Bei Top Gear mögen wir clevere Technik. Im vergangenen Jahr berichteten wir über Skarper, ein Start-up, an dem Red Bull Advanced Technologies (RBAT) beteiligt war. Das Prinzip: ein aufsteckbares System, das ein gewöhnliches Fahrrad in ein E-Bike verwandelt. Jetzt haben wir es ausprobiert.
Und zwar nicht ohne Vergleichspartner. Ein Duelltest zeigt Stärken und Schwächen beider Produkte deutlicher auf, deshalb sind wir parallel auch mit einem Swytch-System gefahren.
Skarper und Swytch: Zwei Wege zum E-Bike
Skarper ist eine ausgesprochen elegante Einbox-Lösung, die am Hinterrad angebracht und wieder abgenommen wird. In dem Gehäuse sitzen Akku und Antriebsmotor; die übliche hintere Scheibenbremse wird durch eine raffinierte Variante mit integriertem Antriebsnaben-System ersetzt.
Fotografie: Luke Marriage
Bei Swytch ist der Aufbau etwas aufwendiger, weil einige Kabel am Fahrrad verlegt werden müssen. Der Motor sitzt im Vorderrad, während der Akku am Lenker befestigt wird. Ein weiteres Kabel führt zum optionalen Display, eines zur Tretkurbel, damit das System erkennt, wann man tritt, und Unterstützung zuschaltet. Skarper erledigt diese Erkennung über einen Bluetooth-Sensor.
Vermutlich ist bereits klar geworden, dass Skarper das hochwertigere System ist. Es kostet £1,495, während Swytch je nach Konfiguration zwischen £500 und mehr als £1,000 liegt. Das „je nach“ ist wichtig: Skarper ist eine Einheitslösung, Swytch bietet dagegen Auswahlmöglichkeiten.
Für den Lenker gibt es drei Akkugrößen namens Max, jeweils mit integrierter Beleuchtung zum Gesehenwerden. Weitere drei Akkus passen in den Rahmen und heißen Go. Außerdem muss das passende Vorderrad für das jeweilige Fahrrad gewählt werden; alternativ ist auch ein Hinterrad erhältlich. Kurzer Hinweis: Auf den Bildern sind deutlich mehr Kabel zu sehen als normalerweise, weil das Fahrrad für alle möglichen Systemvarianten vorbereitet wurde. Mit etwas Mühe lässt sich die Installation wesentlich ordentlicher ausführen als bei mir.
Da Sie bei Top Gear über Fahrräder lesen, kommen wir zu vertrauten Zahlen. Die Skarper-Box wiegt 4.5kg, die spezielle Scheibenbremse rund 500 Gramm mehr als eine herkömmliche Bremsscheibe. Unterm Strich ergibt das ein Zusatzgewicht von 5kg.
Gerade diese Bremsscheibe ist übrigens der wirklich clevere Teil – und der Grund, weshalb Skarper die Material- und Ingenieurkompetenz von Red Bull benötigte. Sie muss ein hohes Drehmoment von 45Nm über eine Welle übertragen, die wesentlich dünner als ein kleiner Finger ist. Die Energie liefert ein 0.24kWh-Akku.
Für den Swytch Max+ werden 3.6kg angegeben, wobei man bei den üblichen Gewichten eines Vorderrads großzügig rechnet. Auch hier beträgt das Mehrgewicht insgesamt ungefähr 5kg. Dafür gibt es einen 0.275kWh-Akku sowie einen Motor mit 250W/40Nm.
Beide Systeme unterstützen nur bis zum gesetzlichen Maximum von 15.5mph (25km/h). Da es sich im Grunde um Hybride handelt – elektrische Hilfe verstärkt eine weitere Kraftquelle, in diesem Fall die eigenen Beine –, lässt sich die Reichweite nicht ganz einfach berechnen. Anders gesagt: Sie ist immer größer, als man zunächst erwarten würde. Skarper nennt bis zu 30 Meilen, Swytch 30-40 Meilen. Danach ist man auf sich gestellt – was kein Problem ist, denn dann tritt man einfach ein Fahrrad, das 5kg schwerer ist als üblich.
Fahrverhalten und Bedienung der Umrüstsysteme
Swytch macht das Fahrrad zum Zweiradantrieb und bringt viel Gewicht an die Vorderachse. Dadurch wird das Einlenken schwerfälliger, das Rad reagiert anfälliger auf Stöße und kann weniger berechenbar wirken – Drehmomentlenkung am Fahrrad hatten Sie bislang vermutlich noch nicht. Zudem braucht das System einige Kurbelumdrehungen, ehe es aufwacht und unterstützt; an der Ampel ist man also nicht sofort schnell unterwegs. Während der Fahrt arbeitet es jedoch extrem leise und geschmeidig. Beim Abstellen nimmt man einfach den Akku ab und geht weiter. Von den zusätzlichen Kabeln abgesehen, fällt der Rest des Systems kaum auf: Das Vorderrad sieht lediglich nach einer Nabe mit großem Durchmesser aus.
