Bertone bezeichnet den Wagen als „Neo-Retro“-Wiedergeburt des Autobianchi A112 Runabout by Bertone, jenes Konzeptautos für den Turiner Autosalon 1969. Marcello Gandini zeichnete das Original, dessen Vorbild – jetzt kommt’s – damalige Schnellboote waren. Das Modelljahr 2026 ist entweder als dauerhaft offene Barchetta oder als alltagstauglicherer Targa erhältlich. Es handelt sich um ein echtes Serienfahrzeug für öffentliche Straßen, wenn auch in extrem kleiner Stückzahl: Nur 25 Exemplare sind geplant. Schwimmen kann allerdings keines davon, um das klarzustellen.
Sobald die Straße frei ist, liefert der Runabout die passende akustische Untermalung: Ein aufgeladener 3,5-Liter-V6 mit 468 PS, ein Sechsgang-Handschaltgetriebe, Hinterradantrieb und rund 1.150 kg Gewicht stehen auf dem Datenblatt. Damit liegt er nur knapp über einem Alpine A110, verteilt aber einen deutlich kräftigeren Tritt in die Nieren. Im ursprünglichen Konzept arbeitete noch ein 1,1-Liter-Vierzylinder aus dem Fiat 128 mit ungefähr 50 PS – das hier ist also ein gravierendes Upgrade. Die Fahrleistungen sind schnell, ohne in hypercarhafte Brutalität abzugleiten: Von 0 auf 100 km/h geht es in 4,1 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei knapp 274 km/h.
In der Barchetta wäre es allerdings mutig, dauerhaft Vollgas zu fahren: Der Windabweiser dürfte gegen ein paar gezielt platzierte Steine kaum Schutz bieten. Insgesamt richtet sich das Auto ohnehin eher an Menschen, die das Fahren selbst und seine Sinneseindrücke schätzen, nicht an Ampelsprint-Enthusiasten. Das geringe Gewicht hilft dabei maßgeblich. Es ergibt sich vor allem aus den ausgesprochen kompakten Abmessungen sowie dem aus Aluminium-Strangpressprofilen gefertigten und verklebten Chassis.
Bertone Runabout: Chassis, Motor und Fahrwerk
Apropos Chassis: Wann ist ein Auto kein Auto? Wenn es ein Bertone ist. Die Daten des Unterbaus rufen förmlich nach Lotus. Und irgendwie trifft das auch zu – nur anders, als man zunächst vermuten würde. Das Chassis ist ein unbenutztes Bauteil eines Zulieferers, das Bertone angepasst hat. Der Motor stammt direkt von Toyota und erhält eine speziell entwickelte Abstimmung für Leistung, Ansaugung, Auspuffanlage und Einbauposition. Das Gesamtfahrzeug bekommt zudem eine neue Fahrzeug-Identifizierungsnummer.
Klar gesagt: Unter der Karosserie steckt reichlich Exige-Architektur, doch hier wurde kein bestehendes Auto genommen und neu eingekleidet. Dieser Wagen hat niemals als vollständiges Fahrzeug ein anderes Werk verlassen und ist deshalb kein Restomod. Wenn Bertone von Neo-Retro spricht, bezieht sich das folglich auf die stilistische Inspiration und nicht auf die Technik. Praktisch betrachtet ist das keineswegs schlecht: Niemand ist einen Exige gefahren und kam zu dem Schluss, er sei miserabel. Bertone wusste bei den Komponenten also ziemlich genau, worauf es sich einlässt. Die Basis ist bewährt und zuverlässig – was daraus entsteht, steht jedoch auf einem anderen Blatt.
Hinzu kommt das bekannte Doppelquerlenker-Fahrwerk mit dreifach verstellbaren Dämpfern und anpassbaren Stabilisatoren. Wer bereit ist, Zeit in ein wenig Feinarbeit zu investieren, kann den Runabout damit nahezu exakt auf die eigenen Vorstellungen abstimmen.
Neo-Retro-Design mit der DNA des Autobianchi A112 Runabout
Jetzt zum vermutlich besten Teil: dem Design. Der Runabout ist kein Auto, das einen optisch packt und kräftig durchschüttelt; seine Wirkung ist subtiler. Die Proportionen sind spannend. Wie bereits erwähnt, fällt er gegenüber den meisten modernen Autos relativ klein aus, wirkt stark nach vorn geneigt und betont diese Haltung mit einer zur Fahrzeugheckseite ansteigenden Sicke. Der schwarze untere Karosseriebereich verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Besonders interessant ist aber sein Verhältnis zum ursprünglichen Vorbild: Für sich allein betrachtet sieht er großartig aus, doch wer das Original kennt, bekommt das Bild in voller HD-Auflösung.
Erinnert er an einen Fiat X1/9? Das ist kein Zufall, denn der ursprüngliche Autobianchi Runabout diente genau diesem Modell als Inspiration. Der Neo-Runabout überträgt das Konzept in die Gegenwart. Seine Flächen sind zwar nicht ganz so filigran wie beim X1/9, doch er wirkt eher athletischer als bloß dicker.
Die extrem flache Front trägt eine Linie, die am dezenten Schnabel beginnt, die Fahrzeugflanke entlangläuft und bis zum Überrollbügel aus Stahl am Heck führt. Die Klappscheinwerfer mit ovalen Öffnungen sind klein und sauber integriert. Lüftungsöffnungen in der Motorhaube verhindern, dass die Front wie beim Konzept als glatte, leere Fläche erscheint. Geschmiedete 18-Zoll-Räder vorn und 19-Zoll-Räder hinten sorgen für einen stimmigen Stand. Für den wirklich authentischen Retro-Look könnte man sich allerdings einen Zoll kleinere Felgen mit mehr Reifenflanke wünschen. Die serienmäßigen Räder zitieren immerhin stilvolle Stahlfelgen und sehen daher hervorragend aus – zumindest in den Augen von TG.
Beachtenswert ist außerdem der Radius der vorderen Radhäuser, die weit in die Fahrzeugmitte hineinreichen. Die Räder sitzen dadurch perfekt gerahmt. Geht man in die Hocke und schaut entlang des Profils, taucht derselbe Radius am hinteren Radhaus erneut auf – genau wie beim Konzeptwagen.
Der vertikal konturierte untere Bereich der Flanke entspricht ebenfalls dem Vorbild. Die Außenspiegel sitzen auf Stützen oben an den Türen und sind vermutlich die einzigen Elemente, die etwas schwer wirken. Dahinter folgt die gedrungene, nach vorn drängende Anmutung, die durch das größere optische Gewicht am Heck entsteht. Dieses fällt über eine geschlitzte Motorabdeckung zu einer ausgeschnittenen Heckschürze ab, deren Form an einen Comic-Hundeknochen erinnert. Kleine runde Rückleuchten und vier Entlüftungsöffnungen am Heck runden das Bild ab. Es wirkt wie eine sorgfältig reduzierte Zusammenstellung aller starken Details des Konzeptautos. Dieser Wagen lebt von Feinheiten.
Barchetta und Targa: Innenraum des Bertone Runabout
Und innen? Hübsch, aber auf das Wesentliche reduziert. In die Barchetta gelangt man selbstverständlich leicht: Tür öffnen und einsteigen. Der Targa ist jedoch in Regionen mit tatsächlich schlechtem Wetter deutlich praktischer – und ebenfalls überzeugend gelöst. Zunächst lässt sich die Tür öffnen, anschließend schwingt die obere Klappe nach oben, was den Einstieg erleichtert. An sonnigen Tagen kann das Dachteil auch komplett abgenommen werden. Einen Stauraum dafür gibt es natürlich nicht, dennoch ist diese Ausführung weit über sonnige Ausflugsfahrten hinaus wesentlich besser nutzbar.
