Jaguar hat zuletzt einiges durchgemacht. Vor einem Jahr erlebten wir die Neupositionierung der Marke und bekamen das radikale Type 00 Concept zu sehen. Inzwischen durften wir als Passagiere in einem Prototyp mitfahren: einem GT-Prototyp mit drei Motoren und 1.000 PS. Seine endgültige Vorstellung folgt 2026.
Zeit also für ein ausführliches Gespräch mit Jaguars Geschäftsführer Rawdon Glover.
Beginnen wir mit der entscheidenden Frage: Weshalb brauchte Jaguar eine vollständige Neuerfindung?
Rawdon Glover: Zuvor waren wir im volumenstarken Premiumsegment unterwegs, das überwiegend – wenn auch nicht ausschliesslich – von den deutschen Herstellern beherrscht wird. Das hat nicht funktioniert. Jaguar war wirtschaftlich nicht erfolgreich. Wir standen daher an einem Scheideweg, denn einfach weiterzumachen und zu sagen: „Machen wir einfach weiter wie bisher und verkaufen mehr“, funktioniert nicht.
Der Volkswagen-Konzern verkauft sieben bis zehn Millionen Autos. Wir verkaufen vier- oder fünfhunderttausend Fahrzeuge. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen in der Produktion könnten unterschiedlicher kaum sein. Obwohl wir es Premiumsegment nennen, herrscht dort ein gnadenloser Wettbewerb – also mussten wir uns verändern.
Warum fiel die Entscheidung für weniger Stückzahlen und höhere Preise?
Wenn wir uns ansehen, wo das Geschäftsmodell von JLR tatsächlich funktioniert, dann bei Range Rover, das sich sowohl beim Preisniveau als auch beim Produktkonzept deutlich unterscheidet. Daraus ergab sich für uns gewissermassen ein Vorbild: bei der Wirtschaftlichkeit ebenso wie bei der Nutzung unserer Entwicklungsressourcen und Designkompetenz.
Schaut man ausserdem darauf zurück, wann Jaguar erfolgreich war, dann in Zeiten eines sehr klar fokussierten Modellprogramms. Den grössten Teil seiner Geschichte stand Jaguar für schöne Sportwagen und schöne Limousinen – nicht für hohe Stückzahlen, sondern für höhere Preise und für Lösungen, die sich meist vom Wettbewerb abhoben. Unsere Historie liefert viele Beispiele: Scheibenbremsen, der Einsatz von Aerodynamik bereits in den 1950er-Jahren oder der E-Type, der die Regeln neu definierte.
Unser Gründer Sir William Lyons sagte, Jaguar sei dann am besten, wenn es „keine Kopie von irgendetwas“ sei. Wenn alle anderen in eine bestimmte Richtung gehen, ist das in Ordnung – man muss nur die Überzeugung haben, seinen eigenen Weg einzuschlagen und etwas anderes zu tun.
All das hat uns an den Punkt gebracht, an dem wir heute stehen. Für uns ist die Verbindung zur Vergangenheit eindeutig. Wir wissen, wie sich ein Jaguar fahren muss, und wir glauben, die Marke in dynamischer Hinsicht zu verstehen. Wir kennen die DNA des Unternehmens – was es antreibt, welchen Zweck es erfüllt und weshalb es überhaupt existiert. Und ich bin ehrlich überzeugt: Wäre Sir William Lyons heute hier, würde er sagen: „So sollte ein Jaguar des 21. Jahrhunderts aussehen.“
Was bedeutet dieses „höhere Preisniveau“ konkret?
In britischen Zahlen lag unser durchschnittlicher Transaktionspreis früher bei rund 55.000 £. Beim neuen Modell wird er mehr als doppelt so hoch sein; der Schwerpunkt wird im Vereinigten Königreich also bei ungefähr 120.000 £ liegen.
Die Launch Edition des neuen Fahrzeugs startet bei 140.000 £. Man sollte in diesen Preisdimensionen denken. In dem Markt, in dem wir antreten wollen, liegen die etablierten Premiumanbieter zwar auch über 130.000 £, doch meistens endet ihr Angebot bei etwa 120.000 bis 130.000 £. Danach folgt erst die Ultra-Luxusklasse mit Lamborghini, Bentley und Rolls-Royce – dort gibt es praktisch nichts unter 300.000 £. Dazwischen liegt also ein recht grosses Marktsegment, insbesondere am unteren Ende.
Wie bewerten Sie die Reaktionen auf das Type 00 Concept und die Neupositionierung?
Die Reaktionen waren faszinierend. Sie decken sich stark mit den Ergebnissen aus unseren Befragungen. Eine Gruppe versteht das Konzept sofort, liebt es und möchte es sehen. Eine andere sagt: „Ich verstehe es nicht. Ich weiss nicht, wohin Jaguar gegangen ist.“ Wenn man dann aber die Geschichte dahinter aufschlüsselt und die Überlegungen erklärt, heisst es: „Okay, jetzt verstehe ich es.“
Dann gibt es noch die Gruppe, die sagt: „Ich verstehe es, aber es ist nichts für mich.“ Und auch das ist völlig in Ordnung.
Nehmen wir den E-Type als Beispiel: Es ging nicht darum, gefällig zu sein, sondern mutig. Man wollte etwas schaffen, das die Welt noch nie zuvor gesehen hatte. Als er 1961 in Genf vorgestellt wurde, wirkte er, als käme er vom Mars. Das ist der Massstab, an dem wir uns orientieren. Die Zeit wird es zeigen, doch darin liegt die Herausforderung für mich und das gesamte Team. Wir wollen Fahrzeuge entwickeln, über die die Menschen auch in 50 Jahren noch sprechen.
Genau das sollte Jaguar tun – statt sich darum zu sorgen, Marktanteile im Segment der kompakten SUVs zu gewinnen, was uns zuvor nicht gelungen ist.
Jaguar Type 00: Was war die grösste Herausforderung auf dem Weg zum ersten Serienmodell?
Wir kamen zu einem Designkonzept, das auf keiner vorhandenen Architektur funktionierte – weder auf einer eigenen noch auf der irgendeines anderen Herstellers. Diese Proportionen sind der Grund, weshalb das Fahrzeug aussieht wie kein anderes. Deshalb entwickelten wir eine eigene Architektur, die Jaguar Electric Architecture. Danach stellte sich die Frage: Wie erhalten wir diese Proportionen? Wie bleibt das Auto niedrig, steht auf 23-Zoll-Rädern, erreicht 400 Meilen Reichweite und bewahrt zugleich seine Klarheit? Dafür braucht es Hingabe, Beharrlichkeit und ingenieurtechnischen Einfallsreichtum – und genau darin sind wir sehr gut.
Damit lässt sich die Geschichte der Jaguar-Neuerfindung auf den Punkt bringen. Es geht darum, jedes Detail auszureizen und enorm komplexe Ingenieursarbeit zu leisten, damit wir bei Fahrdynamik, Reichweite, Design oder Komfort keine Kompromisse eingehen müssen. In erster Linie ist es ein neuer Jaguar: Er sieht aus wie kein anderes Fahrzeug, fährt sich wie ein Jaguar und bietet aussergewöhnliche Leistung, die zu grossen Teilen durch die Elektroantriebstechnik ermöglicht wird.
Das ist kein Neustart, bei dem das Elektroauto im Mittelpunkt steht. Ein Elektroauto zu sein, reicht für sich genommen nicht mehr aus. In diesem Preisbereich kaufen Menschen emotional. Das Fahrzeug muss ein irrationales Verlangen auslösen. Deshalb haben wir das Regelwerk für Elektroautos verworfen: keine nach vorn verlagerte Fahrgastzelle, keine austauschbare SUV-Haltung. Im mittleren Marktsegment hat das seinen Platz, hier jedoch nicht.
Wie sieht Erfolg aus? Gibt es eine festgelegte Zielstückzahl?
Erfolg ist kein Zeitpunkt. Wir haben in Solihull in eine neue Plattform und eine neue Karosserielinie investiert. Ich weiss, welche Rendite ich über den Lebenszyklus – rund acht Jahre – erzielen muss; sie ergibt sich aus der Kombination von Preis und Volumen. Wir starten nicht mit einem viertürigen GT, weil dies das grösste Segment ist, sondern weil er Jaguar in diesem Preisbereich positioniert.
Was kommt als Nächstes? Planen Sie ein Dreimodellprogramm wie Lamborghini oder Bentley?
Die Zeit von sieben oder acht Modellen ist vorbei. Zu erwarten ist ein kompaktes Modellprogramm, dessen Fahrzeuge alle auf einem ähnlichen Preisniveau liegen.
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