Der elektrische Mercedes CLA Shooting Brake ist im Alltag so unkompliziert, dass seine Hybridvariante beinahe überflüssig wirkt. Er hat alles, was es braucht – allen voran eine Reichweite, die selbst auf der Autobahn kaum schrumpft. Wieder einmal hat er mich verblüfft …
Es klingt zwar banal, doch die Reichweite eines Elektroautos stellt für viele weiterhin eine mentale Hürde dar. Eine grosse Reserve vermittelt nun einmal Sicherheit. Mit dem neuen CLA Shooting Brake setzt Mercedes hier ein deutliches Zeichen. Dieser Elektro-Kombi kommt sehr weit, ohne dabei zu mogeln: Seine 85-kWh-Batterie bleibt gemessen an der möglichen Reichweite vergleichsweise moderat dimensioniert.
Auf der Autobahn bei 130 km/h: das klare Verbrauchsurteil
Die versprochenen 768 km pro Ladung machen den Entwicklungsaufwand greifbar. Die deutsche Marke hat im Windkanal offensichtlich gründlich gearbeitet, um jeden zusätzlichen Kilometer herauszuholen. Auf der A63 in Richtung Spanien bin ich deshalb überhaupt nicht besorgt. Bei 130 km/h ist der Verbrauch schlicht absurd niedrig: 18 kWh/100 km – fast, als wäre ein Fehler in der Berechnung. Bei diesem Tempo wären beinahe 500 km Reichweite denkbar.
Neben der besonders ausgefeilten Aerodynamik profitiert der Deutsche von seinem Zweigang-Getriebe: Der zweite Gang wird ab 110 km/h eingelegt, senkt die Motordrehzahl und damit auch den Energiebedarf. Damit ist alles erklärt. Der Blick wandert deutlich häufiger zum Tacho als zur Batteriestandsanzeige. Die gute Geräuschdämmung verschleiert das Tempo zusätzlich, während die 272 PS das Fahrzeug mühelos vorantreiben.
Königlicher Komfort und die Falle beim Schnellladen
Übertreiben sollte man es also nicht. Auf Schnellstrassen vermittelt das Auto eine sehr angenehme Mischung aus Leichtigkeit und Stabilität. Bei diesem Tempo arbeitet die Federung erfreulich nachgiebig und hebt den Komfort weiter an. Kurz gesagt: Es ist schwer, ihn aus der Ruhe zu bringen. Allenfalls die Totwinkelüberwachung fällt negativ auf, weil sie zu oft piept, wenn der Blinker etwas zu früh gesetzt wird. Doch das ist hier der einzige wirkliche Kritikpunkt – und eine Kleinigkeit.
Natürlich reizte eine Schnellladepause. Da ich den CLA als Limousine bereits gefahren bin, war klar, dass dies ebenso erfreulich ausfallen würde: Mit 800-Volt-Architektur, leistungsfähiger Vorkonditionierung und bis zu 320 kW Spitzenleistung – was sollte da schon schiefgehen? Eigentlich nur die Wahl der Ladesäule: Ohne den optionalen 400-Volt-Wandler ist das Auto ausschliesslich mit 800-Volt-Ladesäulen kompatibel.
Schnellladen: schlicht beeindruckende Effizienz
An Tesla-Superchargern dürfte es daher ziemlich zäh werden. Auf dem Rastplatz Labenne habe ich folglich eine Ionity-Säule gefunden. Angesteckt, und trotz noch vorhandener 66 % Batterieladung geht es sofort zur Sache: 164 kW sind bei diesem Ladestand hervorragend. Im normalen Betrieb gibt Mercedes für den Sprung von 10 auf 80 % 22 Minuten an. Leider werden wir die Batterie aus den zuvor genannten Gründen nie vollständig leerfahren können …
Es sei denn, man fährt mit der Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h, um die Kilowattstunden zu verbrauchen … dann allerdings auf der Autobahn und mit der Version 350 4Matic, die noch stärkere Zwischenspurts erlaubt. Mein 250+ ist dagegen in erster Linie ein Langstreckenläufer – und genau das gefällt mir! Also überquere ich die spanische Grenze und fahre über Akartegi wieder zur Atlantikküste hinauf. Die Strecke wird schmaler, landschaftlich reizvoller und kurviger. Auch das macht Spass.
Am Steuer: sehr angenehm, trotz zu leichter Lenkung
Zumal der CLA Shooting Brake kein massiger SUV ist, sondern ein ausgesprochen schlanker Kombi. In Kurven macht das einen echten Unterschied. Das Auto lenkt williger ein und bleibt dabei in einer recht stabilen Lage. Natürlich liegt sein Schwerpunkt nicht besonders hoch, was ebenfalls zu seinen Vorzügen zählt. Dadurch lässt er sich angenehm fahren, und das Pedalgefühl der Bremse ist nicht so unerquicklich wie bei vielen Konkurrenten.
