder GT von so vielen Zylindern angetrieben wird (und selbst einige Flying Spur nicht).

Im luxuriösen, komfortablen Innenraum für vier Erwachsene (die Passagiere hinten sollten nicht größer als 1,75 m sein, sonst leidet die Frisur bei geschlossenem Verdeck) bestimmen schwarzes Alcantara und Leder den Eindruck. Dazu kommen Carbonfaser-Applikationen sowie ein starker Kontrast durch die Lederziernähte der sportlich geformten, zugleich bequemen Sitze. In die Kopfstützen ist das Speed-Logo eingestickt.

Das Kombiinstrument kombiniert analoge und digitale Elemente, und die markentypische, drehbare Mittelpartie des Armaturenträgers steigert den sehr edlen Eindruck des Cockpits weiter. Und als Verbeugung vor der Tradition (oder als Hinweis, dass das Auto ein wenig in die Jahre kommt …) bedient der Fahrer 22 Tasten und drei Drehregler auf der Mittelkonsole zwischen den Sitzen.

Der schnellste Bentley seit über einem Jahrhundert

Der 6,0-Liter-Motor legt bei der Spitzenleistung um 24 cv zu – von 635 cv auf 659 cv –, während das maximale Drehmoment bei 900 Nm bleibt. Genug, um den Gran Turismo bis auf 335 km/h zu „katapultieren“ und den Sprint von 0 auf 100 km/h in 3,7s zu erledigen (eine Zehntel schneller als zuvor und zwei Zehntel langsamer als das Coupé). Angesichts von 2,5 Tonnen Gewicht ist das bemerkenswert.

Gekoppelt ist das Aggregat an ein Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe, das im Sport-Modus die Gangwechsel doppelt so schnell ausführt wie beim 12-Zylinder-Continental GT ohne Speed-Zusatz.

Bei geringer oder fehlender Gaspedallast wird die Hälfte der Zylinder abgeschaltet, um den Verbrauch zu senken: Ansaug-/Abgasventile sowie Zündung/Kraftstoffeinspritzung werden in den vorgesehenen Zylindern deaktiviert. So fährt der Continental GT Speed faktisch als Sechszylinder – in den Gängen 3 bis 8, unter 3000 rpm und bis 300 Nm Drehmoment.

Trotzdem lag auf unserer rund 160 km langen Runde (überwiegend Landstraße, wenig Autobahn und auch die „geheime Strecke“) der Endschnitt bei 17,5 l/100 km – über den 14,1 l/100 km, die nach WLTP-Homologation in Aussicht gestellt werden.

Herausforderungen

Wenn Bentley spätestens 2030 ausschließlich „100% elektrische“ Fahrzeuge anbieten will und kommende Modelle gemeinsam mit Audi entwickelt werden, ist es plausibel, dass dies der letzte Continental GT auf dieser Plattform sein wird. Doch die Fahrt auf Siziliens Straßen – und an einem sehr besonderen Ort, an dem wir zum Beschleunigen „freie Hand“ bekamen – deutet darauf hin, dass dieses Kapitel sehr erfolgreich zu Ende gehen dürfte.

Viele sizilianische Straßen sind schmal und der Asphalt ist häufig uneben. Genau das waren die ersten Prüfsteine für den Continental GT Speed Convertible, der 4,85 m lang ist und fast zwei Meter Breite mitbringt. Die komplexe Fahrwerkskonstruktion filterte die meisten Unebenheiten ordentlich weg, bevorzugt in den beiden komfortableren Fahrmodi.

Lob verdient das Continental GT Speed Convertible auch für die Karosseriesteifigkeit über Schlaglöcher und Kanten – interessanterweise besonders bei geöffnetem Stoffverdeck. Das Öffnen dauert 19 Sekunden, das Schließen nur wenig länger.

Ist der Innenraum wieder abgedeckt, sind gelegentlich Knarzen und leise Klagen der Struktur wahrnehmbar, weil Wind- und Umgebungsgeräusche weniger überdecken. Dennoch betonen die Briten, das Z-förmige Verdecksystem sei das fortschrittlichste seiner Art und – dank verbesserter Dichtungen und Akustikmaßnahmen – genauso leise wie die vorherige Generation des Continental GT Coupé.

Die Lenkung wirkt für einen GT ausreichend direkt und präzise (selbst für einen mit hohem „Testosteron“-Anteil wie diesen), und das Achtgang-Automatikgetriebe zeigt sich je nach Fahrstil geschmeidig oder sehr schnell. Anders als früher sitzen die Schaltwippen nah genug am Lenkradkranz – auch für Fahrer, die weder Pianisten noch Basketballspieler sind.

Das Fahrverhalten ist weiterhin beeindruckend, wenn man Abmessungen und Masse berücksichtigt – doch sobald das Tempo steigt, legt der GT Speed spürbar noch einmal nach.

