Ich finde es unerquicklich, wenn Japanreisende zurückkommen und davon schwärmen, wie „seltsam“ dort angeblich alles sei.
Nur weil das Alphabet für westliche Besucher nicht zu entziffern ist, auf den Straßen winzige Kei-Cars unterwegs sind, die kaum größer als der Schlüsselanhänger eines G-Wagens wirken, und die Menschen vor Ort Miso-Suppe mit gegrilltem Fisch zum Frühstück essen, ist es respektlos, Japan als „seltsam“ abzustempeln. Es ist anders als das, was man kennt. Genau deshalb ist ein Besuch dort ein so wohltuender Angriff auf die an käseüberbackene westliche Kost gewöhnten Sinne.
Ich habe gerade zwei hektische Tage auf der Japan Mobility Show verbracht. Früher hätte man das schlicht Automobilausstellung genannt, doch heute wollen Hersteller lieber „Mobilitätslösungen“ anbieten.
Fotografie: Toby Thyer
Japan Mobility Show: Mobilitätslösungen in allen Formen
Überall standen Elektroautos, autonome Kapseln, Roboter, Droiden und Drohnen. Es fühlte sich an wie ein Klassentreffen von Star Wars-Nebenfiguren.
Allein am Toyota-Stand gab es einen geländetauglichen „Land Cruiser“-Rollstuhl, einen laufenden Hocker, mit dem Menschen mit Behinderung tanzen können, sowie eine selbstfahrende Kapsel für den Schulweg von Kindern. Denn Siebenjährige, die in die Grundschule kommen, sind statistisch die am häufigsten von Verkehrsunfällen betroffene Gruppe in Japan.
Daneben krabbelte ein wie eine Krabbe laufender Couchtisch umher, der Pakete in ländliche Gemeinden bringen soll, und bewegte sich zwischen Toyotas Konzept-Vans.
Also ja: Es gab durchaus „Seltsames“. Hier zeigte sich die japanische Autoindustrie von ihrer farbenfrohen und kreativen Seite. Zugleich lag ein spürbarer Kampfgeist in der Luft: Japan hat den aufstrebenden chinesischen Neulingen zu viel Terrain überlassen, die mit verlockend günstigen Elektroautos, beeindruckender KI-Software und einer Haltung nach dem Motto „schnell handeln und Dinge kaputtmachen“ Marktanteile anvisieren.
Viele Visionen, kaum kaufbare Autos
Doch bei genauerem Blick auf die großen Premieren fällt auf, dass nur sehr wenige der gezeigten Autos tatsächlich gekauft werden können.
Toyota präsentierte einen neuen Corolla – und zwar als kantig gezeichnete Limousine mit Coupé-Anklängen. Allerdings ist es lediglich ein Konzept, verbunden mit vagen Zusagen für Verbrennungsmotoren, Mild- und Plug-in-Hybridantriebe sowie einen vollelektrischen Antrieb.
Lexus sorgte mit der Erklärung für Aufsehen, dass Luxuslimousinen offiziell ausgedient hätten und die Zukunft des LS ein kantiger Van mit sechs Rädern sei. Falls dieser nicht durch den Pulk der Paparazzi passt, steigt der A-Promi für die letzte Etappe zum Auftritt in ein autonom fahrendes einsitziges Dreirad um.
Den Stand teilte er sich mit einem autonomen Katamaran-Yachtkonzept sowie Entwürfen für ein hochbeiniges Sportcoupé, das LS Coupé, und dem Sports Concept. Letzteres dürfte zum vollelektrischen Schwesterfahrzeug des kommenden V8-GR-Supersportwagens werden – inklusive integrierter Hochgeschwindigkeitsdrohne.
Das alles sind fantasievolle, aufregende Kreationen, doch kaufen lässt sich davon nichts. Noch nicht.
Das Gleiche gilt für den neuen Mazda, der zum gefühlt milliardsten Mal die Rückkehr des Wankelmotors verspricht. Ebenso verhält es sich mit weiteren Rückgriffen auf Subarus glorreiche Rallyezeit. Alles wirkt lebendig, aber Angaben zu Marktstart und Preis waren äußerst rar. Auch dazu, wie Century zur Bedrohung für Rolls-Royce werden soll, gab es kaum Details. Schade, denn das große, böse orangefarbene Coupé sah gewaltig aus.
Honda Super-N und Japans Kampf für das günstige Kleinwagenformat
Fast die einzige Marke mit einem echten Serienauto, das für die Öffentlichkeit bereitsteht, war Honda. Der Hersteller entfernte die Tarnung vom Super-EV-Konzept und zeigte den niedlichen, kämpferisch wirkenden Kei-Car, den wir künftig Super-N nennen werden. Reichweite, Preis und Leistung sind zwar noch nicht veröffentlicht, doch immerhin besitzt er Türgriffe.
Tatsächlich speist sich ein großer Teil des Optimismus auf der Japan Mobility Show aus Japans Feldzug zur Rettung des kleinen, günstigen Autos. Neben dem Super-N gab es ein attraktiv gezeichnetes neues Mazda-Kleinwagenkonzept zu sehen. Daihatsu brach zudem unsere vom Jetlag geschwächten Herzen: Zunächst zeigte die Marke den bisher am besten aussehenden Copen-Roadster als Konzept, um anschließend zu verkünden, dass er nicht in Europa verkauft wird. Bitte überdenkt das noch einmal!
Japan hat seine kreative Energie zweifellos enorm aufgeladen. Vieles deutete darauf hin, dass die einst konservativen japanischen Marken ernsthaft erkannt haben, wie wichtig coole Autos sind, die Menschen haben wollen. Ein Transportmittel für den Massenmarkt zu bauen, reicht nicht mehr aus – nicht bei so vielen Konkurrenten, die so schnell dazulernen.
Nun brauchen wir die Serienversionen. Eingelöste Versprechen, die beweisen, dass Japan nicht zufrieden damit ist, für einen kurzen Unterhaltungseffekt etwas „Seltsames“ zu bauen.
Bringt die kantigen, mutigen Ideen auf die Straße – dann kann Japan seine Rolle als stärkster Impulsgeber der Autoindustrie zurückerobern.
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