Genesis kennen Sie vermutlich nicht. Nach einer 600-km-Fahrt von Paris nach Grenoble dürfte sich das ändern. Mein Bericht über die leise Reise in der elektrischen Limousine G80 – mit Enttäuschungen und positiven Überraschungen.
Um 14 Uhr beginnt das Abenteuer in La Garenne-Colombes nordwestlich von Paris. Bei 35 °C ist es erwartungsgemäß brütend heiß. Gleich folgt der erste Patzer: Die Genesis G80, die geduldig in der Tiefgarage wartet, hat nur noch 37 % Akkuladung. Für die 600 km zwischen Paris und Grenoble ist das unerquicklich. Nach einem Ladestopp und knapp einer verlorenen Stunde steht die Limousine mit 80 % bereit – ich selbst bin auf ihre Dimensionen allerdings noch nicht vorbereitet.
Ich sehe mein Auto gern in den Spiegelungen von Schaufenstern, doch hier wirkt der Anblick etwas einschüchternd. Das ebenso elegante wie schlanke Fahrzeug ist ausgesprochen lang: Mit 5,14 Metern Länge und 1,93 Metern Breite ist es ein stattliches Schiff! Gut, dass die für 1.250 € erhältliche Allradlenkung das Manövrieren in der Stadt erleichtert. Vorbei an La Défense erreiche ich anschließend den erwartungsgemäß überfüllten Boulevard périphérique.
Am Steuer des elektrischen Flaggschiffs: Nervenkitzel im Pariser Stau
Ein erster Vorteil: Die G80 fährt ausgesprochen entspannt. Ihre Dämmung überzeugt selbst in Tunneln, in denen die Verkehrsgeräusche üblicherweise nachhallen. Völlig stressfrei? Fast. Die Breite verlangt Aufmerksamkeit, denn zwischen den Fahrspuren fahrende Zweiräder kommen den Außenspiegeln bedrohlich nahe. Nach gut einer Stunde im zähfließenden Verkehr erreiche ich die Mautstation Fleury-en-Bière, wo die eigentliche Autobahn A6 beginnt.
Sobald sich die Schranke öffnet, trete ich durch: Die beiden Elektromotoren mit zusammen 370 PS erledigen ihre Aufgabe souverän. Der Sprint von 0 auf 100 km/h soll 5,1 Sekunden dauern, doch mehr Freude bereitet mir die Gewichtsverlagerung, durch die sich das Fahrzeug beim Beschleunigen aufbäumt. Die gleichmäßige Kraftentfaltung bringt die Limousine sehr sanft auf 130 km/h. Die Dämpfung ist hervorragend, obwohl keine Luftfederung, sondern lediglich ein adaptives Fahrwerk verbaut ist.
Im gedämpften Innenraum der Genesis G80: Erste Kilometer auf der A6 zwischen Komfort und Zweifeln
Im Komfortmodus zeigen sich die Vorteile deutlich: An den Fahrbahnübergängen bei Fontainebleau schluckt die G80 Unebenheiten gekonnt. Auch die Ruhe bleibt beeindruckend, denn die G80 verfügt über ein besonders wirksames aktives Geräuschunterdrückungssystem. Wind- und Abrollgeräusche werden gleichermaßen sehr effektiv gedämpft. Doch wie steht es um die für eine lange Elektroreise entscheidende Reichweite?
Kein Grund zur Hektik. Mit ihrem 94,5-kWh-Akku verspricht die Koreanerin nach WLTP maximal 570 km Reichweite. Unter diesen Bedingungen sagen solche Werte jedoch wenig aus. Die Realität findet jetzt statt: bei voller Autobahngeschwindigkeit und auf sorgfältig eingestellte 22 °C geregelter Klimaanlage. Der Verbrauch liegt bei 24 kWh/100 km, was angesichts der Abmessungen des Genesis ordentlich ist. Voll geladen lassen die Berechnungen damit knapp 400 km zu.
Zwischen Ernüchterung und königlichem Komfort: Meine Messmethode für die erste Pause
Beschränkt man sich auf den Bereich zwischen 10 und 80 %, sinkt die nutzbare Reichweite auf 280 km. Das genügt, ist aber weit von einem Bestwert entfernt. Der aktuelle Mercedes EQS? Er kommt theoretisch auf 925 km und schafft auf Schnellstraßen problemlos mehr als 500 km in der Praxis. Allerdings kann der Preis durchaus nachdenklich machen. Darauf komme ich noch zurück. Zunächst steht an der Raststätte La Réserve ein technischer Halt an – nicht für den Genesis, sondern für mich. Es ist inzwischen 17 Uhr.
Also nutze ich die Gelegenheit zum Laden an einer Ionity-Säule. Weil noch mehr als die Hälfte der Akkuladung vorhanden ist, wird dieser Ladevorgang die Fähigkeiten des Fahrzeugs kaum realistisch abbilden. Deshalb lautet mein Plan: nur so viel Energie nachladen, dass ich die nächste Raststätte mit wenig Restladung erreiche und dort die tatsächliche Ladeleistung prüfen kann. Der entscheidende Test findet daher an der Raststätte Mâcon Saint-Albain nördlich von Mâcon statt.
Langstrecke: Wie Massagesitze die Fahrt zur Erholungskur machen
252 km beziehungsweise zwei Stunden Fahrt liegen vor mir. Da der teilautomatisierte Fahrassistent zuverlässig mitarbeitet und die Massagesitze Rücken und Gesäß bearbeiten, bleibt Zeit für einen genaueren Blick auf den Innenraum. Die Verarbeitungsqualität ist ausgezeichnet, grobe Materialien finden sich kaum. Das durchgängige Blau ist dagegen Geschmackssache, und der Gestaltung fehlt es etwas an Eigenständigkeit. Es erinnert an das generische Cockpit einer großen amerikanischen Luxuslimousine.
Ein durchgehendes 27-Zoll-OLED-Display ist der einzige wirklich moderne Akzent an Bord dieses Genesis. Die Grafik wirkt nämlich etwas überholt, während die Mittelkonsole voller Sensortasten steckt. Für die Ergonomie ist das ein Vorteil, auch wenn nicht immer klar erkennbar ist, ob eine Berührung tatsächlich registriert wurde. Der kristallartig gestaltete Drehregler des Wählhebels macht optisch etwas her. Die Fahrassistenten lassen sich allerdings nur schwer deaktivieren.
Kalte Dusche an der Raststätte Mâcon: Enttäuschung über das Schnellladen
Auch von außen fällt das Auto auf, wie die anhaltenden Blicke einiger anderer Autofahrer zeigen. Kurz nach 20 Uhr erreiche ich die Raststätte Mâcon Saint-Albain mit 14 % Akkuladung. Bei den aktuellen Temperaturen ist die automatische Vorkonditionierung überflüssig. Nun folgt der Moment der Wahrheit: Die Genesis G80 nutzt eine moderne 800-V-Architektur, ist beim Gleichstromladen jedoch seltsamerweise auf 250 kW begrenzt.
Nachdem ich das Auto über den ungünstig platzierten Ladeanschluss an der Front eines so langen Fahrzeugs angeschlossen habe, sollen die Kilowatt steigen. Trommelwirbel – und dann die Ernüchterung: Zu Ladebeginn kommt das Auto nicht über 186 kW hinaus, bevor die Leistung schrittweise weiter sinkt. Die Ionity-Säule war nicht defekt, und die an diesem Tag geringe Auslastung der Station kann diese bescheidene Leistung ebenfalls nicht erklären.
Luxus ohne die überzogenen deutschen Preise: Gedanken bei Nachtfahrt
Bei einem Oberklassemodell hatte ich eine gewisse Dynamik beim Laden erwartet – sie blieb aus. Genesis gibt üblicherweise 25 Minuten für den Ladevorgang von 10 auf 80 % an. Ich benötigte mehr als eine halbe Stunde bis 80 %. Genug Zeit, um die wirklich sorgfältig gestalteten Rücksitze genauer anzusehen. Die Sitzflächen sind großzügig, und der Beinraum lässt keine Diskussion aufkommen. Selbst ohne Executive-Paket sitzt man ausgesprochen bequem.
Mit Komfortausstattungen wie Beinauflage, elektrisch betätigten Türen oder Sonnenschutzrollos weckt dieses Paket Begehrlichkeiten. Es kostet allerdings stattliche 9.230 €. Dafür bleibt das Angebot übersichtlich: eine einzige Ausstattung, ein Antrieb und nur drei Optionen. Das unterscheidet sich von den deutschen Konkurrenten, während der Einstiegspreis in dieser Klasse zudem günstiger ausfällt. Für 82.000 € ist die elektrische G80 bereits umfassend ausgestattet.
Ausstattung ohne Aufpreis: keine Tricks und keine Abonnements!
Dieser Gedanke kommt mir, nachdem mich ein Audi A8 auf der linken Spur überholt hat. Die koreanische Limousine konzentriert sich auf das Wesentliche: Lederausstattung, 19-Zoll-Felgen, Head-up-Display, Wärmepumpe, Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Smartphone-Schlüssel, Bang-&-Olufsen-Soundsystem mit 17 Lautsprechern sowie 360°-Kamera sind vorhanden. In dieser stillen Blase bleibt reichlich Zeit zum Nachdenken.
Ich wiederhole mich, aber auch hinter Lyon überrascht mich die allgemeine Ruhe weiterhin. Neben der aktiven Geräuschunterdrückung tragen mehrere Faktoren dazu bei: Akustik-Doppelverglasung vorn und hinten, spezielle Reifen, verstärkte Radkästen und zur Verringerung von Pfeifgeräuschen abgestimmte Elektromotoren. Vorsicht: Da kann man schnell müde werden. Zum Glück bleibt keine Zeit für ein Nickerchen, denn Grenoble ist bereits erreicht. Es ist 21:30 Uhr.
Ankunft in Grenoble nach 600 km: Mein schonungsloses Urteil über diese ungewöhnliche Limousine
Was bleibt nach dieser Fahrt von der Genesis G80? Sie vereint vieles, was die Luxusautos vergangener Tage auszeichnete: hohen Komfort, gute Verarbeitung und eine attraktive Erscheinung. Technisch ist sie allerdings etwas grenzwertig. Weder Reichweite noch Fahrleistungen überraschen. Die größte Enttäuschung ist das für ein Flaggschiff eher schwache Laden. Auch der Kofferraum mit nur 354 Litern verdient eine gelbe Karte, selbst wenn dieses Kriterium bei einem solchen Fahrzeug nicht entscheidend ist. Sie wäre also nicht meine erste Wahl, aber eine gute Wahl für alle, die bewusst etwas Außergewöhnliches fahren möchten.
Genesis Electrified G80 Luxury
82.000 €
Urteil
7.0/10
Das gefällt uns
- Die sorgfältige Verarbeitungsqualität
- Der insgesamt hohe Komfort
- Die umfangreiche Serienausstattung
- Der attraktive Preis
Das gefällt uns weniger
- Das enttäuschende Schnellladen
- Die für ein Oberklassemodell etwas knappe Reichweite
- Das verbesserungswürdige Infotainment
- Das noch aufzubauende Markenimage
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