Skarper ist lauter; vom Zahnprofil am Heck kommt ein leichtes Surren. Ansonsten ist dies aber das ausgefeiltere System. Es reagiert schneller und unterstützt intuitiver. Das muss es auch, denn Swytch bietet über sein – zugegeben optionales – Display fünf Unterstützungsstufen, Skarper hingegen nicht. Hat man sich während der Fahrt für Eco, Cruise oder Turbo entschieden, lässt sich der Modus nicht mehr ändern. Eine App befindet sich derzeit in Entwicklung.
Ist das ein großes Problem? Nicht wirklich. Das System besitzt neben einem kleinen Bluetooth-Beschleunigungssensor am Pedalarm auch einen integrierten Neigungssensor. Es erkennt also Steigungen und liefert dann mehr Unterstützung, damit man nicht ins Schwitzen gerät. Als zusätzliche Bedienmöglichkeit bleibt nur Ein- und Ausschalten: Drei Rückwärtsdrehungen der Pedale erledigen das. Der Nachteil der aufgeräumten Optik: Man weiß nicht, wie viel Akkuladung noch übrig ist.
Dafür gibt es andere Vorteile. Weil das Gewicht niedrig sitzt, beeinträchtigt Skarper das Handling des Fahrrads nicht in derselben Weise. Außerdem lässt sich das System in zwei Sekunden anbringen oder abnehmen. Buchstäblich. Man richtet die Führungsstifte an den Öffnungen der Scheibe aus und klappt dann den Hebel zum Verriegeln zu. Bei Swytch kann aus Sicherheitsgründen nur der Akku entfernt werden; bei Skarper bleibt dagegen lediglich die hintere Bremsscheibe am Fahrrad zurück. Und die wird niemand bemerken.
Wer ohne elektrische Unterstützung fahren möchte, hat bei Swytch weiterhin einige Kilogramm zusätzliches Gewicht und mehrere Kabel am Fahrrad. Bei Skarper ist das nicht der Fall. Allerdings soll das Swytch-System mit 99 per cent der Fahrräder kompatibel sein, während Skarper nur an Fahrräder mit Scheiben- statt Felgenbremsen passt.
Die beste Nachricht? Man kann schummeln. Ein normales E-Bike muss spüren, dass man tatsächlich Druck auf die Pedale ausübt, bevor es zusätzlichen Schub liefert. Diese Systeme benötigen lediglich Bewegung. Mit anderen Worten: Man kann die Pedale langsamer als die Fahrgeschwindigkeit drehen, der Motor wird getäuscht und übernimmt dennoch die Arbeit.
Pendeln mit Swytch oder flexibel fahren mit Skarper
Bei Elektroautos wird über Subventionen und Zuschüsse diskutiert, die nur einen kleinen Prozentsatz einsparen. Beide Umrüstkits sind für das JobRad-Modell geeignet. Und Pendeln ist die große Stärke von Swytch. Das System ist wirklich effizient und wirkungsvoll und hält einen problemlos ein paar Stunden mit 15mph in Bewegung. Das Max-System bringt zudem ein integriertes Licht mit. Es leuchtet die Strecke nicht ausreichend aus, sorgt aber dafür, dass man gut gesehen wird. Am Ziel nimmt man den Akku zum Laden einfach mit hinein. Zusätzlich funktioniert er als USB-Ladegerät.
Swytch erfüllt die Pendlerrolle hervorragend. In der Praxis montiert man es vermutlich und nimmt es anschließend nie wieder ab. Skarper richtet sich eher an Menschen, denen Radfahren wichtiger ist und die nur gelegentlich Unterstützung möchten. Sie besitzen ein Gravelbike, Rennrad oder Tourenrad – oder möchten schlicht das schlankstmögliche Pendlerfahrrad? Dann ist dies die richtige Wahl.
Skarper kostet viel Geld, ist aber eines jener bis ins Detail durchdachten Produkte, deren Nutzung ausgesprochen befriedigend ist und die zum echten Gesprächsthema werden. Statt für eine einzelne Aufgabe entwickelt worden zu sein, ist es eine Alternative zum Kauf eines vollwertigen E-Bikes. Dieses kostet rund £1,500 mehr als sein unmotorisiertes Schwestermodell und sieht meist deutlich unhandlicher aus. Hier behält man das vorhandene, schlankere Fahrrad und entscheidet selbst, ob man an diesem Tag Unterstützung haben möchte. Genau: Man kann sich dafür entscheiden, „e“ zu fahren – oder nicht.
Bewertungen
Swytch: 8
Skarper: 8
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