Die Lenkung bleibt allerdings selbst im Sportmodus zu stark unterstützt. Den Fahrbahnbelag korrekt zu lesen, wird dadurch schwieriger – besonders nachdem es in den vergangenen Stunden kräftig geregnet hat. Auf nasser Fahrbahn bin ich daher entsprechend vorsichtig. Dann liegt eine wunderschöne Küstenstrasse vor mir: die perfekte Gelegenheit für Fotos des Fahrzeugs. Dabei wird eines deutlich: Der CLA Shooting Brake sieht gut aus, besonders von hinten.
Riesige Bildschirme und weiterhin etwas zu viel Touch-Bedienung
Gegenüber der Limousine gibt es keinen Rucksack-Effekt. Die Front bleibt ebenso gestreckt, die Seitenansicht genauso fliessend. Im Innenraum sorgt der optionale Superscreen mit drei hochwertigen Displays für einen starken Auftritt. Das MBUX-Infotainmentsystem reagiert schnell und bietet eine Vielzahl an Funktionen. Insgesamt ist die Verarbeitung solide, auch wenn in den unteren Bereichen preiswertere Materialien eingesetzt werden.
Die Ergonomie ist zwar weiterhin nicht vorbildlich, hat sich aber leicht verbessert. Mercedes hat die Touch-Schieberegler am Lenkrad durch praktischere physische Rändelräder ersetzt. Dennoch werden viele wichtige Funktionen über den Touchscreen bedient, etwa die Einstellung der Lüftung oder das Abschalten störender Fahrassistenzsysteme. Der Schalter „Rear“ zum Umschalten auf die hinteren Fenster ist keine gute Lösung.
Alltagstauglichkeit: wenig Ablagen, dafür ein guter vorderer Kofferraum
In der zweiten Reihe ist das Platzangebot ordentlich, auch wenn die Sitzflächen die Oberschenkel nicht ausreichend abstützen. Dafür ist der Boden eben, was dem mittleren Passagier umständliche Verrenkungen erspart. Die Ablagemöglichkeiten fallen knapp aus, doch zum hinteren Kofferraum mit 455 Litern kommt ein vorderes Fach mit 101 Litern hinzu. Bei der Alltagstauglichkeit reicht das, auch wenn der CLA Shooting Brake nicht gerade der ideale Umzugshelfer ist.
Ich fahre weiter und bin nach rund zehn Kilometern durch eine beinahe schottisch anmutende Landschaft kurz davor, mich zu verfahren: Geradeaus geht es nach San Sebastián, am Kreisverkehr muss ich jedoch links abbiegen, um nach Frankreich zurückzukehren. Trotzdem endet die Fahrt in der Stadt, genauer gesagt in Errenteria für Kenner. Dort zeigt der Deutsche auf Bodenschwellen eine straffere Dämpfung, zudem ist die Übersicht nicht tadellos – vor allem nach hinten.
Preis: für einen Mercedes angemessen
Die 4,73 m Länge und 1,86 m Breite verlangen daher Aufmerksamkeit. Der One-Pedal-Modus erleichtert im Gegenzug das Fahren in der Stadt. Noch besser: Über die Lenkradwippen lassen sich mehrere Rekuperationsstufen auswählen. Dadurch fällt der Verbrauch auf 11,5 kWh/100 km. Die Preise sind dagegen relativ hoch. Der Einstiegspreis liegt bei 49.450 €, während unsere Version 250+ AMG Line auf 60.500 € kommt.
Dazu gehören unter anderem ein spezielles Karosseriepaket, das Panoramadach, 18-Zoll-Felgen, der beleuchtete Kühlergrill, LED-Scheinwerfer, schlüsselloser Zugang und Start, die Wärmepumpe, Navigation mit Routenplaner, beheizbare Vordersitze, Rückfahrkamera und Tempomat. Die Ausstattung ist durchaus umfangreich, auch wenn zahlreiche Optionen bleiben und einige davon nur per Abonnement erhältlich sind.
Mein Urteil zum neuen Mercedes CLA Shooting Brake
Das kurze und vorhersehbare Fazit am Flughafen Biarritz: Wie die Limousine überwindet auch der CLA Shooting Brake dank seines winzigen Verbrauchs die Reichweitensorge. Sein ultraschnelles Laden beseitigt die letzten Zweifel, während der Kofferraum besser zugänglich ist, auch wenn er weiterhin nicht zu den geräumigsten zählt. Auch das Fahrverhalten überzeugt: weder zu straff noch zu weich. Kurzum: Ich steige mit einem breiten Grinsen aus.
Mercedes CLA 250+ Shooting Brake AMG Line
60.500 €
Urteil
9.0/10
Was uns gefällt
- Die beeindruckende Reichweite
- Der extrem niedrige Verbrauch
- Das hervorragende Schnellladen
- Das angenehme Fahrverhalten
Was uns weniger gefällt
- Die begrenzten Ablagen
- Die Sitzposition auf den hinteren Plätzen
- Die Optionen im Abonnement
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