Die Familien Porsche und Piëch, die beiden Clans hinter der Kontrolle über den Volkswagen Konzern, wollen den Sparkurs beschleunigen, Produktionskapazitäten abbauen und schließen auch Werksschließungen nicht aus. Ihrer Einschätzung nach steht der Konzern an einem „historischen Scheideweg“. Zwei Kräfte könnten jedoch jene Entscheidungen blockieren, die sie für die Zukunft des Konzerns als unverzichtbar ansehen: das Land Niedersachsen und die Arbeitnehmervertreter.
Darauf gehen wir im weiteren Verlauf dieser Krise ein, die kurzfristig zu den wichtigsten Themen der Automobilindustrie werden dürfte. Die Zeit drängt, und dem Volkswagen Konzern bleibt kein Spielraum für Unentschlossenheit. Im September werden alle Beteiligten erneut an den Verhandlungstisch zurückkehren.
Werksschließungen, Personalabbau, die Umstrukturierung von Teams und neue Budgetvorgaben gehören zu den Maßnahmen, die beim deutschen Branchenriesen derzeit diskutiert werden.
Gute Verkaufszahlen reichen nicht mehr
Das größte Vertriebsproblem von Volkswagen liegt derzeit nicht in Europa. Außerhalb Chinas stiegen die Auslieferungen des Konzerns im ersten Halbjahr 2026 sogar um rund 2 %.
Im ersten Halbjahr 2026 legte der Volkswagen Konzern außerhalb Chinas um etwa 2 % zu, während die Auslieferungen in Westeuropa um 2,9 % wuchsen. Selbst in Nordamerika, wo das Halbjahr mit einem leichten Rückgang von 3,1 % endete, erholte sich der Absatz im zweiten Quartal um fast 8 %.
Die schlechten Nachrichten kommen vor allem aus China. In dem Markt, der über viele Jahre der größte für den Konzern war, brachen die Auslieferungen im ersten Halbjahr um 25,9 % auf weniger als eine Million Fahrzeuge ein. Bei Elektroautos fiel der Rückgang mit 47,9 % noch deutlicher aus. Doch niedrigere Verkäufe sind nur ein Teil des Problems.
Der Druck chinesischer Marken, die mit geringeren Kosten und kürzeren Entwicklungszyklen arbeiten, zwingt europäische Hersteller dazu, ihre Preise zu senken und Margen aufzugeben.
Vor diesem Hintergrund haben die Familien Porsche und Piëch den Druck auf den Volkswagen-Vorstand erhöht. Über die Porsche SE, den größten Aktionär des deutschen Konzerns, fordern sie schnellere Einschnitte bei Kosten und Produktionskapazitäten. Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender der Porsche SE und zugleich Aufsichtsratschef von Volkswagen, ist überzeugt, dass das Unternehmen an einem „historischen Scheideweg“ angekommen ist.
Bis zu 100.000 Arbeitsplätze beim Volkswagen Konzern gefährdet
Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns, hatte bereits einen deutlich weitergehenden Restrukturierungsplan vorgelegt als die zuvor angekündigten Sparmaßnahmen.
Nachdem im Konzern, einschließlich Audi und Porsche, bereits der Abbau von rund 50.000 Arbeitsplätzen vereinbart wurde, räumt das Management nun ein, dass weitere 50.000 Stellen wegfallen könnten. Im ungünstigsten Fall geht es damit um bis zu 100.000 Arbeitsplätze.
Auch vier deutsche Werke geraten unter Druck: die Volkswagen-Standorte Emden, Hannover und Zwickau sowie das Audi-Werk Neckarsulm. Blume räumte ein, dass der Konzern derzeit für diese Anlagen in den 2030er-Jahren noch keine wettbewerbsfähige Nutzung bestimmen kann. Der CEO möchte vor einer Schließung jedoch zunächst andere Möglichkeiten prüfen. Dazu zählen die europäische Fertigung von in China entwickelten Volkswagen-Modellen oder alternative industrielle Verwendungen für einzelne Werke.
Das Problem ist klar: Volkswagen verfügt über Fabriken, Beschäftigte und Anlagen, die für mehr Fahrzeuge ausgelegt sind, als der Konzern derzeit rentabel verkaufen kann. Ungenutzte Produktionskapazitäten verteuern jedes Auto, das vom Band läuft.
Johannes Lattwein, Finanzvorstand der Porsche SE, formulierte es unmissverständlich: Volkswagen müsse Überkapazitäten verringern, die Kosten deutlich senken und Entscheidungen schneller treffen. „Wettbewerbsfähigkeit ist das Ziel. Alle Optionen müssen geprüft werden“, sagte er.
Arbeitnehmer und Niedersachsen bremsen die Einschnitte
Die Unterstützung der Familien, welche den Volkswagen Konzern kontrollieren, bedeutet allerdings nicht, dass Oliver Blume seine Pläne einfach umsetzen kann. Wie wir bereits vor einigen Wochen gesehen haben, ist die Aktionärs- und Führungsstruktur des deutschen Konzerns ungewöhnlich.
Das Land Niedersachsen verfügt über 20 % der Stimmrechte und besitzt aufgrund der besonderen Regeln für Volkswagen bei mehreren zentralen Entscheidungen eine Sperrminorität. Die Arbeitnehmervertreter stellen wiederum die Hälfte der Sitze im Aufsichtsrat.
Beide Seiten stimmten bei der Sitzung im Juli gegen den von Blume vorgelegten Plan. Auch die Gewerkschaft IG Metall lehnt Werksschließungen ab und wirft den Familien Porsche und Piëch vor, den Schutz der Dividenden über die Interessen der Beschäftigten zu stellen.
Die nächste Auseinandersetzung dürfte Anfang September folgen, wenn der Aufsichtsrat wieder zusammentritt.
Die Krise trifft auch die Familien Porsche und Piëch
Für den zunehmenden Druck gibt es noch einen weiteren Grund. Die schwächeren Ergebnisse von Volkswagen und Porsche belasten inzwischen direkt die Porsche SE. Die Holding, die 31,9 % an Volkswagen hält (und 53,3 % der Stimmrechte kontrolliert) sowie 12,5 % an der Porsche AG besitzt, erzielte im ersten Halbjahr einen bereinigten Gewinn nach Steuern von 949 Millionen Euro. Das waren 14,5 % weniger als im gleichen Zeitraum 2025.
Nach der Berücksichtigung der Wertverluste ihrer Beteiligungen an Volkswagen und Porsche drehte das Nettoergebnis jedoch in einen Verlust von 2,2 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor hatte die Porsche SE noch einen Gewinn von 338 Millionen Euro ausgewiesen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen