SSC Tuatara und der Geschwindigkeitsrekord
Mit einer gemessenen Höchstgeschwindigkeit von 532,93 km/h und einem Durchschnitt von 517,16 km/h über zwei Fahrten sicherte sich der SSC Tuatara angeblich den Titel als schnellstes Auto der Welt. Damit wären die Werte des Koenigsegg Agera RS aus dem Jahr 2017 auf derselben Nevada State Route 160 bei Las Vegas deutlich übertroffen worden: 457,49 km/h Spitze und 446,97 km/h im Durchschnitt.
Doch stimmt diese Darstellung tatsächlich?
Der bekannte YouTube-Kanal Shmee150 von Tim Burton veröffentlichte ein englischsprachiges Video, in dem er den behaupteten Rekord der SSC North America detailliert und anhand zahlreicher technischer Aspekte untersucht. Seine Analyse weckt erhebliche Zweifel an der angegebenen Leistung:
Was sagt Shmee?
Tim, besser bekannt als Shmee, nahm das von SSC North America veröffentlichte offizielle Rekordvideo genau unter die Lupe – und dabei gehen die Berechnungen schlicht nicht auf …
Zunächst geht es um die Nevada State Route 160 selbst, auf der sich die lange Gerade befindet, die solche extremen Geschwindigkeiten ermöglicht. Die beiden Fahrtrichtungen sind dort durch einen unbefestigten Mittelstreifen baulich getrennt. Entlang der Strecke gibt es jedoch asphaltierte Verbindungsstellen, über die beide Fahrbahnen miteinander verbunden sind.
Shmee verwendet diese insgesamt drei Übergänge als Bezugspunkte. Da sowohl ihre Abstände als auch die vom SSC Tuatara laut SSC-North-America-Video benötigte Zeit bekannt sind, kann er daraus die jeweilige Durchschnittsgeschwindigkeit berechnen.
Bei den entscheidenden Zahlen liegt zwischen dem ersten und dem zweiten Übergang eine Distanz von 1,81 km. Der Tuatara legte sie in 22,64 s zurück, was einer mittleren Geschwindigkeit von 289,2 km/h entspricht. Bis dahin wäre alles unauffällig – allerdings zeigt das Video den Tuatara am ersten Übergang mit 309 km/h und am zweiten mit 494 km/h. Wie kann der Durchschnitt unter der niedrigsten registrierten Geschwindigkeit liegen? Das ist mathematisch unmöglich.
Dasselbe Problem ergibt sich auf den 2,28 km zwischen dem zweiten und dritten Übergang. Der Tuatara benötigte dafür 24,4 s, nachdem die 3,82 s abgezogen wurden, in denen das Video angehalten wird, um die erreichten 532,93 km/h „festzuhalten“. Daraus resultiert ein Durchschnitt von 337,1 km/h. Wieder passen die Werte nicht zusammen: Die Einfahrtgeschwindigkeit beträgt 494 km/h, während die Ausfahrtgeschwindigkeit – bereits während des Bremsvorgangs – bei 389,4 km/h liegt. Der Mittelwert müsste höher sein und/oder die benötigte Zeit für diese Strecke kürzer ausfallen.
Vergleich zwischen SSC Tuatara und Koenigsegg Agera RS
Um die Zweifel weiter zu verstärken, zieht Shmee außerdem ein Vergleichsvideo des SSC Tuatara und des Koenigsegg Agera RS an denselben Übergängen heran. Erstaunlicherweise benötigt der Agera RS dafür weniger Zeit als der Tuatara – obwohl das Video suggeriert, dass der amerikanische Hypersportwagen deutlich schneller unterwegs ist. Das lässt sich auch im folgenden, von Koenigsegg selbst veröffentlichten Video nachvollziehen:
Shmee nennt weitere Anhaltspunkte, die den Rekord infrage stellen. So ist etwa der Tachometer des SSC Tuatara im offiziellen Video unscharf dargestellt. Noch genauer wird seine Untersuchung, als er die in jedem Gang mögliche Höchstgeschwindigkeit berechnet. Der Rekordlauf erfolgt im sechsten Gang, womit die im Video gezeigten mehr als 500 km/h unmöglich erreichbar wären: In diesem Gang liegt die Maximalgeschwindigkeit des Tuatara bei „nur“ 473 km/h. Der Tuatara verfügt über sieben Gänge.
Der Rekord wurde noch nicht zertifiziert
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass zwar laut SSC North America alle Anforderungen von Guinness World Records für diesen Versuch erfüllt wurden, aber kein Vertreter der Organisation vor Ort war, um den Rekord offiziell zu zertifizieren. Beim Rekord des Agera RS im Jahr 2017 war dies hingegen der Fall.
Shmee führt somit eine Reihe von Belegen an, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob dieser Rekord als schnellstes Auto der Welt tatsächlich erzielt wurde. Nun bleibt abzuwarten, was SSC North America und Dewetron dazu sagen. Das Unternehmen stellte die GPS-Messgeräte bereit und führte die Messungen durch, mit denen die vom Tuatara erreichte Geschwindigkeit ermittelt wurde.
Aktualisierung vom 29. Oktober 2020 um 16:11 Uhr – SSC North America hat eine Stellungnahme zu den aufgekommenen Zweifeln am Rekordvideo veröffentlicht.
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