Als graue, völlig schmucklose Platte – und das meine ich wirklich liebevoll – hat die Enthüllung des Audi Nuvolari erstaunlich heftige Reaktionen ausgelöst.
Ein Teil davon drehte sich um harte Fakten: um die wichtigsten Kennzahlen und um die Preispositionierung. Vor allem darüber, dass Audi für das Ganze 500.000 Pfund verlangt – für etwas, das man gehässig als „einen Lamborghini Temerario, dem man jedes Styling weichgezeichnet hat“ bezeichnen könnte.
Warum der Audi Nuvolari so polarisiert
Viel lauter als die Debatte über Daten und Preis war allerdings die Diskussion über die Optik. Das ist an sich nichts Besonderes: Schnelle, teure Autos scheinen eine ganz eigene Sorte Empörung zu erzeugen.
Man nehme nur den Ferrari Luce (nein, bitte, nimm ihn), dessen Gestaltung eine Unmenge an Meinungen hervorbrachte – und nur ein winziger Teil davon war so formuliert, dass man ihn auf einer familienfreundlichen Webseite drucken könnte.
Beim Luce gab es wenigstens so etwas wie eine gemeinsame Linie: Er sah für viele entweder aus wie (1) ein mutierter Nissan Leaf oder (2) ein mutierter Leaf, der gerade einen kleineren, ebenfalls mutierten Nissan Leaf zur Welt bringt.
Beim Nuvolari hingegen: keinerlei Einigkeit. Die kantige, monolithische Gestalt wirkte auf manche anonym, auf andere bedrohlich. Einige hielten ihn für abgeleitet, andere für eigenständig. Und überraschend viele meinten, in der Front einen schnauzbärtigen deutschen Diktator zu erkennen.
Mehr Leerstelle als Design – und genau deshalb so wirksam
Wenn ich ehrlich bin: Ich mag den Nuvolari ganz gern. Kurven haben in der Autogestaltung lange genug dominiert – es wird Zeit, dass der Quader mal seinen Auftritt bekommt. Ausserdem ist es irgendwie schön, dass endlich jemand an den Supercar-Käufer gedacht hat, der seine Einkäufe gern sauber stapelt.
Und genau da liegt mein Punkt: Der Nuvolari spaltet nicht einfach nur. Er zerlegt den Raum in tausend Splitter. Keine gemeinsame Meinung, kein Chor, nicht einmal ein verlässliches Grundgefühl. Was passiert hier?
Ich habe eine Theorie. Beweise habe ich dafür keine – aber es ist eine ruhige Woche in der Autowelt, also spielen wir das mal durch.
Der Nuvolari löst diese starken Reaktionen nicht trotz seines vermeintlichen Nicht-Designs aus, sondern gerade wegen dieser Leerstelle. Er ist eine blanke Fläche, auf die wir unseren eigenen Lärm projizieren. Weil er uns wenig an die Hand gibt, stopfen wir die Lücken selbst.
Als Methode funktioniert das hervorragend. Der Nuvolari ist der ergraute Ermittler im Verhörraum, der nur schweigt, bis der Verdächtige irgendwann von allein anfängt zu gestehen.
Der Nuvolari als Rorschachtest
Er ist der Monolith aus 2001: Odyssee im Weltraum. Er ist Moby Dick. Er ist das grüne Licht von Jay Gatsby.
Der Nuvolari ist ein Rorschachtest. Der Tintenklecks ist kein Pferd. Du siehst ein Pferd im Tintenklecks, weil deine Mutter von einem Pferd gefressen wurde.
Starr tief genug in den Nuvolari, und er spiegelt dir die dunkelsten Ecken deiner Seele zurück. Ich bin zwar kein Psychologe, aber ich habe drei Psychologie-Podcasts gehört – deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass das hier absolut wasserdicht ist. Er ist ein Spiegel.
Wenn du den Nuvolari als aggressiv empfindest – oder als Enttäuschung –, dann sagt das womöglich mehr über dich aus als über das Auto.
In dieser Lesart ist der Nuvolari ein Psychoanalytiker der Spitzenklasse: Er sagt nichts, und genau dadurch bringt er den Patienten dazu, mehr von sich preiszugeben als geplant. Sigmund Freud wäre begeistert.
Freud war bekanntlich überzeugt, dass alle seine Patienten vor allem davon besessen seien, unanständige Dinge mit ihren Eltern zu tun. Irgendwann begriffen dann alle, dass Freud dabei eigentlich über Freud sprach.
Und was das über mich verrät
Also könnte man natürlich einwenden, meine These vom Nuvolari als Seelenspiegel verrate in Wahrheit mehr über mich als über das Auto. In dieser Interpretation ist der Nuvolari einfach ein Auto – und ich bin halt jemand, der zu viel überanalysiert und zu oft über Spiegel redet.
Nur stützt auch das wieder meine Aussage. Ich schaue den Nuvolari an, und er entlarvt mich als jemanden, der in Dingen Spiegel sieht. Und genau das ist ja die Aufgabe eines Spiegels. Ich sitze in einer rekursiven Logikschleife fest und komme nicht mehr heraus.
So funktioniert der Nuvolari: Jeder Versuch, diese Theorie zu widerlegen, bestätigt sie nur. Den Nuvolari zu verstehen heisst, uns selbst zu verstehen. Ich vermute, Editor Pattni wird mich nicht bitten, noch mehr Texte über Autodesign zu schreiben.
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