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Volkswagen prüft China-Modelle für Europa

Blauer Volkswagen ID. ERA EU Elektroauto im Showroom mit großen Fensterflächen und weiteren Fahrzeugen im Hintergrund.

Jahrzehntelang verlief der Weg nur in eine Richtung: Volkswagen entwickelte seine Fahrzeuge in Deutschland und passte sie anschliessend für den chinesischen Markt an. Diese Strategie funktionierte 30 Jahre lang, genauer gesagt von 1993 bis 2023 – ein langer Zeitraum, in dem Volkswagen in China unangefochten Marktführer war.

Mit der abrupten, aber vorbereiteten Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der Automobilindustrie könnte Volkswagen nun jedoch einen zweiten Weg einschlagen. Die deutsche Marke prüft, Modelle mit Plattformen, Software und Entwicklungsprozessen „made in China“ nach Europa zu bringen.

Wie die deutsche Zeitung Handelsblatt berichtet, soll Volkswagen eine interne Untersuchung zur Machbarkeit dieser Strategie gestartet haben. Das deutsche Werk in Zwickau gilt dabei als einer möglichen Standorte für die Produktion einiger dieser Modelle. Bislang wird nur ein Fahrzeug konkret als Prüfungsfall genannt: der riesige Volkswagen ID. Era 9X. Doch es gibt weitere wahrscheinliche Kandidaten – und nicht alle sind reine Elektroautos.

Sollte dieser Plan umgesetzt werden, könnte dies das erste Zeichen dafür sein, dass das VCTC (Volkswagen Group China Technology Company) bereits mit voller Leistung arbeitet. Der 100.000 Quadratmeter grosse Komplex kann Fahrzeuge von A bis Z entwickeln, testen und validieren, ohne Wolfsburg einzubeziehen. Er ist vermutlich das sichtbarste Element des Programms „In China for China“, das sich nun in etwas wie „In China for Europe“ verwandeln könnte.

Volkswagen ID. Era 9X

Unter allen Volkswagen-Modellen in China ist dies der ernsthafteste, zugleich aber auch ungewöhnlichste Kandidat. Der ID. Era 9X ist ein von SAIC-Volkswagen entwickeltes sechssitziges SUV mit einer Länge von 5,21 m.

Statt ausschliesslich elektrisch anzutreiben, setzt er auf eine EREV-Architektur: Ein 1,5-Liter-Turbobenziner übernimmt im Wesentlichen die Rolle eines Stromerzeugers. Vorgesehen sind Ausführungen mit 496 PS und 510 PS sowie Batterien mit 51,1 kWh oder 65,2 kWh. Die elektrische Reichweite soll im CLTC-Zyklus, dem chinesischen Prüfzyklus, bis zu 406 km erreichen; die angegebene Gesamtreichweite liegt bei 1651 km.

Volkswagen ID. Era 5X

Dieses Modell wäre möglicherweise der chinesische Volkswagen, der sich am einfachsten in den europäischen Markt einfügen würde. Der ID. Era 5X ist ein elektrisches SUV mit fünf Sitzplätzen und 4,56 m Länge. Damit tritt er in einem der wichtigsten europäischen Segmente an.

Das SUV könnte eine elektrische Alternative zum in Portugal produzierten T-Roc darstellen. Es nutzt Volkswagens neue, für China entwickelte CMP-Plattform, kombiniert mit der gemeinsam mit Xpeng entwickelten Elektronikarchitektur CEA. Verbaut sind ein Elektromotor mit 208 PS und eine LFP-Batterie von CATL. Angaben zur Batteriekapazität und Reichweite liegen noch nicht vor.

Volkswagen ID. Era 5S

Ein Merkmal könnte dieses Modell für Europa besonders interessant machen: Es ist kein Elektroauto. Der ID. Era 5S ist eine Plug-in-Hybrid-Limousine mit 4,84 m Länge und damit etwas kürzer als ein ID.7. Auch hier arbeitet ein 1,5-Liter-Benzinmotor mit einem Elektromotor zusammen; die elektrische Reichweite wird mit 160 km nach CLTC-Zyklus angegeben.

