Der Omoda 9 ist nicht das Auto für die kurvenreichste Strecke nach Hause. Er soll schnell ans Ziel bringen – und dabei möglichst kein Benzin verbrauchen.
Falls Ihnen der Name Omoda bislang wenig sagt, ist das kaum verwunderlich. Die chinesische Marke ist erst seit Kurzem auf dem deutschen Markt vertreten und baut ihre Position hier noch auf.
Mit dem Omoda 9 präsentiert sie ihr Spitzenmodell und zugleich ein deutliches Beispiel für ihren Anspruch: einen großen Plug-in-Hybrid-SUV mit Allradantrieb, umfangreicher Technik, langer Ausstattungsliste und Daten, die eher zu einem Sportwagen passen könnten.
Der Ferrari F50 zählt zu meinen bevorzugten Supersportwagen. Sein V12 hat Wurzeln in der Formel 1, es entstanden lediglich 349 Exemplare, und bei seiner Einführung vor rund 30 Jahren gehörten seine 520 PS zu den exotischsten und schnellsten Automobilen der Welt.
Heute übertrifft ein chinesischer Familien-SUV für fünf Personen mit Massagesitzen und einer Batterie für mehr als 100 km ohne Benzinverbrauch diese Leistung sogar: 537 PS. Das zeigt eindrucksvoll, wie sich die Maßstäbe bei der Motorleistung verschoben haben. Rund 500 PS waren früher exotischen Supersportwagen vorbehalten, heute finden sie sich selbst in SUVs ohne sportlichen Anspruch.
Genau darin liegt der Kern der Sache. Die 395 kW (537 PS) und 650 Nm des Omoda 9 sehen im Datenblatt beeindruckend aus und ermöglichen den Sprint von 0 auf 100 km/h in nur 4,9 Sekunden. Sie wecken jedoch auch Erwartungen, denen das übrige Fahrzeug nicht immer gerecht wird.
Gelungenes Design des Omoda 9
Eines der Probleme, mit denen zahlreiche chinesische Marken noch kämpfen, ist eine klar erkennbare Identität. Omoda verdient jedoch Anerkennung für seinen Ansatz.
Während der Schwestermarke Jaecoo oft eine auffällige Ähnlichkeit ihrer Modelle mit denen einer bestimmten britischen Marke nachgesagt wird, wählte Omoda einen eigenständigeren Weg. Die Marke bemüht sich erkennbar um eine gemeinsame Designsprache für ihre Modelle.
Der Omoda 9 wirkt imposant und zieht Blicke auf sich, besonders bei Dunkelheit, wenn seine Lichtsignatur am stärksten zur Geltung kommt. Schade nur, dass er optisch nicht etwas flacher erscheint, was besser zu seiner Leistung passen würde. Die 20-Zoll-Räder helfen zwar, dennoch steht der Omoda 9 weiterhin recht hoch da – beinahe, als würde er auf Stelzen stehen.
Der Innenraum besteht nicht nur aus Bildschirmen
Wie beim Exterieur besitzt auch der Innenraum des Omoda 9 einen eigenen Charakter. Allein schon deshalb, weil er nicht wie ein lustloses Copy-and-paste-Ergebnis wirkt, wie es bei vielen chinesischen Angeboten im Cockpit der Fall ist.
Es gibt zwei 12,3-Zoll-Bildschirme, aber ebenso physische Bedienelemente und eine Mittelkonsole, die nicht nur reichlich Ablagen bietet, sondern den Fahrer beinahe wie in einen Kokon einbettet.
Das Ambiente ist komfortabel, ansprechend und angenehm. Auch die Ergonomie überzeugt. Dass für einige Funktionen weiterhin echte Tasten vorhanden sind, ist ein Vorteil; die zwar berührungsempfindlichen Bedienelemente am Lenkrad lassen sich zudem leicht verstehen und nutzen.
Bei der Verarbeitungsqualität machen die Materialien optisch wie haptisch einen angenehmen Eindruck. Das Testfahrzeug zeigte allerdings einige Nebengeräusche. In diesem Bereich besteht noch Entwicklungspotenzial.
Viel Platz für alles
Sowohl vorn als auch auf den hinteren Sitzen punktet der Omoda 9 mit seinem großzügigen Platzangebot. Im Fond gibt es viel Beinfreiheit, dazu kommen einige „Luxusausstattungen“ wie Sitzheizung, Bedienelemente für die Klimatisierung und elektrisch verstellbare Rückenlehnenneigung.
Beim Kofferraum fällt das Urteil etwas anders aus. Offiziell stehen 471 Liter bis zur Gepäckraumabdeckung und 660 Liter bis zum Dach zur Verfügung; bei umgeklappten Rücksitzen wächst das Volumen auf 1783 Liter. Angesichts der Außenmaße hätte ich von einem SUV dieser Größe allerdings mehr erwartet.
