Der MINI JCW Electric ist kein Schnäppchen – aber er macht enorm viel Spass. Sogar mit seinen Schwächen.
Kaum ein Name bringt so viel Erwartungsdruck mit wie John Cooper Works (JCW). Über Jahrzehnte hinweg wurden diese drei Buchstaben innerhalb der MINI-Welt zum Synonym für Fahrfreude.
Das Prinzip war dabei stets klar: Nicht die nackte Spitzenleistung stand im Vordergrund, sondern eine direkte Lenkung, möglichst wenig Gewicht, hohe Agilität – und die Gabe, selbst eine banale Strecke in ein Erlebnis zu verwandeln. Eigentlich braucht es dafür nicht einmal eine Landstrasse: Schon eine einfache Fahrt, gerade im Stadtverkehr, reicht.
Mit der Elektrifizierung musste MINI diese Mischung jedoch neu denken. Der neue John Cooper Works Electric ist deshalb der erste JCW, der komplett auf einen Verbrennungsmotor verzichtet – an seine Stelle tritt ein Elektromotor. Um herauszufinden, ob dieser erste elektrische JCW seinem Erbe gerecht wird, habe ich die letzten Tage am Steuer verbracht. Ich weiss – es gibt schlimmere Jobs…
Souverän im Alltag und in Kurven
Der erste, ganz praktische Kompromiss durch den Elektroantrieb zeigt sich bei der Sitzposition. Weil der Akku im Fahrzeugboden sitzt, sitzt man etwas höher, als man es sich in einem kleinen Sportler wünschen würde. Je nach Lenkradstellung kann zudem das Head-up-Display teilweise verdeckt sein. Ein Detail, das in dem Moment in den Hintergrund rückt, in dem man den JCW wirklich fährt.
Meine ersten Testkilometer fanden in der Stadt statt – dort, wo sich MINI traditionell besonders wohlfühlt. Auch der JCW macht hier keine Ausnahme: Kompakte Abmessungen, sehr gute Übersicht, die unmittelbare Reaktion des Elektromotors und eine schnelle, präzise und rückmeldungsstarke Lenkung – eine der besten in diesem Segment – machen ihn zu einem starken Partner im täglichen Verkehr.
Seinen Charakter zeigt dieser JCW aber vor allem auf Nebenstrassen. Die Lenkung bleibt eine echte Referenz, die Front trifft Kurven mit beeindruckender Genauigkeit, und der tiefe Schwerpunkt hilft dabei, die rund 300 kg Mehrgewicht durch die Elektrifizierung zu kaschieren.
Die Kehrseite spürt man, sobald der Asphalt schlechter wird. Das Fahrwerk ist klar auf Effektivität abgestimmt und reicht Unebenheiten auf rauem Belag deutlich weiter. Ein klassischer Fall von: Es gibt nichts umsonst.
Hinzu kommt, dass die Vorderachse mit den 350 Nm, die ohne Verzögerung anliegen, nicht immer völlig mühelos zurechtkommt. Ob man das schon als „Mangel“ bezeichnen sollte, weiss ich nicht – ich fand es sogar amüsant, wie bewusst man die Kraft dosieren muss. Das macht das Ganze nur… intensiver.
Mit etwas Gefühl am Strompedal stellt sich die Balance schnell wieder ein. Und genau in dieser Suche nach dem passenden Rhythmus liegt eine der grossen Stärken des JCW: Trotz Elektroantrieb bleibt er ein schnelles, kommunikatives und ehrlich unterhaltsames Auto. Schnell fahren fällt ihm leicht.
Ruhig, etwas langsamer…
Ein JCW muss nicht ausschliesslich ein Wochenend-Spielzeug sein. Die gute Nachricht: Wenn man entspannter unterwegs ist, zeigt er weiterhin die Vielseitigkeit, die uns an Pocket Rockets und Hot Hatches so begeistert.
Im Stadtbetrieb verändert der Green-Mode seinen Charakter spürbar, ohne ihn träge wirken zu lassen. Genau in diesem Modus übernahm er bei mir die Rolle des möglichst rationalen Alltagsautos – mit einem Durchschnittsverbrauch von 14 kWh/100 km, also unter den von der Marke genannten 15,4 kWh/100 km. Unter diesen Bedingungen lag ich damit besser als MINI es angibt (die Werte könnt ihr in den technischen Daten am Ende des Artikels nachprüfen).
