Ausgerechnet der texanische Hersteller Hennessey schien kaum ein Kandidat dafür zu sein, seinen festen Griff um maximale Leistung zu lockern. Die Marke hinter der Venom-Baureihe bietet mit dem aktuellen Venom F5 2,031bhp und ein Design, das stark von den aerodynamischen Anforderungen einer 300mph-Konstruktion geprägt ist – selbst wenn die Fahrzeuge „nur“ etwa 280 erreichen. Besonders mit Handschaltung sind sie herrlich aussergewöhnlich – und leicht furchteinflössend.
Mit dem neuen Blackbird wird dieses Bild komplett auf den Kopf gestellt. Statt eines bei Hennessey üblichen Biturbo-V8 arbeitet hier ein von Ilmore entwickelter Saug-V8. Er leistet „lediglich“ 800-850bhp, dreht bis 9,000rpm und ist damit der stärkste Saug-V8 in einem Serienfahrzeug.
Dazu kommen drei Pedale, ein Sechsganggetriebe und ein Cockpit, das konsequent auf Bildschirme verzichtet. Der Motor sitzt in einem Carbon-Chassis mit einer Carbon-Karosserie; das Gesamtgewicht bleibt deutlich unter 1,400kg. Der Blackbird ist also leicht und analog, und nur nach Hennesseys eigenen, geradezu astronomischen Massstäben nicht besonders stark: Mehr als 200mph sind weiterhin drin, der Sprint von 0 auf 60mph dauert 2.5 Sekunden, bis zum europäischen 0-62-Wert kommen nur einige Zehntelsekunden hinzu.
Hennessey Blackbird: Form vor kompromissloser Funktion
Die eigentliche Nachricht ist jedoch das Styling. Dieser Hennessey setzt stärker auf Form als auf Funktion, auf Kunstfertigkeit und Gefühl statt auf gnadenlose Effizienz – auch wenn seine Aerodynamik offenbar weiterhin ausreicht, um über 200mph zu einer realistischen Option zu machen.
Wie der Name nahelegt, liess sich Designer Nathan Malinick vom strategischen Aufklärungsflugzeug SR-71 inspirieren, das den Beinamen „Blackbird“ trägt. Dennoch ist das Ergebnis keine Karikatur. Am deutlichsten zeigt sich die Anlehnung in den senkrechten Heckflossen, die aus dem Mittelteil des Heckflügels emporragen. Sie wirken vollkommen stimmig, wenn auch etwas theatralisch. Bei hohem Tempo erhöhen sie die Stabilität und unterstützen zugleich die Entlüftung des Motorraums.
Ob sie ausgefahren oder eingefahren besser aussehen, bleibt allerdings Geschmackssache: Mit verstauten Flossen erscheint die Longtail-Silhouette besonders elegant. Unabhängig davon fahren sie bei 71mph aus und stehen in einem Winkel von +/-71-degrees – ein Beweis dafür, dass John Hennessey sowohl Sinn für Details als auch Humor besitzt.
Für Hennessey ist das zweifellos ein Richtungswechsel. Vorn sitzt ein grosser Splitter, eingefasst von zwei zahnartigen Elementen. Die LED-Scheinwerfer ziehen sich ähnlich wie beim F5 nach oben in die vorderen Kotflügel; ihre vier Leuchtelemente sind rautenförmig angeordnet. Dieses Motiv kehrt am gesamten Fahrzeug immer wieder.
An den Flanken verläuft eine tiefe, architektonisch wirkende Ausformung in den Seitenschwellern. Sie hebt die Motorverkleidung am seitlichen Lufteinlass hervor, die wie die Sehnen eines Unterarms hervortritt, während die hintere Schulterpartie den kräftigeren Bizeps bildet.
Kleine Winglets reichen an den vorderen und hinteren Radhäusern zur Fahrzeugmitte und verleihen dem Entwurf zusätzliche Spannung. Auch die Faltungen haben ihren Reiz: Die scharfen Linien an den Seiten erinnern an den Rumpf des Flugzeugs, doch das erkennt man erst, wenn man darauf hingewiesen wird.
Details der vom SR-71 inspirierten Karosserie
Am Heck treffen ein kleiner Heckflügel und die lange Longtail-Form aufeinander, unterbrochen von den Flossen. Darunter sitzt eine Vierrohr-Auspuffanlage, die zwar stark an Pagani erinnert, tatsächlich aber eine Hommage an den experimentellen Jet Bell X-1 ist – ebenfalls im Rautenmotiv ausgeführt. Die Rückleuchten zitieren Nachbrenner; das ist der einzige etwas zu offensichtliche Verweis. Im unteren Drittel bleibt die Aerodynamik traditioneller.