Genau deshalb hat Bentley den verlassenen Flugplatz von Comiso (ehemals Magliocco, ehemaliger sizilianischer Militärflugplatz aus dem Zweiten Weltkrieg, ehemalige Luftwaffenbasis der Luftwaffe im Rahmen der Achsen-Allianz mit Italien, ehemalige Militärbasis während des Kalten Krieges in den 80ern und ehemaliges NATO-Camp für Kosovo-Flüchtlinge in den 90ern) in eine etwas pittoreske Rennstrecke verwandelt.

Hohe Vegetation, unregelmäßige Betonplatten und sogar Geisterhangars passieren – aber immerhin ohne das Risiko von Bußgeldern bei hohen Geschwindigkeiten, die in einem Continental GT Speed sehr wahrscheinlich wären.

Donuts mit einem Bentley

Zwei Runden mit einem Bentley-Piloten, der den Kurs in- und auswendig kannte und mir sagte, wo einzulenken ist und wann wegen Bremsschwellen zu verzögern sei, reichten aus, um klarzumachen: Der neue Continental GT Speed erweitert das dynamische Spektrum eines Autos, das als luxuriöser Gran Turismo bislang zwar alle Häkchen setzte, bei der Agilität aber nicht in gleicher Weise beeindruckte.

Das Untersteuern ist deutlich zurückgedrängt, aus Kurven heraus baut das Auto mehr „Dringlichkeit“ auf. Und sobald die Stabilitätskontrolle (ESC) in den Dynamic-Modus geschaltet wird, lässt sich die Fahrzeugposition in der Kurve tatsächlich nach Wunsch setzen und variieren – abhängig davon, wie viel Rennfahrer-Gen im jeweiligen Fahrer steckt. Gleichzeitig bleibt die beruhigende Gewissheit einer „Sicherheitsnetz“-Logik, falls etwas doch aus dem Ruder läuft.

Geht man noch einen Schritt weiter und deaktiviert das ESC vollständig, arbeiten Lenkung und eLSD so zusammen, dass sich das Auto mit dem Gaspedal ausbalancieren lässt – für Kunststücke, die man zuvor eher von Bentley-Rennwagen kannte.

Donuts mit einem vierädrigen Mammut? Aber natürlich, ohne Mühe. Sicher? Zweifellos – abgesehen von der Reifenintegrität, versteht sich. Käufer, die bereit sind, für diese Maschine mehr als 300 000 Euro auszugeben, werden das allerdings kaum lange bereuen.

Gute Formkurve

Der Bentley Continental GT Speed kommt für die britische Marke zur richtigen Zeit, nach einer schwierigen Phase – die Autoindustrie gleicht mitunter einer Achterbahn. Gerade noch geht es abwärts: finanzielle Verluste, Entlassungen. Kurz darauf steigt die Nachfrage auf neue Höhen, die Gewinne schießen nach oben, und überall sieht man Konfetti.

Zu den zufriedenen Gesichtern zählt auch Adrian Hallmark, der CEO der britischen Traditionsmarke, der mich beim dynamischen Launch der neuen Continental GT Speed-Generation begrüßte: „Mit signifikanten Verlusten in 2019 gelang uns 2020 ein Jahresverkaufsrekord (11 206 Autos), und nun hatten wir das beste erste Halbjahr seit 2014. Mit dem heutigen vollständigen Modellprogramm können wir nur optimistisch sein“, sagt er – sichtbar selbstbewusst, nachdem Bentley von covid-19, Brexit und weiteren relevanten Risiken getroffen worden war.

Technische Daten

Bentley Continental GT Speed Convertible
Motor
Position Vorderer Längseinbau
Architektur 12 Zylinder in W
Hubraum 5952 cm³
Ventilsteuerung 4 Ventile pro Zylinder (48 Ventile)
Gemischaufbereitung Direkteinspritzung (indirekt), Turbo, Ladeluftkühler
Leistung 659 cv zwischen 5000-6000 rpm
Drehmoment 900 Nm zwischen 1500-5000 rpm
Getriebe
Antrieb 4 Räder
Getriebe Automatik (Doppelkupplung) mit 8 Gängen
Fahrwerk
Aufhängung VA: Unabhängig, doppelte Dreiecksquerlenker; HA: Unabhängig, Mehrlenker
Bremsen VA: Innenbelüftete Scheiben; HA: Innenbelüftete Scheiben; Optional: Carbon-Keramik
Lenkung/Wendekreis Elektrische Servounterstützung/11,2 m
Anzahl Umdrehungen 2,5
Abmessungen und Kapazitäten
L x B x H 4850 mm x 1954 mm x 1399 mm
Radstand 2851 mm
Kofferraumvolumen 235 l
Tankinhalt 90 l
Räder VA: 275/35 ZR22; HA: 315/30 ZR22
Gewicht 2436 kg
Fahrleistungen und Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit 335 km/h
0-100 km/h 3,7s
0-160 km/h 7,9s
0-1000 m 21,1s
Kombinierter Verbrauch 14,1 l/100 km
CO₂-Emissionen 320 g/km

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