Leistung im Überfluss
Nach den ersten Kilometern, in denen ich den Omoda 9 als das genießen konnte, was er ist – ein komfortabler und leiser SUV –, warfen die 537 PS eine andere Frage auf: Was passiert, wenn man ihn so fährt, wie es seine Daten nahelegen?
Die Antwort folgt schnell. Trotz der hohen Leistung und adaptiver Dämpfer setzt die Abstimmung der Federung eindeutig auf Komfort. Für engagierteres Fahren ist sie zu weich, sodass sich die Karosserie in Kurven zu stark bewegt.
Auch die Lenkung bleibt hinter dem zurück, was die Zahlen erwarten lassen. Sie vermittelt nicht besonders viel Rückmeldung, während Präzision und Reaktionsgeschwindigkeit lediglich durchschnittlich ausfallen.
Mit insgesamt sechs Fahrmodi – Eco, Normal, Sport, Schnee, Sand und Gelände – mangelt es dem Omoda 9 nicht an Auswahlmöglichkeiten. In der Praxis hatte ich jedoch den Eindruck, dass zwei Modi genügen würden: Normal sowie ein weiterer für den Geländeeinsatz.
Der Eco-Modus „kastriert“ die Reaktion des Plug-in-Hybridsystems zu stark, ohne beim Verbrauch erkennbare Vorteile zu liefern. Der Sport-Modus wiederum leert die Batterie nicht nur ungewöhnlich schnell, sondern legt auch die Grenzen des Fahrwerks noch deutlicher offen. Es ist, als würde man jemandem ein Megafon geben, der ohnehin schon laut spricht.
Wozu so viel Leistung?
So sehr die Hersteller ihren SUVs auch extrem hohe Leistungswerte mitgeben: In Wahrheit werden diese Fahrzeuge überwiegend als Familienautos oder im Stadtverkehr eingesetzt. Genau dort kann der Omoda 9 glänzen – mit seinen vielen Kameras, von denen manche unabhängige Filmproduktion gern so viele hätte, und mit der Geschmeidigkeit seines Plug-in-Hybridsystems.
Wenn man sich nicht zu den ballistischen Sprints hinreißen lässt, vor allem nicht im Sport-Modus, sind problemlos 80 km ohne einen Tropfen Benzin möglich. Auf der Autobahn erweist sich der Omoda 9 als guter „Langstreckenwagen“: Er fährt schnell, liegt stabil und verbraucht nicht übermäßig viel. Selbst bei leerer Batterie lagen die Durchschnittswerte bei 7,5 l/100 km.
Sobald Kurven näher kommen, treten die Fragen auf. Der Allradantrieb sorgt für viel Traktion und hilft dabei, die gesamte Kraft auf die Straße zu bringen, kann aber weder die hohe Karosserie noch die weiche Fahrwerksabstimmung kaschieren.
Überraschend positiv sind die Geländefähigkeiten. Die Bodenfreiheit, die das dynamische Erlebnis auf Asphalt beeinträchtigt, wird abseits befestigter Straßen zu einer wertvollen Eigenschaft. Zusammen mit Allradantrieb sowie den speziellen Modi für Schnee, Sand und Gelände macht sie den Omoda 9 zu einem kompetenteren SUV, als sein Erscheinungsbild vermuten lässt.
Der vielleicht größte Widerspruch des Omoda 9 liegt darin: Seine 537 PS helfen beim Verkauf, machen ihn aber nicht zwangsläufig besser. Im Datenblatt sehen sie hervorragend aus und sorgen für beeindruckende Beschleunigung auf der Geraden, doch sie erzeugen auch dynamische Erwartungen, die das Fahrwerk nicht erfüllen kann.
Mit weniger Leistung wäre er weiterhin schnell und vermutlich leichter für das zu schätzen, was er wirklich gut kann: eine Familie geräumig und komfortabel transportieren, während er einen großen Teil der Zeit ausschließlich elektrisch unterwegs ist.
Eine Frage der Rechnung
So ergibt die Gleichung Sinn. Für rund 52 900 Euro bietet der Omoda 9 537 PS, Allradantrieb, eine Batterie mit 34,46 kWh, bis zu 145 km elektrische WLTP-Reichweite, Ladevorgänge von 30 % auf 80 % in rund 25 Minuten sowie eine überaus vollständige Ausstattung.
Ist das viel Geld? Ohne Zweifel. Betrachtet man jedoch, was man dafür erhält, lässt sich das Verhältnis aus Preis, Leistung und Ausstattung nur schwer übersehen.
Hier spielt Omoda seine stärkste Karte aus. Er ist weder der fahrdynamisch beste noch der kultivierteste SUV seiner Klasse. Doch für dieses Geld bietet er eine beeindruckende Menge Auto.
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