Seit einigen Jahren scheint jeder einen SUV zu wollen. Das haben die Autohersteller längst erkannt – und nun ziehen auch die Produzenten von E-Bikes nach. ENGWE, der chinesische Hersteller, der sich mit besonders günstigen Preisen einen Namen gemacht hat, bringt mit dem E26 3.0 Pro sein Spitzenmodell für 2026 auf den Markt: ein Fahrrad, das die Marke als „eSUV“ einstuft. Gemeint ist die Verbindung aus dem Komfort eines Tourenrads, der Souveränität eines Geländefahrzeugs und einer zusätzlichen Schicht vernetzter Technik.
Zur Ausstattung gehören ein Mittelmotor mit 100 Nm, Vollfederung, ein 720-Wh-Akku sowie ein Einführungspreis von 1.899 Euro. Vergleichbare Modelle, etwa von Haibike, kosten hingegen problemlos mehr als 3.000 Euro.
Auf dem Datenblatt klingt das ausgesprochen attraktiv. Doch ein eSUV bringt Gewicht mit – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Hält dieses E-Bike sein Versprechen auch auf Asphalt? Um das herauszufinden, habe ich es einen Monat lang getestet.
Ein Fahrrad mit ordentlich Gewicht
Vorweg eine wichtige Information: Dieses Fahrrad sollte man nicht allein auspacken, sofern einem die Bandscheiben lieb sind. Das E26 3.0 Pro ist schwer, sehr schwer, und das Herausheben aus dem Karton ist eindeutig eine Aufgabe für zwei Personen. Aufgerichtet macht das Rad allerdings sofort Eindruck. Sichtbare Schweißnähte sucht man vergeblich, die Linien sind angenehm abgerundet und die gesamte Verarbeitung wirkt überzeugend. Von einer billigen Montage, die man in dieser Preisklasse vielleicht erwarten könnte, ist es weit entfernt.
Der Aluminiumrahmen mit Vollfederung hat einen eigenständigen Auftritt, ohne unnötig auffällig zu sein. Besonders gelungen ist die Einbindung des Akkus in das Unterrohr. Kurz gesagt: Das E26 3.0 Pro ist ein robustes Fahrrad.
Diese Robustheit hat allerdings ihren Preis: Ohne Akku bringt es 30,2 kg auf die Waage, mit Akku sind es 34 kg. Eine ebenerdige Garage ist daher klar von Vorteil, denn das Fahrrad durch ein Treppenhaus ohne Aufzug zu tragen, wird schnell zur Tortur.
Unkomplizierte Montage
Ist die Herausforderung mit dem Karton erst einmal geschafft, gestaltet sich der Aufbau erfreulich einfach. ENGWE liefert ein Werkzeugset mit, das alles enthält, was für die Endmontage gebraucht wird. Vorderrad befestigen, Lenker ausrichten, Pedale anschrauben, Schutzbleche montieren und den Sattel einstellen: Das alles ist weder kompliziert noch für Laien ohne Schraubererfahrung unmachbar.
Mit der Anleitung – oder noch besser mit den Videos auf dem YouTube-Kanal des Herstellers – gelingt der Aufbau reibungslos. Die Videoanleitungen verdienen dabei ein Lob: Sie sind gut gemacht und deutlich verständlicher als das gedruckte Handbuch. Allein brauchte ich vierzig Minuten, bis alles fertig war.
Sobald das Fahrrad ausgepackt ist, sollte der Akku ans Ladegerät. Bis er vollständig geladen ist, vergeht einige Zeit, daher lohnt es sich, früh zu beginnen. Das 4-A-Schnellladegerät benötigt ungefähr vier Stunden, was noch angemessen ist. Sowohl Ladegerät als auch Akku sind jedoch recht sperrig und verschwinden nicht gerade unauffällig in einem Rucksack oder einer Fahrradtasche.
ENGWE E26 3.0 Pro: kraftvoller und effizienter Mittelmotor
Beim E26 3.0 Pro verabschiedet sich ENGWE vom üblichen Heckmotor und setzt stattdessen auf einen Mivice-X700-Mittelmotor mit 250 W. Er liefert bis zu 100 Nm Drehmoment und 450 % Unterstützung. Während meiner Testfahrten nutzte ich überwiegend die Unterstützungsstufen 2 und 3; Stufe 4 oder 5 kam nur bei etwas anspruchsvolleren Anstiegen zum Einsatz.
Ein Mittelmotor ist nicht bloß ein werbewirksamer Punkt im Datenblatt: Er senkt den Schwerpunkt, verbessert die Traktion und verteilt die Masse des Fahrrads ausgewogener. Bei einem eSUV dieser Klasse ist diese Entscheidung sinnvoll. Die Unterstützung setzt gleichmäßig ein und vermeidet die unangenehmen Ruckler, die bei manchen Einstiegsmodellen auftreten. Steigt die Straße an, arbeitet der Motor weiterhin so gleichmäßig wie ein Schweizer Uhrwerk, sodass ich beinahe vergesse, auf einem 35 kg schweren Fahrrad zu sitzen.
Für die Gangwechsel sorgt ein Shimano-Schaltwerk mit 8 Gängen, gebremst wird mit hydraulischen Scheibenbremsen mit 180 mm Durchmesser. Die Bremskraft lässt sich angenehm dosieren, und trotz des hohen Gewichts kommt das Rad schnell zum Stillstand. Selbst auf einer steileren Abfahrt hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, wegen einer unpräzisen Bremsanlage gefährdet zu sein. Im extrem heißen Juli war es in Paris allerdings nicht möglich, eine nasse Straße zu finden, um das Verhalten der Bremsen unter solchen Bedingungen zu prüfen.
Die Vollfederung erfüllt ihren Zweck
Vorne arbeitet eine einstellbare Federgabel mit 80 mm Federweg und hydraulischem Lockout. Hinten kommt ein Luftdämpfer mit 30 mm zum Einsatz, der mit einer Viergelenk-Kinematik verbunden ist. Für ein Fahrrad dieser Preisklasse ist das auf dem Papier eine ernst zu nehmende Ausstattung. Im Fahrbetrieb bestätigt das System den Eindruck: Die Vollfederung arbeitet effizient, gleicht Unebenheiten aus und filtert Erschütterungen von schlechten Fahrbahnbelägen zuverlässig.
Man merkt, dass der Hersteller nicht einfach einen Hinterbaudämpfer angebracht hat, um die Argumentation aufzuwerten. Der Komfort ist tatsächlich vorhanden – und wahrscheinlich das überzeugendste Argument für die eSUV-Bezeichnung. Das zeigte sich bei Fahrten über die Wiesen im Bois de Vincennes, auf seinen festgefahrenen Erdwegen und auf dem teils schlechten Asphalt kleiner Straßen in den Vororten.
Ordentliche reale Reichweite, aber keine Bestleistung
Kommen wir zu den Zahlen – und vor allem zur Realität. ENGWE gibt für den 720-Wh-Akku eine Reichweite von bis zu 135 km an. Solche Ergebnisse entstehen unter „Laborbedingungen“: mit einem leichten Fahrer, flacher Strecke, Rückenwind und zurückhaltender elektrischer Unterstützung.
Im Alltag, in dem ich dieses Fahrrad unter Bedingungen nutze, die mit einem Labor wenig gemeinsam haben, sehen die Werte deutlich weniger schmeichelhaft aus. Ich bin groß und wiege mit kompletter Ausrüstung 110 kg. Mit diesem Gewicht und überwiegend in den Unterstützungsstufen 2 und 3 kam ich mit einer Akkuladung auf 65 km. Das ist nur halb so viel wie die maximale Herstellerangabe, angesichts des Gesamtgewichts und des hügeligen Streckenprofils aber vollkommen nachvollziehbar. Für leichtere Fahrer, die mit geringer Unterstützung fahren, erscheinen mir 100 km durchaus erreichbar.
Der Akku ist herausnehmbar und lässt sich über ein Schlüsselschloss aus dem Rahmen lösen. Gibt es am Abstellort keine Steckdose, nimmt man ihn einfach mit und lädt ihn in Ruhe zu Hause auf. Leicht ist er zwar nicht, praktisch ist diese Lösung dennoch – immerhin.
