„Wir haben intern darüber gesprochen“, erzählt uns Ferrari-CEO Benedetto Vigna. „Dabei gab es unterschiedliche Meinungen. Ich persönlich hielt einen Erlös von $5m für möglich, doch letztlich übertraf das Resultat unsere Erwartungen.“
Und das ist noch zurückhaltend formuliert. TG.com war bei der mit Spannung erwarteten Monterey-Auktion von RM Sotheby’s am Samstagabend vor Ort. Als der ehemalige McLaren F1 GTR von Nick Mason für rekordverdächtige $34.65m zugeschlagen wurde, gab es im Saal tatsächlich nur noch Stehplätze. Auf dem Weg hinaus kamen wir an dem weissen Ferrari Luce vorbei und waren überzeugt, gerade den grossen Glamour-Moment des Abends erlebt zu haben.
Ferrari Luce Chassis 0 sorgt für den grösseren Auftritt
Falsch gedacht. Luce „Chassis 0“ wechselte wenige Stunden später für $40m den Besitzer. Diese Summe versetzte das Internet – bekanntermassen kein Freund eines elektrischen Ferrari – in eine Wutform, die Psychologen noch nicht offiziell benannt haben. Selbst weniger empörte Beobachter fragten sich, ob Ferrari mit einer aufwendigen PR-Aktion sein Gesicht wahren wolle. Schliesslich fliesst jeder Cent des Erlöses an wohltätige Zwecke. Andere vermuteten, der Käufer nutze den Kauf als ausgesprochen öffentlichkeitswirksame Steuerabschreibung.
Als ich Herbie Wertheim zwölf Stunden später kurz im Foyer der Hauptlodge von Pebble Beach traf, konnte ich diese Vermutung nicht überprüfen. Seine Hand zu schütteln, freute mich dennoch. Geistig wirkte er vollkommen präsent – und trug einen ausgesprochen hübschen roten Hut. Nur wenige Meter entfernt standen auf diesem besonders exklusiven Rasen einige der besten Ferrari der Welt: darunter mehrere 250 GTO, ein 275 GTB/4 NART Spider sowie mein persönlicher Favorit, ein 250 GT Sperimentale Coupe.
Selbst nach den hohen Massstäben von Pebble Beach war 2026 ein aussergewöhnlicher Jahrgang. Dennoch wurden all diese Autos – ebenso wie der spätere „Best of Show“, der ehemalige Duesenberg SSJ Special Speedster von Clark Gable – zumindest in den Gesprächen von einem elektrischen Ferrari in den Schatten gestellt. Ja, wirklich.
Herbie Wertheim und sein $40m-Ferrari
Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Sicher ist: Wertheim gehört kaum zu den Menschen, die sich für PR-Stunts hergeben. Sein Auftritt auf der Bühne im VIP-Bereich der Casa Ferrari mit seinem neuen Erwerb deutete allerdings darauf hin, dass ihm seine neu gewonnene Bekanntheit durchaus gefiel. Mit 87 Jahren hat Wertheim offenbar eine Vorliebe für Ferrari entwickelt – und dafür, mit ihnen schelmische Statements zu setzen.
Bei der grossen Monterey-Wochenauktion von RM Sotheby’s sorgte Wertheim bereits vor einem Jahr für Aufsehen, als er $26m für einen Ferrari Daytona SP3 bezahlte. Das Prinzip war identisch: Der gesamte Erlös ging an die Bildungsstiftung des Unternehmens. Es war sein erster Ferrari. In diesem Jahr legte er $13m drauf, bekam dafür jedoch deutlich weniger Zylinder. Genau genommen keinen einzigen – aber so sind Elektroautos eben.
Ein Philanthrop mit Sinn für Licht
Der Mann selbst ist faszinierend, ein Philanthrop im klassischen Sinne. Wertheim wurde 1939 in Philadelphia geboren, hatte eine schwierige Kindheit und geriet mit seinen ersten Lehrkräften aneinander. Zwar war er Legastheniker, doch zugleich besass er ein Talent fürs Erfinden. Später wurde er als Pionier der Augenheilkunde bekannt. Er fand heraus, dass ultraviolettes Licht Katarakte verursacht, und entwickelte anschliessend einen UV-absorbierenden Farbstoff für Kunststoff-Brillengläser.
Seine Firma Brain Power Inc. entwickelte sich zu einem der weltweit grössten Hersteller optischer Tönungen und ophthalmischer Chemikalien. Ausserdem sind 100 Patente persönlich auf seinen Namen eingetragen. Auch als Investor bewies er ein gutes Gespür und stieg früh bei Apple sowie Microsoft ein. Mit einem Nettovermögen von $4.6bn kann man es sich leisten, beim Kauf eines umstrittenen neuen Ferrari für Aufmerksamkeit zu sorgen.
Luce bedeutet selbstverständlich Licht. Herbie Wertheim versteht nicht nur die Wissenschaft des Lichts aussergewöhnlich gut, sondern hat damit auch ein Vermögen gemacht. Und er gibt gerne beträchtliche Teile davon für aufmerksamkeitsstarke Autos aus. Erleuchtung könnte man sagen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen