Decathlon und die Performance-Marke Van Rysel präsentieren mit dem FTP² eine Studie, die das E-Bike-Konzept grundlegend weiterdenkt. Statt eines auf 25 km/h begrenzten Alltags-Pedelecs steht ein Hochgeschwindigkeitsprojekt im Fokus, das bis zu 150 km/h erreichen soll – kontrolliert, aber kompromisslos. Doch was steckt hinter der Idee, für wen ist sie gedacht und welche Technologien könnten später in gewöhnliche Fahrräder wandern?
Ein Forschungsrad, das bewusst jede Grenze überschreitet
Van Rysel FTP² lautet der Name des Projekts, das ausdrücklich nicht als Serienmodell vorgesehen ist. Weder Preis noch Marktstart oder Straßenzulassung sind geplant. Vielmehr handelt es sich um ein rollendes Technologielabor, das im Januar 2026 auf der Messe VeloFollies vorgestellt wurde.
Die Idee: Die Dauerleistung eines Hobbysportlers elektrisch verdoppeln – also ihn für eine Stunde buchstäblich zu einem anderen Athleten machen.
Im Radsport bezeichnet FTP „Functional Threshold Power“: die höchste Leistung, die ein Fahrer ungefähr eine Stunde lang konstant erbringen kann. FTP² soll genau diesen Wert verdoppeln. Die Van-Rysel-Ingenieure wollten erproben, was ein „aufgerüsteter“ Mensch leisten könnte, wenn ihn die Technik konsequent unterstützt.
Projektleiter Wim Van Hoecke versteht das Fahrrad als bewusstes Brechen etablierter Regeln. Es geht nicht lediglich um einen Motor im Rahmen, sondern um ein vollständig entwickeltes Zusammenspiel aus Antrieb, Aerodynamik, Fahrwerk, Bekleidung und selbst den Schuhen. Entstehen soll ein Highspeed-Ökosystem und nicht nur ein besonders schnelles Fahrrad.
Brutaler Antrieb: Mahle-Motor mit bis zu 850 Watt
Den Kern des FTP² bildet ein eigens entwickelter Mahle-M40-Motor. Gegenüber herkömmlichen Pedelecs, die im Alltag mit 250 Watt Nenndauerleistung arbeiten und bei 25 km/h elektronisch abgeregelt werden, spielt dieses Antriebssystem in einer vollkommen anderen Klasse.
- Leistungsspitze: bis zu 850 Watt
- Drehmoment: 105 Nm
- Batterie: 580 Wh im Unterrohr integriert
- Kühlung: Kühlrippen am Akku gegen Überhitzung
Bis 25 km/h folgt der Prototyp den bekannten Vorgaben. Oberhalb dieser Geschwindigkeit endet jedoch die Begrenzung. Auf flacher Strecke nennen die Entwickler 70 bis 80 km/h als mögliche Werte. Bei langen Abfahrten sollen theoretisch die ominösen 150 km/h erreichbar sein – vorausgesetzt, der Fahrer kann mental und körperlich noch mithalten.
Eine speziell programmierte Steuerung soll verhindern, dass Motor oder Batterie zu stark belastet werden. Die Software verteilt die verfügbare Energie so, dass der Motor maximale Hilfe leistet, ohne zu überhitzen. Im Grundsatz ähnelt das Konzept eher einem kleinen Rennmotorrad als einem City-Pedelec – mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Beine weiterhin mitarbeiten müssen.
Hightech-Cockpit: eher Rennwagen als Fahrrad
Auch der Arbeitsplatz des Fahrers passt zur extremen Motorisierung. Abgesehen vom Lenker erinnert das Cockpit kaum noch an ein klassisches Rennrad.
In die Vorbau-Einheit ist ein Hammerhead-Display integriert, das sämtliche zentrale Informationen zusammenführt: Geschwindigkeit, Leistung, Akkustand, Motormodus und Schaltstufe. Der Fahrer muss die Hände dafür nicht vom Lenker nehmen, was bei Geschwindigkeiten oberhalb von 70 km/h eine Frage des Überlebens sein kann.