GPS, 4G und ein etwas zu leiser Alarm
Die vernetzte Ausstattung fällt umfangreich aus: GPS, Bluetooth-Verbindung und vor allem integriertes 4G. Durch die Mobilfunkverbindung kann das Fahrrad aus der Ferne geortet werden, unabhängig von der begrenzten Bluetooth-Reichweite. Das erste Jahr des 4G-Abonnements ist im Kaufpreis enthalten; danach werden ungefähr vierzig Euro pro Jahr fällig.
Im Alltag funktioniert die Ortung zuverlässig. Auch die ENGWE-App, welche Fahrstatistiken, Fahrradüberwachung und Einstellungen bündelt, erledigt ihre Aufgabe ordentlich. Die Sicherheitsfunktionen, allen voran der Bewegungsalarm, sind vorhanden und funktionieren. Einen kleinen Kritikpunkt gibt es dennoch: Der Alarm dürfte gerne etwas lauter sein. Er wird zwar bei jeder verdächtigen Bewegung ausgelöst, sein Klangvolumen reicht aber kaum aus, um einen eiligen Dieb wirklich abzuschrecken. Ein weiteres wichtiges Detail bei Dunkelheit: Front- und Rücklicht leuchten wirksam, während die reflektierenden Seitenwände der 26 × 3,0 Zoll großen Reifen zusätzliche, willkommene Sichtbarkeit schaffen.
Auch das Display verdient eine Erwähnung. Das 3,5-Zoll-LCD bleibt selbst bei direkter Sonneneinstrahlung problemlos ablesbar, was keineswegs selbstverständlich ist. Es zeigt den Fahrzeugstatus dauerhaft an und bietet Navigationshilfe, wenn es mit der Begleit-App gekoppelt ist. Das Ziel wird am Smartphone festgelegt, anschließend erscheinen die Navigationshinweise auf dem Bildschirm.
Mein Fazit zum ENGWE E26 3.0 Pro
Das E26 3.0 Pro ist ein stimmiges, sauber verarbeitetes und großzügig ausgestattetes Fahrrad, das einen in der eSUV-Kategorie seltenen Preis bietet. Der Wechsel zum Mittelmotor, die wirksame Vollfederung, das bei Sonne gut ablesbare Display und die umfassende GPS-4G-Konnektivität machen es zu einem vielseitigen Begleiter, der sich in der Stadt ebenso wohlfühlt wie auf Feldwegen.
Mit einem Einführungspreis von 1.899 Euro gegenüber einer unverbindlichen Preisempfehlung von 2.099 Euro setzt es Modelle unter Druck, die häufig 1.000 Euro mehr kosten – insbesondere Premium-Fahrräder im Stil von Haibike. Sein stärkstes Argument ist zweifellos das Verhältnis von Ausstattung zu Preis. Für frühe Käufer gibt es zudem bis zum 12. August einen Bonus von 418 Euro: 200 Euro Sofortrabatt und Zubehör im Wert von 218 Euro.
Vor dem Kauf sollte man allerdings zwei Schattenseiten kennen. Erstens das Gewicht: 34 kg sind eine enorme Hürde, sobald das Fahrrad getragen werden muss, und bei einem Alltag mit Treppen ein Ausschlusskriterium. Zweitens ist der Alarm etwas zu unauffällig, um bei einem Fahrzeug dieses Werts uneingeschränkt zu beruhigen. Wer mit diesen beiden Punkten leben kann, sollte das E26 3.0 Pro ernsthaft auf die Liste setzen: Es ist eines der derzeit attraktivsten eSUVs.
ENGWE E26 3.0 Pro
2099 Euro
8.4
| Kategorie | Wertung |
|---|---|
| ### Design & Ergonomie | 8.5/10 |
| ### Motor & Fahrverhalten | 8.5/10 |
| ### Reichweite | 8.0/10 |
| ### Konnektivität & Sicherheit | 8.0/10 |
| ### Preis-Leistungs-Verhältnis | 9.0/10 |
Das gefällt uns
- Sorgfältige Verarbeitung
- Wirksame Vollfederung
- GPS + Bluetooth + 4G
- Preis
Das gefällt uns weniger
- Sehr schwer
- Alarm zu leise
- Sperriges Ladegerät
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen