Warum hat Aston Martin einen Vantage „S“ gebaut?
Der eigentliche Grund lautet: „weil die Branche für schnelle Autos eben so funktioniert“.
Das Szenario: Ein Hersteller bringt ein neues Auto auf den Markt und verkündet lautstark, es sei das Beste, was er überhaupt bauen könne. 18 Monate später folgt dann eine überarbeitete, geschärfte und verbesserte Variante. Jetzt ist dieses Modell dasjenige, das man haben muss. Zeit zum Aufrüsten.
Der unangefochtene Goldstandard dieser Methode ist natürlich Porsche. Erst kommt ein 911 als Carrera und Carrera S, dann wird ein GTS nachgereicht, gerade wenn er aus dem Kurzzeitgedächtnis zu verschwinden droht. Dazu gesellen sich GT3, Dakar und Carrera T. Ein Turbo S und ein Touring. Plötzlich ist aus einem Nischenmodell eine komplette Modellfamilie geworden, die bei jeder Variante den Wunsch auslöst: Ich will genau den.
Deshalb verkauft Mercedes AMG GTs mit Vierzylinder, V8 und Hybridantrieb. Deshalb gibt es normale Ferraris, dann Ferraris mit Assetto-Fiorano-Paket und anschliessend Ferrari Speciales. Wer diesen Prozess beherrscht, hat stets Kunden, die an die Werkstürtrommeln. Wer ihn nicht beherrscht, ist vermutlich McLaren.
Beherrscht Aston Martin dieses Spiel?
Traditionell gesehen: nein. Aston Martin stellt ein Auto vor und lässt es anschliessend einfach im Programm. Mit etwas Glück kommt eine „S“-Version mit mehr Leistung und ein paar Anpassungen hinzu, doch Astons Vorgehen fällt normalerweise zurückhaltender aus als bei der Konkurrenz.
Ist diesmal wieder dasselbe passiert?
Zunächst wirkt es so. Der wunderschöne Vantage S erhält einen neuen Frontsplitter, eine Ducktail-Kante am Heck und Seitenschweller, die optional aus glänzendem Carbon gefertigt sind; darüber lassen sich auf Wunsch zusätzliche Dekore anbringen. Vorsicht: Einige Konfigurationsmöglichkeiten sind geradezu augenschädigend geschmacklos.
Die sichtbaren Anbauteile liefern 40kg Abtrieb. Unsichtbare Änderungen am Unterboden sollen weitere 111kg erzeugen. Schön und gut – allerdings muss man dafür die Höchstgeschwindigkeit von 202mph fahren …
Gibt es mehr Leistung?
Ja, doch die Leistung sollte man ignorieren. Ernsthaft. Ich weiss, 671bhp in einem Auto ungefähr in der Grösse eines BMW M2 lassen sich kaum ausblenden. Das ist, als würde man am Schwimmbad seinen Spind öffnen und darin einen weissen Hai vorfinden.
Trotzdem sollte die absurde Leistung nicht ablenken: Sie ist lediglich um 15bhp gestiegen, während das Drehmoment unverändert bei 590lb ft liegt. Der S erreicht dieselbe Höchstgeschwindigkeit wie ein gewöhnlicher Vantage, und weil die gesamte Wucht über die Hinterreifen auf die Strasse muss, ist er beim Sprint von 0 auf 62mph nur 0.1s schneller.
Wie gesagt: Leistung ignorieren.
Wenn Leistung kaum zählt und die Karosserie erst bei Gefängnistempo relevant wird – worum geht es dann?
Man muss gezielt danach suchen. Dieses Auto offenbart seine Qualitäten nach und nach. Doch inzwischen ist es ein fabelhaft vollständiges Gesamtpaket. Denken Sie nicht an einen Vantage „S“. Das ist der Vantage „Fertig“.
Als wir diese Generation des „kleinen“ Aston mit breiterer Spur, entfesselter Leistung und dramatisch aufgewertetem Innenraum erstmals fuhren, hatte sie noch einige Eigenheiten. Auf anspruchsvollen Strecken verlor das Auto an Karosseriekontrolle, und seine Hinterreifen gaben nach, wenn sich das Fahrwerk protestierend aufbäumte.
Die Lenkung hatte zwar ein sattes Gewicht, doch ihr fehlten jene Klarheit und Präzision, die man von einer derart brutalen Maschine erwartet. Und das Getriebe konnte den überlegenen Doppelkupplungs-Schaltgetrieben mit Paddles von Ferrari oder Porsche schlicht nicht das Wasser reichen.
Ist jetzt alles behoben?
Grösstenteils. Perfekt ist er nicht, doch das muss aus Gründen, auf die wir noch zurückkommen, nicht entscheidend sein. Zunächst aber zu den Verbesserungen.
Aston Martin räumt stillschweigend ein, dass der normale Vantage nicht die Souveränität ausstrahlt, die man von einem so muskulösen kleinen Hot Rod erwarten würde. Deshalb wurden die Bilstein-Dämpfer mit neuer Software neu abgestimmt. Anschliessend holte man das Geometrie-Set hervor.
