Die beste Verteidigung ist der Angriff. In einer Zeit, in der die etablierte Automobilindustrie unter dem Druck chinesischer Marken, Zölle und regulatorischer Veränderungen steht, antwortet Hyundai mit der größten Produktoffensive seiner Unternehmensgeschichte.
José Muñoz, Präsident und CEO der Hyundai Motor Company, stellte den Plan beim CEO Investor Day 2026 vor. Bis 2030 sollen weltweit mehr als 100 Modelle neu eingeführt oder überarbeitet werden, vor allem von Hyundai und Genesis, der Premiummarke des Konzerns.
Ziel ist es, aus all diesen Neuheiten Wachstum zu generieren. Hyundai will 2030 jährlich 5,55 Millionen Fahrzeuge verkaufen, 35 % mehr als die 4,12 Millionen Einheiten von 2025, und einen weltweiten Marktanteil von 6 % erreichen.
Mehr als bloße Modellwechsel
Es geht nicht nur darum, bereits verfügbare Fahrzeuge abzulösen. Mehr als 18 der geplanten Neuheiten sollen Hyundai in Produkte oder Segmente bringen, in denen die Marke heute kaum oder gar nicht vertreten ist.
Nach Angaben von José Muñoz machen diese Bereiche rund 29 % des globalen Automobilmarkts aus, was etwa 26 Millionen Fahrzeugen pro Jahr entspricht. Dazu zählen neue SUVs und Pick-ups mit Leiterrahmen sowie der Einstieg in leichte Nutzfahrzeuge oder der Ausbau der Präsenz in diesem Bereich.
Hyundai zufolge sind die Investitionen und die Entwicklung dieser Produkte bereits abgesichert. Für eine Marke, die in einigen besonders profitablen Segmenten wie Pick-ups, großen SUVs – vor allem in Nordamerika – und Nutzfahrzeugen bislang nur schwach vertreten ist, bedeutet dies einen wichtigen Wandel.
Parallel dazu wird die Offensive von einer weitreichenden Diversifizierung der Antriebe begleitet. Bis 2030 sollen elektrifizierte Modelle – Elektrofahrzeuge und Hybride – 60 % der Verkäufe der Hyundai Motor Company ausmachen, verglichen mit lediglich 23 % im Jahr 2025.
Zu den Neuheiten gehört der Einstieg von Hyundai in Elektrofahrzeuge mit Range Extender, kurz EREV, ab 2027. Eines der ersten Modelle wird der Santa Fe EREV sein, der eine Gesamtreichweite von mehr als 960 km erreichen soll.
Auch Genesis – die Marke steht vor dem Marktstart in Portugal – erhält ihren ersten Hybrid und ihren ersten EREV sowie den neuen GV90. Bis 2030 will die Marke 350.000 jährliche Verkäufe in mehr als 40 Märkten erzielen.
Europa erhält 41 Hyundai Markteinführungen
Viele der angekündigten Neuheiten sind zwar stark auf Nordamerika ausgerichtet, Europa wird jedoch keineswegs übergangen. Hyundai plant bis 2030 41 Markteinführungen oder Modellüberarbeitungen auf dem Kontinent.
Die Strategie sieht vor, 85 % des europäischen Markts mit einer elektrifizierten Modellpalette abzudecken, und umfasst fünf vollständig neue Modelle aus den Bereichen SUVs und leichte Nutzfahrzeuge. Außerdem ist ein neuer B-SUV bestätigt, der speziell für Europa entwickelt wird.
Auch bei Elektrofahrzeugen sind die Ziele ausgesprochen ambitioniert. Hyundai möchte die europäischen Verkäufe von reinen Elektroautos von 116.000 Einheiten im Jahr 2025 auf mehr als 420.000 im Jahr 2030 steigern – beinahe eine Vervierfachung. Der IONIQ 3, dessen Verkauf in diesem Jahr begonnen hat, ist einer der ersten Bausteine dieser Strategie.
Das Tempo wird weiter zunehmen: Allein in den kommenden acht Monaten plant Hyundai weltweit die Einführung von sieben neuen Modellen.
Hyundai N will fünfmal so viele Fahrzeuge verkaufen
Auch Hyundai N soll wachsen. Die Sportabteilung verkauft derzeit rund 20.000 Fahrzeuge jährlich, strebt für 2030 jedoch 100.000 Einheiten pro Jahr an.
Dafür soll die Modellpalette auf sieben Fahrzeuge erweitert werden, darunter Angebote mit Hinterrad- und Allradantrieb sowie neue Einstiegs-Crossover. Darüber hinaus will Hyundai eine Stufe zwischen den aktuellen N Line und den N-Modellen etablieren, die deutlich höhere Stückzahlen ermöglichen soll – ähnlich der Positionierung von BMW M Performance unterhalb der eigentlichen BMW M-Modelle.
Mehr Produktionskapazität für die Hyundai Offensive
Mehr Modelle auf den Markt zu bringen, setzt allerdings auch entsprechende Fertigungsmöglichkeiten voraus. Bis 2030 will Hyundai die Kapazität um mehr als 1,27 Millionen Fahrzeuge pro Jahr erhöhen. Nordamerika erhält zusätzliche Kapazitäten für 500.000 Einheiten, Indien für 320.000, CKD-Einheiten (Knock-down-Kits oder Montagesätze) für 250.000 und Südkorea für 200.000 Fahrzeuge.
Die Offensive geht zudem über Automobile hinaus. Der Plan umfasst intern entwickelte neue Batterien, softwaredefinierte Fahrzeuge, Robotaxis, künstliche Intelligenz und Robotik. 2028 soll das erste Großserienmodell von Hyundai mit Fahrerassistenztechnologie der Stufe 2+ auf den Markt kommen; zugleich werden die Kooperationen mit Waymo bei Robotaxis und Boston Dynamics bei Robotern weiter ausgebaut.
Hinter dieser gesamten Expansion steht auch ein finanzielles Ziel: Die konsolidierte operative Marge soll nach 6,2 % im Jahr 2025 bis 2030 auf mehr als 9 % steigen.
Die umfassende Hyundai Offensive steht im Kontrast zum Vorgehen zahlreicher westlicher Hersteller. Während andere Branchenriesen mit Umstrukturierungen und gekürzten Investitionen auf Verteidigung setzen, geht Hyundai klar in die Offensive: mit neuen Segmenten, mehr Modellen und damit einer höheren Produktion.
Die umfassende Hyundai Offensive unterscheidet sich von der Strategie mehrerer westlicher Hersteller. Während manche Branchenriesen mit Umstrukturierungen und geringeren Investitionen defensiv agieren, setzt Hyundai eindeutig auf Angriff: neue Segmente, mehr Modelle und größere Produktionskapazitäten.
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