Doch wohin man auch schaut, finden sich Details: vom filigranen Heckgitter, das den Blick auf die gesamte Länge der Abgasanlage freigibt, bis zu kleinen Einlässen und präzisen Kanten, die verhindern, dass der Wagen zu rundlich wirkt.
In natura fasziniert der Blackbird noch stärker und wirkt kleiner, als seine Bilder vermuten lassen. Auch der Dachlufteinlass gehört nicht zur Karosserie: Er ist im Stil einer Shaker-Haube direkt am Motor befestigt. Unabhängig von solchen Einzelheiten wollte Hennessey etwas „Zeitloses und Schönes“ schaffen – und der Blackbird zeigt, dass diese Ästhetik nicht ausschliesslich europäischen Herstellern gelingt.
Touring-orientierter Innenraum mit Handschaltung
Die wohl grösste Überraschung besteht darin, dass Hennessey den Blackbird als „auf lange Strecken ausgerichtet“ positioniert. Die Flügeltüren sind breit ausgeführt. Es gibt vier – richtig gelesen – vier Getränkehalter. Im Frontkofferraum ist Platz für zwei normale Flightcases, hinter den Vordersitzen steht weiterer Stauraum bereit, und auch in den hinteren Kotflügelpartien befinden sich Ablagen – ähnlich wie beim McLaren F1.
Das Interieur wirkt elegant und verwendet schlanke, auf Langstrecken ausgelegte Sitze statt der grossen Seitenwangen sportlicherer Modelle. Vor dem Fahrer sitzen drei Instrumente, wobei der zentrale Drehzahlmesser besonders gross ausfällt. Ein physischer Schlüssel und die angenehm reduzierte Gestaltung unterstreichen den Ansatz. Trotzdem fehlt es nicht an verspielten Details: Auf der Vorderseite des Armaturenbretts zeigt ein stilisiertes 3D-Element, wie ein SR-71 aus der Fahrzeugfront herauskatapultiert wird.
Auf dem Armaturenbrett befindet sich ein „Whiskey-Kompass“ – im Grunde ein herkömmlicher Kompass als Verweis auf klassische Navigation. Der Begriff „Whiskey“ stammt aus dem Pilotenjargon für ein traditionelles, flüssigkeitsgefülltes magnetisches Backup-Instrument. Dessen Kugel wurde mit Alkohol gefüllt, damit sie in einer Zeit ohne leistungsfähige Flugzeug-Klimatisierung nicht einfror; zugleich ist es ein dezenter Hinweis auf die Luftfahrt-Inspiration.
Zudem ist von einem Zeitmesser auf dem Armaturenbrett die Rede, der sich möglicherweise aus dem Auto entnehmen und am Handgelenk tragen lässt. Das erinnert an den Parmigiani Fleurier Tourbillon im Bugatti-16C-Galibier-Konzept von 2009 oder an die Audemars Piguet im Veyron F.K.P Hommage von 2025. Nischenhafte, anspruchsvolle Vorbilder. Darunter nimmt ein mittlerer Steg weitere Funktionstasten auf und endet bei der verlockenden Möglichkeit des manuellen Getriebes. Das Ambiente ist jedoch ruhig und durchdacht, nicht wie ein leuchtendes Rechenzentrum.
Technisch sind ein adaptives Fahrwerk, Michelin Cup2s, ABS, Traktionskontrolle und eine Rückfahrkamera vorgesehen, jedoch weder ein freihändiges Level-X-System noch eine Start-Stopp-Automatik. Das dürfte dem Wagen guttun: Er ist eher eine Auswahl dessen, was man tatsächlich möchte, als eine Vorschrift staatlicher Bevormundung. Vor Ablauf einiger Jahre wird er nicht erhältlich sein, und mit $2.5million ist er teuer. Dafür werden, selbstverständlich, nur 71 Exemplare gebaut.
Damit erkennt Hennessey an, dass die unerbittliche Jagd nach Höchstgeschwindigkeit und Verbrenner-Beschleunigung an einem Tiefpunkt angekommen ist. Elektrische Leistung ist schlicht zu billig geworden. Stattdessen folgt die Hinwendung zu einem Auto, das mehr Einbindung, Schönheit, Inspiration und Emotion verspricht – mehr Beteiligung als bloss Zahlenwerte. Für Hypercars beginnt eine neue, zugleich altmodische Ära mit mehr Seele als Geschwindigkeit. Und sie kommt aus der denkbar unwahrscheinlichsten Richtung.
Preis: $2.5million (+lokale Steuern)
Motor: 6.2-litre Saug-V8
Leistung: 800-850bhp, n/a lb ft, 9,000rpm Drehzahlbegrenzer
Getriebe: Sechsgang-Handschaltung, Hinterradantrieb
Fahrleistungen: 0-60mph in 2.5 Sekunden, 220mph Höchstgeschwindigkeit
Gewicht: Unter 3,000lb (1,360kg)
18 Minuten 30 Sekunden
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