Sturz, Nachlauf und Spur wurden komplett neu überdacht. Auf den stärker gewölbten und ausgefahrenen Strassen Grossbritanniens spürt man, wie der Vantage begierig Lkw-Spurrillen und Fahrbahnmarkierungen aufnimmt. Gleichzeitig wirkt die Lenkung weniger gefühllos, und man traut sich, den S richtig zu fordern, ohne befürchten zu müssen, dass er einen dazu bringt, spontan neue Schimpfwörter zu erfinden.
Haben sie es dabei belassen?
Nein. Das Achtganggetriebe, das zur besseren Gewichtsverteilung des Vantage mit seinem Leergewicht von 1,745kg hinten sitzt, ist nun an etwas weicheren Lagern befestigt. Klingt seltsam, doch diese zusätzliche Beweglichkeit soll die Auswirkungen ausgleichen, die sich daraus ergeben, dass der hintere Hilfsrahmen jetzt direkt mit der Aluminiumkarosserie verschraubt ist, statt über Gummibuchsen befestigt zu werden. Es geht eben um Geben und Nehmen.
Man könnte vermuten, ein „S“-Modell werde einfach härter, straffer, wütender und anstrengender sein … doch dieser Vantage hat gelernt, seine Superkräfte zu zähmen
Aston sagt: „Die Steifigkeit der hinteren Federunterstützung wurde reduziert, um Druck- und Zugstufe auszubalancieren und den Fahrkomfort bei niedrigen Geschwindigkeiten zu verbessern.“ Und damit hat die Marke recht. Man könnte vermuten, ein „S“-Modell werde schlicht härter, straffer, wütender und ermüdender sein, wie Daft Punk einst sang. Vielleicht.
Doch genau das ist er nicht. Dieser Vantage hat gelernt, seine Superkräfte zu bändigen und sinnvoll einzusetzen.
Das klingt alles ziemlich nerdig …
Ist es auch. In der Kneipe spricht niemand über den neuen Sturz oder die Getriebelager seines Aston Martin. Dort erzählt man lieber, dass er mehr Leistung als ein Ferrari Enzo hat. Doch der Vantage S ist ein ausgesprochen kluges Auto, weil er aus dieser ganzen Kraft etwas Sinnvolles macht. Das Ergebnis ist eine enorm unterhaltsame Maschine, die man geniessen sollte.
Wieso?
Denn die eingangs erwähnten Modellhierarchien von Porsche, AMG und Ferrari nutzen fast immer irgendein raffiniertes Allradsystem, Hybrid-Schub oder Elektro-Turbolader. Der Vantage hat davon … nichts. Für einen neuen Sportwagen im Jahr 2026 ist er erstaunlich einfach gestrickt.
Vorn arbeitet ein donnernder V8, angetrieben wird die Hinterachse, und die Balance ist so freundlich, dass man sich voll und ganz dazu ermächtigt fühlt, mit der achtstufigen Traktionskontrolle zu spielen. Selbst diese Bedienung ist unkompliziert. ESP-off gedrückt halten, dann den Ring um den teuren gläsernen Startknopf drehen und auswählen, wann der Schutzengel eingreifen soll. Auch sein Eingreifen erfolgt dezent – entscheidend für die Pflege des Egos.
Was muss Aston Martin noch verbessern?
Einige Ärgernisse bleiben, hauptsächlich im Innenraum des Vantage. Nach vorn ist die Sicht nicht so gut wie in einem Ferrari Amalfi oder Porsche 911: Die Motorhaubenlinie liegt zu hoch, und es fehlen Karosseriedetails, die beim Platzieren der Fahrzeugnase helfen.
Hinter einem sind die Hüften schlicht zu breit, um das Auto auf einer Landstrasse zu geniessen, ohne die reflektierenden Fahrbahnmarkierungen mitzunehmen oder den Lack an nahe stehenden Brombeersträuchern abzuschaben.
Zudem wirkt Astons hauseigener Touchscreen bereits überholt: Die Untermenüs sind fummelig, die Reaktionen träge und die Beleuchtung der Mittelkonsole ist zu schwach. Stellen Sie sich die Situation vor: Es ist ein sonniger Tag. Sie denken: „Nehmen wir doch den Aston.“ Aber Sie können nicht erkennen, ob der manuelle Modus aktiv ist oder welche Einstellung für Auspuff und Fahrwerk gewählt wurde.
Über die wenig intuitiven Lenkradtasten oder die billigen Instrumente könnten wir ebenfalls klagen, tun es aber nicht.
Der Vantage S ist grossartig … er ist packend und charaktervoll, aber zugleich involvierender als seine Rivalen
Denn insgesamt ist der Vantage S grossartig. Er wirkt stimmig und ausgereift – wirklich fertig. Er ist packend und charaktervoll, bindet seinen Fahrer aber stärker ein als seine Konkurrenten. Mit einem Preis von rund £170,000 vor Optionen ist er zudem günstiger als sämtliche standesgemässen Rivalen.
Er fühlt sich durch und durch modern an und ist doch irgendwie ein Rückblick. Ja, der Valhalla-Hypercar wird 2026 mehr Schlagzeilen machen, aber dieser S ist Astons bester Sportwagen seit Generationen.
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