„Mein Plan war, das kleinste Auto der 80er- und 90er-Jahre von Mercedes mit dem größten Motor jener Zeit auszurüsten.“ So begründet Johan Muter, Niederländer und Inhaber von JM Speedshop, seine Idee, den ursprünglichen Baby-Benz, den ehrwürdigen Mercedes-Benz 190, mit dem M 120 zu kombinieren. Dabei handelt es sich um den ersten Serien-V12 der Marke mit dem Stern, der im S-Klasse W140 debütierte.
Dieses zugleich faszinierende und ungewöhnliche Projekt begann 2016. Sein Fortschritt wurde ausführlich in einer Videoreihe mit mehr als 50 Folgen auf dem YouTube-Kanal JMSpeedshop dokumentiert. Die anspruchsvolle Aufgabe nahm dreieinhalb Jahre und mehr als 1.500 Arbeitsstunden in Anspruch.
Als Basis diente ein Mercedes-Benz 190 von 1984, der 2012 aus Deutschland importiert wurde. Ursprünglich arbeitete darin ein 2,0-Liter-Vierzylinder M 102 mit Vergaser. Um das Vorhaben umzusetzen, musste zunächst ein passender V12 gefunden werden, der schließlich aus einem S 600 (W140) mit langem Radstand stammte.
Laut Muter hatte der S 600 bereits 100.000 Kilometer zurückgelegt und brauchte umfangreiche Zuwendung: Am Fahrgestell waren Reparaturen nötig, außerdem fehlten einige elektronische Komponenten. Der Antriebsstrang befand sich hingegen in gutem Zustand – und damit konnte diese komplexe „Transplantation“ beginnen.
Tiefgreifender Umbau des Mercedes-Benz 190
Damit der V12 in den 190 passte und dessen deutlich höhere Leistung bewältigt werden konnte, waren zahlreiche Änderungen erforderlich. Den Anfang machten ein neu entwickelter Vorderachsträger sowie neue Motorlager.
Darüber hinaus bediente man sich reichlich bei originalen Mercedes-Benz-Komponenten. Vom „geopferten“ S 600 übernahm Muter auch die Lüfter, den Getriebeölkühler, das Differenzial und die Hinterachse sowie die verkürzten Kardanwellen. Das Fünfgang-Automatikgetriebe stammt aus einem CL 600 von 1996. Die vordere Bremsanlage kommt von einem SL 500 (R129), die hintere von einem E 320 (W210) – beide wurden mit Brembo-Bremsscheiben und -Sätteln aufgewertet. Auch die Lenkung wurde einem W210 entnommen.
Abgerundet wird das Paket durch neue 18-Zoll-Räder aus der S-Klasse der Baureihe W220, die am kompakten Mercedes-Benz 190 geradezu riesig wirken. Aufgezogen sind 225 mm breite Reifen vorne und 255 mm breite Reifen hinten. Denn, wie eine Reifenmarke einst sagte: „Leistung ist nichts ohne Kontrolle“. Deshalb wurde das komplette Fahrwerk dieses 190 V12 überarbeitet. Nun kommt ein Coilover-Fahrwerk zum Einsatz, das eine Anpassung von Dämpfung und Fahrzeughöhe ermöglicht, ergänzt durch spezielle Buchsen.
M 120 V12 mit etwas mehr Leistung
Der unbestrittene Star des Umbaus ist der M 120. Mercedes-Benz’ erster Serien-V12 kam mit 6,0 Litern Hubraum und 408 PS auf den Markt; einige Jahre später sank die Leistung auf 394 PS.
Johan Muter widmete sich ebenfalls dem Motor, vor allem dessen ECU, also dem elektronischen Motorsteuergerät. Zum Einsatz kam eine neue VEMS V3.8. Sie optimiert den Motorbetrieb für E10-Kraftstoff mit 98 Oktan, wodurch der V12 laut Muter etwas mehr Leistung entwickelt: rund 424 PS.
Auch das elektronische Steuergerät des Automatikgetriebes wurde neu abgestimmt, um bei engagierter Fahrweise schnellere Gangwechsel zu ermöglichen. Als zusätzliche Ausstattung erhielt der Wagen Schaltwippen aus einer C-Klasse der Baureihe W204.
Trotz des gewaltigen Motors bringt der Mercedes-Benz 190 V12 mit vollem Tank nur 1.440 kg auf die Waage, wobei 56 % des Gewichts auf der Vorderachse lasten. Wie unschwer zu vermuten ist, handelt es sich um einen sehr schnellen Baby-Benz. Wie schnell genau? Das folgende Video beantwortet diese Frage.
Muter zufolge lässt sich das Auto trotz seiner Fahrleistungen sehr leicht und sehr angenehm fahren. Wie im Video zu sehen ist, vergehen weniger als fünf Sekunden bis 100 km/h und etwas mehr als 15 s bis 200 km/h. Angesichts von Hardware aus den 90er-Jahren, die nicht für derartige Tempi entwickelt wurde, ist das bemerkenswert. Die theoretische Höchstgeschwindigkeit liegt bei 310 km/h, doch sein Erbauer und nach wie vor Besitzer ist mit seiner Kreation bislang nicht schneller als 250 km/h gefahren.
Wolf im Schafspelz
Wären da nicht die riesigen Räder – zumindest wirken die 18-Zoll-Felgen an der kleinen Limousine so –, könnte dieser 190 V12 auf der Straße beinahe unbemerkt bleiben. Neben den Rädern gibt es jedoch weitere Details, die zeigen, dass dies kein gewöhnlicher 190 ist. Besonders auffällig sind vermutlich die beiden runden Lufteinlässe an der Stelle der früheren Nebelscheinwerfer. Selbst die zwei Endrohre der speziellen Magnaflow-Auspuffanlage am Heck bleiben angesichts dessen, was dieser 190 verbirgt, erstaunlich dezent.
Wer genau hinsieht, erkennt zudem, dass dieser 190 trotz seines Baujahrs 1984 sämtliche Elemente des Facelifts von 1988 trägt. Auch im Innenraum finden sich Veränderungen, die überwiegend zurückhaltend ausfallen. So stammen die Lederbezüge beispielsweise aus einem 190 E 2.3-16 von 1987.
Die unauffällige Optik, die durch den blau-grauen Karosserielack – eine Kombination aus dem Mercedes-Benz-Farbkatalog – elegant vollendet wird, ist bewusst gewählt und entspricht perfekt dem Geschmack seines Schöpfers. Er bevorzugt Autos, die nicht alles über sich verraten – was auf diesen 190 zweifellos zutrifft.
Fast 69.000 €!
Dieser einzigartige Mercedes-Benz 190 V12 wird nun von seinem Besitzer für rund 69.000 Euro zum Verkauf angeboten.
Ob dieser Preis überzogen ist oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Für Interessenten am Umbau, die den dezenten Stil dieses 190 jedoch nicht schätzen, sagt Muter, dass er ein anderes „Bodykit“ montieren könne, etwa eines im auffälligeren Stil des 190 EVO 1 oder EVO 2. Außerdem denkt er darüber nach, vorne und hinten elektrische Fensterheber nachzurüsten – die Arbeit eines Erbauers ist eben nie abgeschlossen …
Um diese einzigartige Maschine genauer kennenzulernen, veröffentlichte Muter kürzlich ein Video, in dem er seinen 190 V12 detaillierter vorstellt und zugleich durch die vorgenommenen Änderungen führt:
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