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MotoGP in Silverstone: Können die Motorräder die F1 schlagen?

Motorradrennen mit mehreren Fahrern, die in einer Kurve auf einer Rennstrecke gegeneinander antreten.

Das diesjährige MotoGP-Rennen in Silverstone wurde am absoluten Limit ausgetragen. Dafür brauchte es keine Grafik mit Batterienutzungsanzeigen: Marco Bezzecchis Gang aufs Podium sagte alles aus. Er bewegte sich extrem langsam, völlig entkräftet und links wie rechts von je einem Aprilia-Teammitglied gestützt.

Ebenso zeigte es sich bei Álex Márquez’ Ausflügen in die Auslaufzone von Abbey sowie an den Funken, die bei Ai Ogura und Jorge Martín beim Anbremsen von Kurve eins in der ersten Runde von den Motorrädern sprühten. Als Raúl Fernández gewann, standen bereits sieben Ausfälle zu Buche – und damit gab es in zwölf Jahren zwölf unterschiedliche Sieger beim Grossen Preis von Grossbritannien. Während die aktuellen F1-Regeln Kritik auf sich ziehen und Charles Leclerc das Racing mit Mario Kart verglichen hat, liegt ein Gedanke nahe: Sind die Motorräder gerade das bessere Angebot?

Kann man bei der MotoGP wirklich erkennen, was passiert?

Entscheidend ist: ja. Dass Nachvollziehbarkeit im Motorsport einmal ein Alleinstellungsmerkmal sein könnte, hätte wohl niemand erwartet. Doch während die Formel 1 ihre strategische Energienutzung für Gelegenheitsfans schwer verständlich macht, ist die MotoGP deutlich unkomplizierter.

Natürlich müssen die Fahrer bis zu einem gewissen Grad auf ihre Reifen achten. In diesem Sport heisst das aber, beim Gasgeben etwas behutsamer zu sein, während man neben dem Motorrad hängt und mit dem Ellbogen den Scheitelpunkt praktisch poliert. Es bedeutet nicht, auf halber Länge der Geraden vom Gas zu gehen.

Die Motorräder sind doppelt so laut wie ein F1-Auto, nervös und kraftvoll. Sie werfen sich in Kurven, als wären sie zutiefst beleidigt darüber, dass ein Fahrer auf ihnen sitzt. Um moderne MotoGP zu geniessen, braucht man weder einen Masterabschluss in Aerodynamik noch eine überladene Grafik – das Spektakel erklärt sich selbst.

War es also ein gutes Rennen?

Genau genommen waren es zwei starke Rennen und ein absoluter Kracher. Beginnen wir aber mit der Königsklasse. Fernández siegte letztlich souverän und kam zweieinhalb Sekunden vor Martín ins Ziel. Dahinter herrschte jedoch Chaos.

Weil sich die Ride-Height-Systeme von Martín und Ogura beim Start vor Kurve eins nicht lösten, geriet die Qualifying-Reihenfolge durcheinander. Die beiden Aprilia-Piloten rutschten unter Funkenflug zurück, während Marc Márquez und Bezzecchi – Letzterer nach einer Operation seines gebrochenen Schlüsselbeins – die Gelegenheit nutzten.

Die Werks-Ducatis gingen an diesem Wochenende allerdings nicht besonders pfleglich mit den Hinterreifen um. Marc verlor zunächst gegen seinen Bruder an Boden, anschliessend gegen die KTM seines künftigen Teamkollegen für 2027, Pedro Acosta, und danach gegen Fabio Di Giannantonios neongelbe VR46-Ducati. Sein P7 gefährdet Marcs Titelambitionen nicht, wirft aber durchaus einige höfliche Fragen dazu auf.

Derweil waren die Aprilias nicht zu bremsen. Bezzecchi mobilisierte trotz seiner kürzlichen Operation irgendwie noch die nötigen Reserven, hielt Álex in den Schlussrunden hinter sich und verteidigte Rang drei. Damit bleibt auch sein eigener Titelkampf am Leben. Martín vergrösserte mit P2 seine WM-Führung auf 31 Punkte.

Ist dieses Ergebnis überraschend?

Im Rahmen dieser Saison ist es keine Sensation, dass Aprilia das gesamte Podium besetzt. Mit etwas Abstand betrachtet ist dieses Podest aber aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Fernández’ Trackhouse-MotoGP-Team besteht beispielsweise erst seit drei Jahren. Würde es regelmässig gewinnen, wäre das ungefähr so, als hätte Haas 2019 plötzlich Siege am laufenden Band gefeiert.

Auch Martín kämpft um einen Titel, mit dem niemand gerechnet hatte. Nicht etwa, weil ihm das Talent fehlen würde – schliesslich ist er Weltmeister von 2024 –, sondern weil seine Zusammenarbeit mit Aprilia beendet schien, bevor sie richtig begonnen hatte. Nach einem Teststurz vor der Saison 2025 musste Martín mehrere Rennen verletzt auslassen. Währenddessen kursierten Gerüchte, er wolle eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag vorzeitig aktivieren. Letztlich erfüllt er seinen Zweijahresvertrag, hat aber für 2027 beim Yamaha-Werksteam unterschrieben. Gewinnt er diese Meisterschaft, wäre es bereits das zweite Mal, dass er ein Team direkt nach einem Titelgewinn verlässt.

Dann wäre da noch Bez. Bricht sich ein gewöhnlicher Mensch das Schlüsselbein, liegt er ein paar Wochen möglichst reglos im Bett und arbeitet seine komplette Netflix-Liste ab. Der 27-jährige Italiener sass dagegen einen Monat nach seiner Operation wieder auf dem Motorrad und stand sowohl im Sprint als auch im Grand Prix auf dem Podium. Deshalb heisst es eben: Er ist einfach Bez.

Waren die Rahmenrennen ebenfalls stark?

Moto3 und Moto2 sind in diesem Fahrerlager weit mehr als nur ein Vorprogramm, denn für junge Talente führen sie meist über diese Klassen zu den grossen Motorrädern. Diese grosse Talentdichte, die Alles-oder-nichts-Haltung und die homologierten Maschinen sorgen für zahlreiche Momente nach dem Muster: Das kann er unmöglich noch retten – oh, doch, kann er.

Vor allem das Moto2-Rennen war ein echter Klassiker. Der Moto3-Champion von 2022, Izan Guevara, führte von der Poleposition aus während der halben Renndistanz. In den letzten Runden entbrannte dann ein Fünfkampf um die Podiumsplätze. WM-Spitzenreiter Manu González schien zunächst im Vorteil zu sein … bis er sich verrechnete, eine Runde zu früh beim Überqueren der Linie jubelte und von Dani Holgado hinter ihm getroffen wurde. Dadurch fiel er im Klassement weit zurück.

In der tatsächlichen Schlussrunde holte Filip Salač vom OnlyFans American Racing Team seinen ersten Sieg. Er setzte sich gegen Iván Ortolá und gegen den erstmals auf dem Podium stehenden Álex Escrig durch.

In der Moto3 war das britische Interesse wegen Scott Ogdens Podestplatz besonders gross. Auch der formstarke Eddie O’Shea schaffte es regelmässig in jeder Zeitnahme unter die besten Zehn.

Für Ogden erfüllte sich der Märchentraum vom Heimsieg allerdings nicht: Im Zweikampf in der Spitzengruppe stürzte er zur Rennmitte in Woodcote per Highsider. Eddies P8 unterstreicht dagegen erneut sein enormes Potenzial. Nach dem traditionellen Gerangel über fünf Runden am Rennende gewann David Almansa vor Alvaro Carpe auf P2 und Valentin Perrone auf P3.

Wann schafft es das nächste britische Talent in die MotoGP?

Zunächst einmal: Cal Crutchlows Einsatz als Ersatz für den verletzten Johann Zarco war absolut heldenhaft. Bitte also etwas Respekt für seinen Namen, wenn diese Frage gestellt wird.

Mit 40 Jahren lässt sich Cal jedoch kaum noch als junger Hoffnungsträger bezeichnen. Für die langfristigen Talente muss man auf das aktuelle Feld der Moto3 und des Red Bull Rookies Cup schauen. TNT-Sports-Moderator und ehemaliger MotoGP-Fahrer Michael Laverty (unten) leistet seinen Beitrag zur Förderung britischer Fahrer mit dem GRYD Racing Team, das er gemeinsam mit David Eltherington betreibt. Die Mannschaft tritt in sieben Kategorien an, darunter Moto3, wo die bereits erwähnten Ogden und O’Shea fahren.

Im Rookies Cup zeigen unterdessen Sullivan Mounsey und Ethan Sparks grosses Potenzial. Realistisch betrachtet werden noch Jahre vergehen, ehe einer dieser Fahrer die Königsklasse erreicht, doch die Pläne sind bereits in Bewegung.

Aber kann die MotoGP tatsächlich mit der F1 mithalten?

Gut, die Formel 1 besitzt den Glamour. Sie hat die Netflix-Serie, bekannte Persönlichkeiten, Prominente bei den Grid Walks und ihre luxuriöse Positionierung. Unabhängig vom aktuellen Reglement bleibt sie immer ein Spektakel. Und seien wir ehrlich: Wir alle stecken längst zu tief drin, um ihr jemals wirklich den Rücken zu kehren.

Andererseits lenkt Kimi Antonelli seinen Mercedes nicht um die Strecke, indem er sich aus dem Cockpit hängt und seine Gliedmassen über die Randsteine schleift. Weil es zudem keinen Boxenfunk gibt, verbringen die MotoGP-Fahrer ihre Runden nicht damit, sich durch das Anzeigen von Rivalen wegen Streckenlimits juristisch bessere Positionen zu verschaffen. Das dürfte in den kommenden Saisons für einen ziemlich ausgeglichenen Kampf sorgen.

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