Südkorea ist überzeugt, die passende Antwort auf die ID.-Offensive von Volkswagen zu haben. Und nur wenige Monate nach dem Hyundai IONIQ 5 rollt mit dem Kia EV6 der nächste Baustein dieses „Gegenangriffs“ an.
Bei Volkswagen soll die MEB-Plattform quer durch nahezu alle Elektrobaureihen von Audi, CUPRA, SEAT, Škoda und Volkswagen zum Einsatz kommen. Im Hyundai-Konzern übernimmt diese Rolle die e-GMP-Architektur.
Der Plan dahinter ist ambitioniert: Bis 2026 sollen 23 Modelle als 100% Elektrofahrzeuge auf den Markt kommen (darunter auch Varianten bestehender Baureihen ohne eigene Plattform). Für 2026 ist zudem das Ziel ausgerufen, eine Million 100% Elektroautos auf die Strasse zu bringen.
Fällt garantiert auf
Optisch weckt der Kia EV6 – dezent, aber erkennbar – Assoziationen an die Linien des ikonischen Lancia Stratos. Gleichzeitig kombiniert er Proportionen irgendwo zwischen SUV, Hatchback und Jaguar I-Pace (ja, das sind schon drei „Hälften“…).
Bei den Abmessungen zeigt er sich grosszügig: 4,70 m Länge (6 cm kürzer als der Hyundai), 1,89 m Breite (wie der IONIQ 5) und 1,60 m Höhe (5 cm niedriger als der Hyundai). Dazu kommt ein sehr gestreckter Radstand von 2,90 Metern – allerdings 10 cm weniger als beim IONIQ 5.
Nicht nur die Proportionen, auch das Design punktet mit Charakter. Kia spricht von einer „Neuinterpretation der »Tiger Nose« im digitalen Zeitalter“ – der Frontgrill tritt dabei nahezu in den Hintergrund. Flankiert wird das Ganze von markanten, schmalen LED-Scheinwerfern; ein unterer Lufteinlass verstärkt zusätzlich den Eindruck von Breite.
In der Seitenansicht betont eine wellige, klar als Crossover gezeichnete Silhouette die Länge. Hinten prägt eine grosse LED-Lichtleiste das Bild: Sie zieht sich über die gesamte Breite des EV6 und reicht bis in die Radhäuser hinein.
„Skandinavischer“ Minimalismus
Der Innenraum wirkt modern und auffallend „luftig“. Armaturenbrett und Mittelkonsole sind in einem skandinavisch anmutenden Minimalismus gestaltet, dazu kommen schlanke Sitze, die mit recycelten Kunststoffen bezogen sind. Viele Oberflächen fühlen sich eher hart an und wirken schlicht, die Verarbeitung vermittelt jedoch Qualität und Robustheit.
Das Cockpit setzt auf zwei sauber integrierte, gebogene 12,3”-Displays: links für die Instrumente, rechts – leicht zum Fahrer hin gedreht – für das Infotainment. Ein paar physische Tasten bleiben, vor allem für Klimaautomatik und Sitzheizung; fast alles andere läuft über den zentralen Touchscreen.
Beim Platzangebot spielt der lange Radstand seine Trümpfe aus. In der zweiten Sitzreihe gibt es im Kia EV6 sehr viel Beinfreiheit. Dass die Batterien im Fahrzeugboden sitzen, sorgt zudem für einen ebenen Innenraumboden und erlaubt eine höhere Sitzposition.
Auch der Kofferraum fällt üppig aus: 520 Liter, mit umgeklappten Rücksitzlehnen bis zu 1300 Liter – und die Form ist gut nutzbar. Zusätzlich kommen 52 Liter unter der vorderen Haube hinzu (bei der von uns getesteten 4×4-Version mit Frontmotor sind es nur 20 Liter).
Im Wettbewerbsumfeld liegt der EV6 damit über dem Ford Mustang Mach-E (402 Liter), aber unter dem Volkswagen ID.4 (543 Liter) und dem Škoda Enyaq (585). Dafür bieten die Rivalen aus dem Volkswagen-Konzern diesen kleinen Frontkofferraum nicht – unterm Strich bleibt das Paket damit „ausgeglichen“.
Sportliche Fahrleistungen
In den Einstiegsversionen fährt der EV6 ausschliesslich mit Hinterradantrieb vor (58 kWh Batterie und 170 cv oder 77,4 kWh und 229 cv). Das bereitgestellte Testfahrzeug (noch Vorserie) war jedoch ein 4×4 – und dazu in der stärkeren Ausbaustufe mit 325 cv und 605 Nm (in Portugal wird der EV6 mit Allradantrieb in der weniger starken Variante mit 229 cv verkauft).
Später, gegen Ende 2022, ergänzt ein noch kräftigerer EV6 GT 4×4 die Baureihe. Dann steigt die Systemleistung auf 584 cv und 740 Nm; möglich sind 0–100 km/h in 3,5s sowie eine bemerkenswerte Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h.
Für die grosse Mehrheit der zukünftigen Fahrer dürfte die 325-cv-Version jedoch „mehr als ausreichend“ sein – und sie positioniert sich zugleich als naheliegender Gegner des Volkswagen ID.4 GTX.
Trotz 2,1 Tonnen Gewicht lässt die Kombination aus 100 cv vorn und 225 cv hinten den EV6 schnell „leichter wirken“, als er ist. Die Fahrleistungen haben Sportwagen-Niveau: 0–100 km/h in nur 5,2s, 185 km/h Spitze und vor allem starke Zwischenspurts – 60 bis 100 km/h in 2,7s oder 80 bis 120 km/h in 3,9s.
Leistung ist allerdings nicht das einzige Thema. Die Energierückgewinnung lässt sich über Schaltwippen hinter dem Lenkrad steuern; der Fahrer wählt aus sechs Rekuperationsstufen (aus, 1 bis 3, „i-Pedal“ oder „Auto“).
Wie bei praktisch allen Elektroautos braucht auch die Lenkung etwas Eingewöhnung, überzeugt dann aber mit gut abgestimmtem Gewicht und ausreichend Rückmeldung. Die Abstimmung der Federung (rundum unabhängig, hinten Mehrlenker) ist weniger überzeugend.
Zwar kontrolliert das Fahrwerk die Wankbewegungen der Karosserie ordentlich (tiefer Schwerpunkt und das Batteriegewicht helfen), auf schlechtem Asphalt wirkt es jedoch zu nervös – besonders bei hochfrequenten Anregungen.
Ein wichtiger Hinweis: Es handelte sich um ein Vorserienfahrzeug. Die Ingenieure der koreanischen Marke arbeiten daran, dass das Serienauto seine Insassen über gröbere Asphaltkanten weniger „durchschüttelt“.
400 bis 600 km Reichweite
Mindestens genauso entscheidend wie die Leistung sind bei einem Elektroauto Reichweite und Ladegeschwindigkeit – und hier bringt der EV6 offenbar beste Voraussetzungen mit. Versprochen werden 506 km mit voller Batterie (bei überwiegender Autobahn können es auf etwa 400 km sinken, im Stadtverkehr sind bis zu 650 km möglich), jeweils mit den kleineren 19”-Felgen.
Der EV6 ist – ebenso wie der IONIQ 5 – das erste Modell einer Volumenmarke, das Laden mit 400 oder 800 Volt ermöglicht (bislang boten das nur Porsche und Audi). Und zwar ohne Unterschiede in der Nutzung und ohne Adapter.
Unter optimalen Bedingungen und mit der maximal zulässigen Ladeleistung (240 kW DC) kann dieser EV6 AWD die 77,4-kWh-Batterie in nur 18 Minuten auf 80% bringen. Ausserdem lässt sich in weniger als fünf Minuten Energie für 100 km Fahrstrecke nachladen (bei der Version mit zwei angetriebenen Rädern und 77,4-kWh-Batterie).
Näher an der Praxis: Für 10 bis 80% sind 7h20m an einer 11-kW-Wallbox nötig, an einem 50-kW-Schnelllader hingegen nur 1h13m.
Eine Besonderheit kommt hinzu: Der EV6 beherrscht bidirektionales Laden. Das Kia-Modell kann also andere Geräte mit Strom versorgen (zum Beispiel eine Klimaanlage oder einen Fernseher gleichzeitig über 24 Stunden – oder sogar ein anderes Elektroauto). Dafür gibt es eine „haushaltsübliche“ Steckdose – Schuko – am Sockel der zweiten Sitzreihe.
Mit einer Markteinführung im Oktober starten die Preise des Kia EV6 bei 43 950 Euro für den EV6 Air und reichen bis 64 950 Euro für den EV6 GT; Transport, Zulassung und Umweltabgaben sind darin nicht enthalten. Für Geschäftskunden hat Kia ein spezielles Angebot vorbereitet: ab 35 950 Euro + MwSt., „schlüsselfertig“.
Technische Daten
| Motor | |
| Motoren | 2 (einer an der Vorderachse und einer an der Hinterachse) |
| Leistung | Total: 325 CV (239 kW); Vorderer: 100 cv; Hinterer: 225 cv |
| Drehmoment | 605 Nm |
| Getriebe | |
| Antrieb | Allrad |
| Getriebe | Untersetzungsgetriebe mit einer Übersetzung |
| Batterie | |
| Typ | Lithium-Ionen |
| Kapazität | 77,4 kWh |
| Laden | |
| Onboard-Lader | 11 kW |
| Infrastruktur-Laden | 400V/800V (ohne Adapter) |
| Maximale Leistung DC | 240 kW |
| Maximale Leistung AC | 11 kW |
| Ladezeiten | |
| 10 a 100% in AC (Wallbox) | 7h13min |
| 10 a 80% in DC (240 kW) | 18 min |
| 100 km Reichweite DC (240 kW) | 5 min |
| Einspeisung ins Netz | 3,6 kW |
| Fahrwerk | |
| Federung | Vorn: Unabhängig MacPherson; Hinten: Unabhängig Mehrlenker |
| Bremsen | Vorn: Belüftete Scheiben; Hinten: Belüftete Scheiben |
| Lenkung | Elektrische Servounterstützung |
| Wendekreis | 11,6 m |
| Abmessungen und Kapazitäten | |
| L × B × H | 4,695m/1,890m/1,550m |
| Radstand | 2,90 m |
| Kofferraumvolumen | 520 a 1300 litros (Frontkofferraum: 20 litros) |
| Bereifung | 235/55 R19 (opção 255/45 R20) |
| Gewicht | 2105 kg |
| Fahrleistungen und Verbrauch | |
| Höchstgeschwindigkeit | 185 km/h |
| 0-100 km/h | 5,2s |
| Kombinierter Verbrauch | 17,6 kWh/100 km |
| Reichweite | 506 km a 670 km em cidade (jantes de 19”); 484 km a 630 km em cidade (jantes de 20”) |
Autoren: Joaquim Oliveira/Press-Inform
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen