Das Originalmodell von 1959 brachte es auf 22 Personen, die bei geschlossenen Türen im Fahrzeug Platz fanden. Im Modell des dritten Jahrtausends sicherten sich 28 eng zusammengedrängte Freiwillige einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Doch der MINI war nie ein besonders geräumiges oder ausgesprochen praktisches Auto. Mit dem Prototypen MINI Vision Urbanaut bricht die Marke nun mit dieser und weiteren Traditionen.
Retro-Optik außen wie innen, sportliche Fahreigenschaften – häufig mit einem Go-Kart auf der Straße verglichen – sowie ein jugendliches Premium-Image prägen die MINI-Modelle. Letzteres unterscheidet sich deutlich vom 1959 von Alec Issigonis entwickelten Ur-Modell. Vor allem seit der Wiedergeburt der englischen Marke vor 20 Jahren, nachdem sie im Jahr 2000 in die BMW Group überging, stehen diese Merkmale im Mittelpunkt.
Zu den bislang überwiegend emotionalen Eigenschaften gesellen sich nun Funktionalität und ein großzügiges Raumangebot. Das ist durchaus überraschend, denn genau mit ihrer bisherigen Positionierung war MINI in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr erfolgreich.
„Unser Ziel war es, den Menschen zu zeigen, was sie künftig alles mit und in ihrem Auto tun können“, erläutert Oliver Heilmer, Designchef von MINI. Zugleich betont er den besonderen Charakter dieses Projekts: „Zum ersten Mal stand das Designteam vor der Aufgabe, ein Auto zu entwickeln, das nicht in erster Linie gefahren werden soll, sondern vielmehr als Raum dient, der wie ein erweiterter Lebensraum genutzt werden kann.“
Die überraschende Van-Form des MINI Vision Urbanaut
Der erste Umbruch zeigt sich in der Karosserieform: Der lediglich 4,6 Meter lange Wagen besitzt einen monolithischen Aufbau, den die Automobilbranche üblicherweise als Van bezeichnet.
Das puristische Design verzichtet auf ausgeprägte Sicken in der grau-grünen – oder, je nach Licht und Blickwinkel, grün-grauen – Karosserie. Seine Formen und Proportionen können an zwei bekannte und ikonische Renault-Modelle erinnern: den ursprünglichen Twingo und den Espace.
Trotzdem ist er eindeutig ein MINI. Das zeigen auch zwei vertraute Markenelemente, wenn auch in deutlich veränderter Form. An der Front wird der wandelbare Charakter dieser Zukunftsvision sichtbar: Das dynamische Designkonzept setzt sich in den vorderen und hinteren Leuchten fort, die je nach Situation unterschiedliche mehrfarbige Grafiken darstellen. Damit entsteht zugleich eine neue Kommunikationsmöglichkeit zwischen Fahrzeug und Außenwelt.
Die Scheinwerfer werden erst sichtbar, sobald das Auto eingeschaltet wird. Das erinnert an Lebewesen, die beim Erwachen meist die Augen öffnen.
Drei unterschiedliche MINI-Momente
Das gleiche „lebendige“ und „wandelbare“ Konzept findet sich an den transparenten, von innen beleuchteten „Skateboard-Rädern“ des MINI Vision Urbanaut in der Farbe Ocean Wave. Ihr Erscheinungsbild verändert sich passend zum jeweiligen „MINI Moment“.
Insgesamt gibt es drei davon: „Chill“ (Entspannen), „Wanderlust“ (Reiselust) und „Vibe“ (lebhaft). Sie sollen unterschiedliche Stimmungen erzeugen, die Fahrten und den Aufenthalt an Bord prägen können. Dazu verändern sich Duft, Beleuchtung, Musik und Ambientelicht im Innenraum ebenso wie die Raumgestaltung.
Ausgewählt werden diese verschiedenen „Stimmungen“ über ein abnehmbares rundes Bedienelement. Es ähnelt in Form und Größe einem glatt polierten Entspannungsstein und lässt sich an verschiedenen Punkten des Mitteltischs befestigen. Jede Position aktiviert einen anderen „MINI Moment“.
Der Modus „Chill“ macht aus dem Fahrzeug eine Art Rückzugsort oder abgeschirmten Raum – ein Paradies zum Entspannen. Diese Abgeschiedenheit kann während der Fahrt aber ebenso für konzentriertes Arbeiten genutzt werden.
„Wanderlust“ ist dagegen der „Moment des Aufbruchs“: Der Fahrer kann die autonomen Fahrfunktionen an den MINI Vision Urbanaut übergeben oder selbst das Steuer übernehmen.
Im Modus „Vibe“ rückt die Zeit mit anderen Menschen in den Vordergrund, während sich das Fahrzeug so weit wie möglich öffnet. Zusätzlich gibt es einen vierten, individuell einstellbaren Modus namens „My MINI“, der ein personalisiertes Erlebnis ermöglichen soll.
Auto oder Wohnzimmer?
Der Vision Urbanaut lässt sich über ein Smart-Gerät wie ein Smartphone öffnen. Entsprechend seinem Profil als Mobilitätsfahrzeug der Zukunft können sämtliche Personen aus einem festgelegten Kreis von Familienmitgliedern und Freunden darauf zugreifen.
Diese Nutzer können passende Playlists, Hörbücher und Podcasts ergänzen oder abrufen. Alternativ können sie sich auf die Inhalte des Reiseorganisators konzentrieren, der für jede Person individuell zugeschnittene Hinweise und interessante Orte anzeigt.
Der Einstieg erfolgt durch eine einzige Schiebetür auf der rechten Seite. Der „Wohnraum“ ist für bis zu vier Personen ausgelegt, im Stand auch für mehr. Der Innenraum eignet sich für jede Reise, kann jedoch selbst Teil des Reiseziels werden: Nach der Ankunft lässt er sich mit wenigen Handgriffen in einen Bereich für geselliges Beisammensein verwandeln.
Im geparkten Zustand kann der Fahrerbereich zu einer komfortablen Ruhezone werden. Das Armaturenbrett lässt sich absenken und in ein „Schlafsofa“ verwandeln, während sich die Windschutzscheibe öffnen lässt, um eine Art „Balkon zur Straße“ zu schaffen. Dabei helfen großzügig dimensionierte Drehsessel.
Die „gemütliche Ecke“ im Heck bildet den ruhigen Bereich dieses MINI. Dort spannt sich ein stoffbezogener Bogen über den Sitz. Er kann optional mit LED-Hintergrundbeleuchtung ausgestattet werden und Bilder über den Köpfen der dort sitzenden oder liegenden Personen projizieren.
Der Verzicht auf sichtbare Tasten unterstützt einen Effekt des „digitalen Detox“. Ausschließlich nachhaltige Materialien – Chrom und Leder fehlen in diesem Innenraum, während Stoffe und Kork umfassend eingesetzt werden – unterstreichen die Modernität dieses Konzeptfahrzeugs.
Der zentrale Bereich im Innenraum
In der Mitte des Innenraums befindet sich ein freier Bereich, der einen schnellen Zugang ermöglicht. Wenn der MINI Vision Urbanaut steht, kann er zudem als Sitzfläche für die Insassen dienen, die sich um ein digitales Display versammeln. Dieses greift die traditionelle runde Instrumentierung von MINI auf.
Trotz dieser Anlehnung befindet sich der Bildschirm nicht, wie bei MINI üblich, in der Mitte des Armaturenbretts. Stattdessen ist er über dem zentralen Tisch angebracht, liefert Informationen und Unterhaltung und kann von allen Insassen des MINI Vision Urbanaut gesehen werden.
An der hinteren Säule auf der Fahrerseite befindet sich außerdem eine Fläche, an der Erinnerungen an besuchte Orte, Festivals oder andere Veranstaltungen in Form von Pins oder Aufklebern angebracht werden können – ähnlich wie Sammlerstücke, die in einer Vitrine ausgestellt sind.
Kreativität ist für jeden Designer ein unverzichtbares Arbeitsmittel. Hier war sie jedoch noch stärker gefragt, weil sie nicht nur beim eigentlichen Objekt, sondern auch im Entwicklungsprozess selbst zum Einsatz kam.
Als Produkt seiner Zeit wurde das Projekt durch die gesellschaftlichen Einschränkungen beeinflusst, die mitten während des Designprozesses begannen. Dadurch mussten wesentlich mehr Aufgaben virtuell und in einer Art gemischter Realität erledigt werden.
Selbstverständlich ist dieser MINI Vision Urbanaut zu 100 % elektrisch und verfügt über fortschrittliche Funktionen für autonomes Fahren: Im Robotermodus verschwinden Lenkrad und digitales Kombiinstrument. Dabei handelt es sich jedoch um technische Aspekte, die die englische Marke nicht näher erläutert und die vermutlich noch nicht vollständig festgelegt sind.
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