Über das Cockpit können mehrere Funktionen gesteuert werden:
- die elektronische Schaltung SRAM Red AXS
- die Unterstützungsstufen des Mahle-Motors
- das elektrische Schnürsystem der Spezialschuhe
Gerade die letzte Funktion wirkt beinahe wie Science-Fiction: Ein Motor zieht die Schnürung der Schuhe fest, per Funk vom Lenker aus gesteuert. Damit kann der Sitz während der Fahrt angepasst werden – straffer für Sprints und etwas lockerer für ruhigere Passagen.
Schuhe statt Pedale: kompromisslose Kraftübertragung
Besonders deutlich wird der experimentelle Ansatz bei einem Detail, das normalerweise unspektakulär erscheint: den Pedalen. Beim FTP² werden sie vollständig weggelassen.
Die Schuhe werden direkt an die Kurbel geschraubt – sie sind selbst die Pedale.
Die Schuhsohle besitzt eine feste Schnittstelle, die sich wie eine gewöhnliche Pedale in die Kurbel einschrauben lässt. Klicksystem, Cleats und übliche Mechanik entfallen. Die Kraft wird starr und ohne jegliches Spiel übertragen, ähnlich wie bei einem fest montierten Metallbauteil.
Nach Angaben von Van Rysel wiegt das gesamte System etwa 500 Gramm. Seine äußere Gestaltung folgt NACA-Profilen aus der Luftfahrt, also der Form von Tragflächen. Damit soll der Luftwiderstand im Bereich des Fußes weiter sinken.
Der Verschlussmechanismus arbeitet motorisiert. Der Fahrer kann die Spannung über das Cockpit mikrometergenau regeln, sodass kein Watt verloren gehen soll, weil der Fuß im Schuh „schwimmt“. Der Nachteil: Da die Schuhe fest installiert sind, wird aktuell Hilfe beim Auf- und Absteigen benötigt. Das Team arbeitet noch an einer alltagstauglicheren Lösung.
Aerodynamik als „Rüstung“ für 150 km/h
Ab mehr als 80 km/h wird die Luft zu einem äußerst gefährlichen Gegner. Deshalb betrachtet das FTP²-Konzept den Fahrer nicht nur als Sportler, sondern als festen Bestandteil eines aerodynamischen Gesamtkörpers.
Helm mit zusätzlicher Aero-Hülle
Zum System zählt ein spezieller Helm aus einem zertifizierten Basishelm und einer zusätzlichen aerodynamischen Schale. Diese Hülle wurde gemeinsam mit dem Aero-Spezialisten Swiss Side entwickelt. Sie soll die Luftströme gezielt um den Kopf führen und Turbulenzen bei hohem Tempo verringern.
Anzug als „aerodynamische Rüstung“
Van Rysel beschreibt die Rennbekleidung selbst als aerodynamische Rüstung. Entstanden ist sie mit dem auf Hochgeschwindigkeits-Textilien spezialisierten Atelier Jonathan & Fletcher und verbindet Schutz mit strömungsgünstiger Gestaltung.
Der Stoff folgt den Bewegungen des Körpers, ohne Falten zu bilden, und soll zugleich vor dem enormen Luftdruck bei 80 bis 150 km/h schützen. Wer bereits bei 60 km/h mit dem Rennrad gestürzt ist, kann erahnen, welche Kräfte bei einer Verdopplung dieser Geschwindigkeit auf den Körper wirken.
Rahmen, Komponenten und Gewicht: Rennmaschine im E-Bike-Gewand
Rahmen und Gabel bestehen aus massivem, intern entwickeltem Carbon. Trotz Akku und Antrieb liegt das Gesamtgewicht bei ungefähr 15 Kilogramm. Für ein Konzept mit dieser Leistungsdichte ist das bemerkenswert wenig.
Hinzu kommt eine in den Rahmen integrierte Lichtsignatur, die zugleich für bessere Sichtbarkeit und einen hohen Wiedererkennungswert sorgt. Gerade dieses Detail könnte bei einem späteren Serienrad zu einem prägenden Designmerkmal werden.