Die schmalen Ledersportsitze in Kontrastleder greifen das Original auf. Man sitzt tief und erreicht das gefräste Aluminiumlenkrad in guten Winkeln. Auf der Mittelkonsole befinden sich ebenfalls aus Aluminium gefräste Drehregler für Heizung und ähnliche Funktionen, davor sitzt ein kleines digitales Fahrerdisplay. Große Bildschirme oder KI-gestützte Denkprozesse sucht man dagegen vergeblich.
Eine charmante Referenz an das historische Auto ist der schwebende Kompass oben auf dem Armaturenbrett. Er verweist zugleich auf die Schnellboot-Inspiration aus der frühesten Phase des Projekts. Ein sehr analoges Navigationssystem. Auffallen dürfte außerdem etwas ausgesprochen Klassisches: Die Pedale sind deutlich nach rechts versetzt, weil es sich um ein Linkslenkerfahrzeug handelt. Daran wird man sich gewöhnen müssen. Davon abgesehen präsentiert sich der Innenraum aufgeräumt und praktisch, mit einigen gelungenen Details – genau so, wie man es erwarten würde.
Der Preis beginnt bei 390.000 €, was angesichts der Tarife vieler anderer exklusiver Kleinserienprodukte durchaus günstig wirkt. Bei nur 25 gebauten Fahrzeugen bringt der Runabout natürlich Sammlerpotenzial mit, und Bertone ist ein traditionsreiches Atelier. Zudem ist er deutlich eigenwilliger, charaktervoller und interessanter als Bertones anderes, gewissermaßen coachgebautes Auto, der GB110. Ein gewisser Spielraum bei der Konfiguration besteht ebenfalls: Verschiedene Streifen, ein matter oder glänzender unterer Karosseriebereich, unterschiedlich gefärbte Räder und Leder sowie Kombinationen passend zu jeder Außenfarbe stehen zur Wahl. Die Farbgebung prägt dieses Auto besonders stark – die grüne Barchetta als Showcar war jedenfalls ein echter Hingucker.
Die Bertone-Geschichte hinter dem Runabout
Gerade weil der moderne Runabout nicht einfach ein weiteres zufälliges Start-up-Produkt ist, besitzt er besonderen Reiz: Hinter ihm steht eine ernsthafte Geschichte. Hier die stark komprimierte Fassung: Bertone entstand 1912 als Industriedesign-Unternehmen, gegründet von Giovanni Bertone, und baute zunächst tatsächlich Pferdekutschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm sein Sohn Giuseppe „Nuccio“ Bertone und wurde im Grunde zum besten Talentscout der Automobildesignwelt. Giorgetto Giugiaro, Marcello Gandini und Franco Scaglione arbeiteten alle für Bertone. Entsprechend entstanden unter dem Dach des Unternehmens einige der berühmtesten Autos der Welt, auch wenn man sie meist stärker mit den Namen der Männer verbindet, die die Entwürfe zeichneten.
Gewünscht ist eine Liste großartiger Fahrzeuge? Lamborghini Miura und Espada – ebenso Urraco und Jarama, auch wenn diese weniger bekannt sind –, Lancia Stratos, Citroën BX, Alfa BAT, Giulia GT und Montreal sowie das Carabo-Konzept, Fiat Dino Coupé, verschiedene Iso Rivolta und der Grifo, Fiat X1/9, Maserati Khamsin und sogar der ausgesprochen coole Volvo 262C: Sie alle stammen von Bertone. Und die Liste ist erheblich länger – eine Suchmaschine hilft weiter.
Erst vor vergleichsweise kurzer Zeit kauften die Brüder Ricci, Mauro und Jean-Franck, die Marke und belebten sie 2022 mit dem Supersportwagen GB110 wieder. Der Runabout ist das zweite Kleinserienmodell in der Pipeline, weitere sollen folgen. Nun gilt es nur noch, einen Lieblingsentwurf von Bertone aus alter Schule auszuwählen und zu überlegen, welches Modell man gern wiederbelebt sähe – und auf welcher technischen Basis es stehen sollte.
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