Volkswagen nennt eine kombinierte Reichweite von mehr als 2000 km. Während chinesische Plug-in-Hybride in Europa bei den Verkaufszahlen führend sind, könnte ein in China entwickeltes, aber möglicherweise auf europäischem Boden produziertes Modell für den Konzern zu einer interessanten Option werden.

Volkswagen ID. Unyx 08

Der ID. Unyx 08 veranschaulicht die Partnerschaft von Volkswagen und Xpeng gut. Dieses elektrische SUV wird bereits in China verkauft, misst exakt fünf Meter und verfügt über eine 800-V-Elektroarchitektur sowie LFP-Batterien mit 82 kWh oder 95 kWh.

Erhältlich sind Varianten mit 308 PS und 496 PS; angekündigt werden bis zu 730 km Reichweite nach CLTC. Die grösste Hürde betrifft vor allem die Software und die Fahrerassistenzsysteme, die tief in das chinesische Technologie-Ökosystem eingebunden sind und an europäische Vorgaben angepasst werden müssten.

Volkswagen ID. Unyx 09

Der ID. Unyx 09 ist eine grosse elektrische Fastback-Limousine mit 5,08 m Länge, die Volkswagen Anhui ebenfalls gemeinsam mit Xpeng entwickelt hat. Anders als der ID. Unyx 08 ist er noch nicht auf dem Markt. Die technische Grundlage ist jedoch identisch.

Bedeutender als die technischen Zahlen ist der Entwicklungsprozess: Das Modell entstand in nur 24 Monaten, wobei von Anfang an chinesische Technologie, Zulieferer und Entwicklungsmethoden eingesetzt wurden.

Volkswagen ID. Aura T6

Der ID. Aura T6 ist ein weiteres ausschliesslich für China entwickeltes elektrisches SUV, diesmal von FAW-Volkswagen. Es ist 4,81 m lang, bietet fünf Sitzplätze und wird von einem Elektromotor mit 228 PS angetrieben. Zum Einsatz kommen die neue chinesische Elektronikarchitektur von Volkswagen (CMP) sowie fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme, die speziell für diesen Markt entwickelt wurden.

Für Europa erscheint er allerdings als weniger offensichtlicher Kandidat. Volkswagen hat bereits mehrere Elektro-SUVs ähnlicher Grösse im Angebot und müsste einen grossen Teil der Elektronik dieses Modells erst an europäische Vorschriften und Besonderheiten anpassen.

Marktführerschaft und ein Problem

Wichtig ist der Kontext, in dem Volkswagen dieses Szenario erwägt. Zunächst bleibt Volkswagen in Europa weiterhin Verkaufsführer. Die Nachfrage der Verbraucher nach Fahrzeugen des Konzerns sichert dem deutschen Riesen auf unserem Markt nach wie vor einen deutlichen Vorsprung.

Auch in China kämpft Volkswagen weiterhin um die Spitzenposition im weltweit grössten Markt. Tatsächlich verfolgt der Konzern einen Plan, bis 2030 wieder Marktführer in China zu werden, der bis Ende des Jahrzehnts die Einführung von 30 Modellen vorsieht.

Das Problem ist nicht die Zahl der verkauften Autos, sondern die Rentabilität des Geschäfts. Darin liegt die zentrale Schwierigkeit. Der Preiskrieg in China zwingt die Hersteller zu Gewinnmargen, welche die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Geschäfts mittel- bis langfristig infrage stellen. Stella Li, Vizepräsidentin von BYD, verwendete dafür sogar den Ausdruck „Blutbad“.

Dieser Faktor setzt zusammen mit der Abschwächung der chinesischen Wirtschaft alle Marken massiv unter Druck, insbesondere die deutschen Hersteller, die diesem Markt stark ausgesetzt sind. Schätzungen zufolge könnte der chinesische Markt das Jahr 2026 mit fünf Millionen weniger verkauften Autos abschliessen. Das entspräche einem Rückgang von rund 18%.

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