Das ist aber eine grosse Getränkekühlbox. Kann man sie mit an den Strand nehmen?
Ha ha. Trotz seiner Optik ist dieser isolierte Kunststoffkasten auf Rädern tatsächlich ein Auto. Es handelt sich um den Slate Auto Truck, das mit Spannung erwartete günstige Elektrofahrzeug, hinter dem Versandkarton-Milliardär Jeff Bezos steht und das genauso spartanisch ausfällt wie sein Modellname. Und ja, vermutlich könnte man ihn auch an den Strand mitnehmen.
Bei diesem Exemplar handelt es sich konkret um einen Prototypen. Wir wollten unbedingt ans Steuer, um herauszufinden, ob das nach dem Baukastenprinzip konzipierte Auto den ganzen Hype rechtfertigt.
Also … tut es das?
Schauen wir uns das gemeinsam an. Wie vielleicht bekannt ist, sorgte Slate Auto bei seiner Premiere für Aufsehen: Das erste Fahrzeug der Marke soll ein radikal abgespeckter Elektro-Pick-up zu einem konkurrenzfähigen Preis sein. Möglich wird das vor allem dadurch, dass nahezu jede Ausstattung – ob grundlegend oder nicht – separat berechnet wird.
Für 24.950 $ bekommt man bei dem hier gezeigten Truck genau das: die „Blank Slate“-Version des Elektrofahrzeugs mit Hinterradantrieb, 181 PS, 205 Meilen Reichweite aus einer 65-kWh-Batterie und einer Höchstgeschwindigkeit von 90 mph.
Klingt ungefähr so aufregend, wie er aussieht.
Ganz genau. Zugegeben: Es ist schwierig, ausführlich über ein Auto zu sprechen, das absichtlich nur wenige Eigenschaften besitzt. Chat, wir sind müde.
Trotzdem freuten wir uns darauf, etwas so Neues und potenziell Zukunftsträchtiges zu fahren – vorausgesetzt, Slate gelingt die Umsetzung.
Wie sind die ersten Eindrücke vom Slate Auto Truck?
Zunächst einmal: Dieser Wagen ist nicht weit von dem entfernt, was später als Serienbasis des Slate Truck dienen soll. Dennoch können wir nicht oft genug betonen, dass es ein Prototyp ist und daher einige Unsauberkeiten bei Passung und Verarbeitung aufweist, über die wir gern hinwegsehen. Davon gab es allerdings nicht viel. Abgesehen von einigen herausnehmbaren Innenverkleidungen, die auf einer holprigen Strasse klapperten, wirkte der Slate solide und vollständig montiert – nicht, als würde er nur durch Improvisation zusammengehalten.
Ohne Folierung und ohne mehr als eine Handyhalterung am Armaturenbrett sieht der Slate Truck in seiner Basisversion roh aus, beinahe wie ein fertig gebauter, aber noch nicht lackierter Modellbausatz. In der serienmässigen Zweisitzer-Konfiguration bietet der Innenraum genug Platz für zwei Personen und möglicherweise einige Dinge wie einen Rucksack oder eine Handtasche. Für Kleinkram ist der vordere Kofferraum allerdings die bessere Wahl.
Für unseren Testwagen hatte Slate eines seiner eigenen Bluetooth-Soundsysteme eingebaut. Passenderweise bestand es aus kaum mehr als zwei Drehreglern und einem USB-C-Anschluss. Ein Display für Titellisten gibt es nicht; wer von den grafisch verspielten Headunits vergangener Zeiten träumt, muss selbst eine Lösung entwickeln. Überhaupt ist der DIY-freundliche Slate im Grunde eine Leinwand für alle mit grossen Ideen und dem passenden Werkzeug. Dazu später mehr.
Und wie fährt er sich?
Etwa so ordentlich, wie man es erwartet. Der einzelne Elektromotor des Trucks bietet genug Durchzug, um das übliche Stadttempo ungefähr so schnell wie ein durchschnittliches Pendlerauto zu erreichen. Tritt man voll durch, gibt es einen ausreichend kräftigen Schub für Überholmanöver oder das Einfädeln auf die Autobahn. Mit 90 mph als Limit funktioniert er innerhalb seiner Grenzen gut.
Mit einer McPherson-Vorderradaufhängung und einer ausgesprochen pick-up-typischen de-Dion-Hinterachse federt der Slate besonders weich. Die hohen Reifenflanken der breiten Räder auf 17-Zoll-Felgen schlucken zudem aufgerissenen Asphalt hervorragend.
„Er wurde nie als Fahrspassmaschine angekündigt … doch auf einer Folge enger Kurven vermittelt der Truck nicht besonders viel Vertrauen“
Auf gerader Strecke macht der Slate eine gute Figur, doch kurvenreiche Strassen legen die angeborenen Grenzen des Fahrzeugs offen. Er wurde nie als Fahrspassmaschine angekündigt, deshalb wollen wir ihm das nicht vorwerfen. Dennoch vermittelt der Truck bei einer Reihe enger Kurven wenig Vertrauen. Sobald man einen Rhythmus findet, beginnt er fast unmittelbar zu wippen und nimmt einem jede Lust auf weitere spielerische Versuche.