Verbaut sind unter anderem:
- Swiss Side Hadron 850 Aero-Laufräder
- Fizik Argo Vento Adaptive Sattel
- Elektronische Schaltung SRAM Red AXS
Jedes Bauteil übernimmt dabei zwei Aufgaben: Es muss den hohen Geschwindigkeiten gewachsen sein und gleichzeitig möglichst wenig Gewicht mitbringen. Insgesamt entsteht ein E-Bike, das optisch an ein Zeitfahrrad erinnert, technisch jedoch deutlich darüber hinausgeht.
Keine Serie geplant – aber Technik für kommende E-Bikes
Wer bereits zum Geldbeutel greift, wird sich gedulden müssen. Decathlon stellt eindeutig klar, dass das FTP² ein Forschungsobjekt bleibt. Vorgesehen sind Testfahrten auf abgesicherten Strecken und unter kontrollierten Bedingungen. Ein Verkauf wäre ohnehin nicht mit den geltenden Verkehrsvorschriften vereinbar.
Für den Massenmarkt bleibt das Projekt dennoch interessant. Mehrere Elemente könnten in angepasster Form übernommen werden:
- die saubere Integration des Akkus im Unterrohr
- die Lichtsignatur im Rahmen
- die Gestaltung von Gabel und Cockpit für eine bessere Aerodynamik
- Software-Konzepte zur intelligenten Leistungssteuerung
Darin liegt der strategische Kern: Was heute wie ein extremes Konzept wirkt, könnte morgen in abgeschwächter Ausführung in einem City- oder Gravel-E-Bike eingesetzt werden. Hersteller verwenden solche Prototypen, um Lösungen zu testen, die in regulären Projekten als zu riskant gelten würden.
Wie gefährlich ist so ein Projekt – und wo liegen die Chancen?
150 km/h auf zwei vergleichsweise schmalen Reifen wirken zunächst wie Wahnsinn. Kritiker dürften daher hinterfragen, ob ein solches Experiment verantwortbar ist. Das Team verweist auf Tests in geschützter Umgebung, spezielle Schutzkleidung und streng ausgewählte Fahrer.
Trotzdem bleibt eine grundlegende Frage: Wo hört sportliche Leistung auf und wo beginnt motorisierte Fortbewegung? Gerade im E-Bike-Segment werden die Grenzen zunehmend unschärfer. Konzepte wie dieses fordern Gesetzgeber und Verbände dazu auf, über sinnvolle Kategorien nachzudenken.
Gleichzeitig entstehen aus Extremprojekten häufig Innovationen, die im Alltag nützlich sein können:
| Bereich | Möglicher Nutzen für Alltagsräder |
|---|---|
| Aerodynamik | Weniger Luftwiderstand, mehr Reichweite bei gleicher Akkugröße |
| Software-Steuerung | Sanftere, effizientere Unterstützung und längere Akkulaufzeit |
| Integration von Komponenten | Aufgeräumte Optik, weniger Verschleißteile, geringere Wartung |
| Sicherheitskonzept | Bessere Helme, Kleidung und Beleuchtung im Alltag |
Was E-Bike-Fahrer daraus mitnehmen können
Wer heute ein klassisches E-Bike fährt, wird kaum jemals mit 150 km/h konfrontiert werden – und das ist auch richtig so. Entscheidend sind vielmehr die Ideen hinter dem Konzept. Eine intelligente Software, die Leistung präzise dosiert, kann auch ein komfortables Pendelrad angenehmer machen. Aerodynamisch geformte Rahmen können die Reichweite erhöhen, ohne dass der Akku größer werden muss.
Für sportlich orientierte Fahrer zeichnet sich ab, dass die Trennlinie zwischen Rennrad, Zeitfahrmaschine und E-Performance-Bike zunehmend verschwimmt. Unterstützte Trainingsformen, bei denen der Motor nur klar definierte Leistungsbereiche ergänzt, könnten Trainingspläne genauer gestalten. FTP-basierte Systeme eignen sich dafür besonders gut, weil sie direkt an die Belastungsgrenze des Fahrers anknüpfen.
Das Decathlon-Konzept zeigt vor allem eines: E-Bikes sind technologisch noch lange nicht „fertig“. Was heute als verrückte Studie belächelt wird, könnte in fünf Jahren völlig normal erscheinen – dann allerdings mit deutlich weniger als 150 km/h auf dem Tacho.
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