Wenn das Tempo steigt, klettert der Verbrauch erwartungsgemäss in Richtung 20 kWh/100 km. Unterm Strich heisst das: Rechnet mit rund 300 km realistischer Reichweite. Für grosse Langstrecken ist er nicht gemacht – aber das war auch nie der Auftrag eines MINI JCW. Wer genau das sucht, ist hier schlicht an der falschen Adresse.
Klein, wie der Name verspricht
Beim Interieur punktet der JCW mit viel Stil. Nahezu jedes Detail hat Wiedererkennungswert – von der textilen Verkleidung des Armaturenträgers bis zu den physischen Bedienelementen, die an klassische Modelle der Marke erinnern. Das Ambiente wirkt modern, ohne die MINI-Identität zu verlieren, und die Verarbeitungsqualität passt weiterhin zum Premium-Anspruch.
Weniger überzeugend ist die Ergonomie. Durch die Menüs muss man sich erst einarbeiten, und einige Funktionen sind nach wie vor zu stark an den Bildschirm gebunden. Immerhin: Das System reagiert schnell, und Apple CarPlay sowie Android Auto sind serienmässig dabei.
Beim Platzangebot gibt es keine Überraschungen. Vorn sitzt man bequem, hinten bleibt es dagegen bei Raum für Kinder oder für gelegentliche Fahrten. Der Kofferraum mit 210 Litern unterstreicht, was ein MINI im Kern immer war: ein Auto, das am besten zu einer oder zwei Personen passt.
Treffen unter «Brüdern»
Interessanterweise kommen einige der stärksten Gegner dieses JCW aus den eigenen Reihen. Die leistungsstärkeren Cooper-Electric-Varianten bieten nahezu das gleiche Umfeld, eine sehr ähnliche Optik und dazu mehr Komfort – und das für ein paar Tausend Euro weniger.
Wer vor allem auf Leistung schaut, kommt um den Vergleich mit dem JCW mit Verbrennungsmotor nicht herum. Der Elektrische hat hier die Nase vorn: 258 cv, 350 Nm und 0–100 km/h in 5,9 Sekunden – besser als die 231 cv und 6,1 Sekunden der thermischen Version.
Auch beim Preis liegt er vorn: Er kostet 45 630 euros und damit weniger als die 47 980 euros, die für den JCW Benziner aufgerufen werden. Dazu kommen deutlich niedrigere Betriebskosten. Und wer seinen MINI über eine Firma kauft, kann die Mehrwertsteuer vollständig absetzen.
Welchen würde ich mir in die Garage stellen? Das hängt aus meiner Sicht vor allem von der Art des Kaufs ab. Wenn dieser MINI über eine Firma läuft, beantwortet der Preisaspekt fast alles. Teuer bleibt er trotzdem – aber MINI war noch nie günstig.
Ausserhalb der MINI-Familie sind Alpine A290 und Alfa Romeo Junior Veloce die naheliegendsten direkten Konkurrenten. Und schon bald mischen auch der Volkswagen ID. Polo GTI und der Peugeot e-208 GTI mit. Die Spiele können beginnen.
Zurück zu „meinem“ MINI John Cooper Works Electric: Er schafft etwas, das zunächst unwahrscheinlich klingt – er macht das Elektro-Sein zur Nebensache. Er bleibt ein Auto mit viel Charakter, ist schnell, gibt Rückmeldung und macht wirklich Spass.
Ja, das Fahrwerk dürfte gerne nachsichtiger sein, und die Vorderachse wird von den 350 Nm an den Rädern manchmal gefordert. Doch diese Grenzen ändern nichts am Kern: Die John-Cooper-Works-DNA ist weiterhin da, und die Elektrifizierung hat die Freude nicht kaputtgemacht – sie liefert sie nur auf eine neue Art.
Schade ist lediglich, dass der Preis so hoch ausfällt. Wobei ein Blick zur Konkurrenz kaum bessere Nachrichten bringt. Und zur Reichweite: Vergesst die ständigen Autobahn-Duelle. Unter solchen Bedingungen schrumpft die Reichweite drastisch. Also: lieber in der Stadt bleiben. Der MINI JCW dankt es – und euer Fahrspass auch.
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