Gibt es Fahrprogramme?
Nein, es gibt nur eines: Fahren. Das einzelne Display hinter dem Lenkrad zeigt lediglich sehr grundlegende Informationen wie die Geschwindigkeit. Zusätzlich erscheint beim Rückwärtsfahren das Bild der hinteren Einparkkamera. Darüber hinaus gibt es nur die klassische PRNDL-Bedienung. Programme wie Sport, Gelände oder auch Schnee fehlen ebenso wie eine Möglichkeit, die stets aktive Bremsenergierückgewinnung einzustellen.
Damit befindet sich das Fahrzeug praktisch dauerhaft im Einpedal-Fahrmodus. Wer das nicht mag, wird sich daran gewöhnen müssen. Die kleinen Nickbewegungen fallen hier nicht so unangenehm aus wie bei anderen Elektroautos mit aggressiver Rekuperation, gehören aber zwangsläufig zum Fahrerlebnis. Tatsächlich war die Bremsabstimmung unser einziger anhaltender Kritikpunkt am Prototypen.
Nimmt man den Fuss vom Fahrpedal, baut der Slate sofort Bremsdruck auf und hält ihn konstant, bis das Auto steht. Dadurch lässt sich die Verzögerung nur schwer selbst fein dosieren, etwa wenn man für einen sanften Halt vorsichtig bremsen möchte. Problematischer ist, dass der Einpedal-Modus gewissermassen Vorrang vor dem eigenen Bremseingriff hat. Muss man für eine Vollbremsung kräftig auf das Pedal treten, stellt man fest, dass das Bremspedal bereits alles getan hat, was es kann – und man der Situation kaum noch zusätzliche Bremswirkung hinzufügt. Mechanisch mag das in Ordnung sein, doch es verunsichert, auf die Bremse zu treten und das Gefühl zu haben, nicht selbst die Kontrolle zu besitzen.
Was fällt sonst noch auf?
Für ein neues Auto hat er einfach viel altmodischen Charakter. Vielleicht findet man es, wie Slate hofft, charmant, dass die Fenster per Kurbel geöffnet werden. Oder dass man eine andere Person braucht, um den Beifahreraussenspiegel einzustellen. Oder dass für den vollständigen Retro-Effekt eigentlich nur noch ein Zigarettenanzünder fehlt. Die Zeit im Slate macht vor allem deutlich, welche Gewohnheiten wir uns im modernen Zeitalter angeeignet haben – etwa ständig auf das Armaturenbrett zu schauen, um die Navigation zu prüfen oder nachzusehen, ob über CarPlay neue Nachrichten eingegangen sind.
Auch beim Elektroantrieb zeigt er Verhalten aus früheren Zeiten: Die Klimatisierung ist ein vollwertiges System, trifft die Reichweitenanzeige aber mit dem Vorschlaghammer. Tempomat gibt es, jedoch ohne Radar – einfach Geschwindigkeit einstellen und losfahren. Als „Fahrerauto“ würde man den Slate kaum bezeichnen, doch man muss beim Fahren definitiv präsent sein. Eine kleine Erinnerung, die uns allen guttun könnte.
Was bleibt als Fazit?
Der Slate Auto Truck hält, was sein Konzept verspricht. Es ist ein schlichtes Auto, das auf schlichte Weise funktioniert, mit einem sehr bescheidenen Datenblatt und einem ebenso zurückhaltenden Preis. Daher fällt es schwer, sich für ein Fahrzeug zu begeistern, das bei Stilmerkmalen oder Komfortausstattung im Grunde als „Renovierungsobjekt“ verkauft wird.
„Es ist ein schlichtes Auto … mit einem sehr bescheidenen Datenblatt und einem ebenso zurückhaltenden Preis“
Er wird als Fahrzeug mit grossem Potenzial vermarktet. Sicher, er kann vieles sein. Wer den Wunsch hat, seinen eigenen individualisierten Slate zu gestalten, wird sich über die Vielzahl der werksseitig verfügbaren Konfigurationen freuen – ganz zu schweigen von dem, was sich ausserhalb des Angebots realisieren lässt. In naher Zukunft werden wir wohl einige spektakuläre Slate-Umbauten auf der SEMA sehen.
Doch wenn man betrachtet, was er ist, nämlich in seiner nacktesten Form, dann ist er entschieden … in Ordnung. Er erledigt seine Aufgabe. Er erledigt sie gut. Er übertrifft keine Erwartungen. Das ist völlig okay – nur sollte es niemanden überraschen, wenn wir deshalb keine Luftsprünge machen.
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