Ich bin schon überzeugt. Kann ich einen kaufen?
Seien Sie nicht albern. Pagani hat aktuell praktisch keine Autos zu verkaufen. Die Auflage des Utopia Coupé von 99 Exemplaren ist komplett vergriffen. Auch sämtliche 130 Roadster sind bereits vergeben. Vermutlich kommt noch eine kompromisslose Utopia-Variante im Stil des Huayra BC – und die wäre wohl ebenfalls ausverkauft, obwohl sie noch nicht einmal bestätigt wurde. Auch die reinen Trackday-Modelle Huayra R sind in jeder Ausführung vergriffen. Dafür, dass Pagani sich aus dem tobenden Leistungswettlauf im Hypercar-Segment herausgehalten hat, läuft es bemerkenswert gut.
Der Grund dafür ist schnell klar. Wer das Werk beziehungsweise das „Atelier“ im Herzen von Italiens Supersportwagen-Tal besucht, hält den Verkauf naher Verwandter oder von Körperteilen im Darknet plötzlich für eine durchaus attraktive Idee. Es ist ein erstaunlicher Ort, und die Fahrzeuge, die hier entstehen, restauriert oder von neuen Besitzern mit dem unglaublichen Angebot an Massanfertigungen neu interpretiert werden, sind unfassbar cool, wunderschön und faszinierend. Pagani geht selbstbewusst seinen eigenen Weg – und dieser Weg ist enorm erfolgreich.
Gut, aber sollte ich einen kaufen wollen?
Ja.
Können Sie das etwas genauer ausführen?
Oh Gott, ja.
Nein, bitte mit echten Details?
Na schön. Die technische Basis des Roadsters kennt man weitgehend schon vom Coupé. Er nutzt denselben 6,0-Liter-V12-Biturbo von AMG, der bei 6.000 U/min 852bhp entwickelt und von 2.800 bis 5.900 U/min 811lb ft liefert. Auch die atemberaubende Designsprache, die Details und die Ausführung des Innenraums entsprechen dem Coupé: Falls Sie bei der Optik des Utopia noch Zweifel haben, können wir nur versichern, dass er in natura umwerfend aussieht. Sogar das Trockengewicht ist mit 1.280kg exakt gleich.
Damit die Fahrdynamik möglichst nah am geschlossenen Modell bleibt, gibt es allerdings zahllose technische Unterschiede. So besitzt die Wanne einen Roadster-spezifischen Aufbau, der herausragende Steifigkeit ohne zusätzliche Verstärkungen ermöglichen soll. Sie verwendet ähnliche Werkstoffe – 40 verschiedene Verbundmaterialien, darunter Carbo-Titanium, bei dem Titanfäden durch das Carbonfasergewebe verlaufen –, doch Materialstärke und Platzierung unterscheiden sich vom Modell mit festem Dach.
An beiden Achsen arbeitet eine Doppelquerlenker-Aufhängung mit speziell abgestimmten Tractive-Dämpfern, welche die abweichenden Eigenschaften des Chassis berücksichtigen. Zusätzlich regelt das Pirelli-Cyber-Tyre-System das Motordrehmoment, bis die P Zero Corsa, Winterreifen oder besonders kompromisslosen Trofeo RS ihre Betriebstemperatur erreicht haben. Und natürlich gibt es weiterhin eine manuelle Version des quer eingebauten XTrac-Siebenganggetriebes. Eine automatisierte Ausführung ist ebenfalls erhältlich. Aber lassen Sie es.
Der Roadster wird sowohl mit einem herausnehmbaren Hardtop aus Carbon und Glas geliefert, das nicht im Fahrzeug verstaut werden kann, als auch mit einem Softtop für unterwegs, falls Wetterschutz gefragt ist. Nach dem Abnehmen liegt dieses in einem Koffer hinter den beiden Sitzen. Das System ist weniger bequem als ein elektrisch betätigtes Dach, wirkt dadurch aber irgendwie noch besonderer. Niemand beherrscht Exotik so wie Pagani.
Ist der Utopia Roadster vor allem Stil und wenig Substanz?
Keineswegs. Der Zauber des Utopia – und aller Paganis seit der Vorstellung des Zonda im Jahr 1999 – besteht vielmehr darin, dass Horacios Besessenheit von Design, Handwerkskunst und Inszenierung durch beeindruckende Ingenieursarbeit und fahrdynamische Reife untermauert wird. Damals prägte Testfahrer Loris Bicocchi die Klarheit der Rückmeldung und die Ausgewogenheit. Sein Handwerk hatte er mit Fahrzeugen wie dem Bugatti EB110 GT und SS gelernt; später arbeitete er mit Koenigsegg, Bugatti, Lamborghini und Dallara. Heute kommen zu den Qualitäten des Zonda etwas mehr Aggressivität hinzu, doch die köstliche Rückmeldung sowie der stimmige, freudvolle Charakter bleiben erhalten.
Zunächst zum Atmosphärischen: Der Innenraum ist eine haptische Freude, mit periskopartigen Luftausströmern und einem beinahe komischen Mass an italienischer Extravaganz. Der Utopia könnte leicht zur Karikatur werden, tut es aber erstaunlicherweise überhaupt nicht. Stattdessen wirken das spektakuläre Ambiente, der Blick über den Schwung der vorderen Kotflügel und durch die tropfenförmigen Aussenspiegel zugleich feierlich und perfekt umgesetzt, um das Auto auf der Strasse präzise zu platzieren. Wie ein modernes Hypercar fühlt er sich dagegen nicht an.
Tatsächlich wirkt der Roadster trotz seines Hypercar-Preises und seiner Präsenz für uns eher wie ein radikal weiterentwickelter Supersportwagen alter Schule. Nicht die Technologie steht im Mittelpunkt, sondern die haptische Belohnung. Er fühlt sich eindeutig für die Strasse gemacht an, nicht wie ein Rennstreckenauto, das seinem natürlichen Lebensraum entkommen ist.
Schade nur, dass ihm der alte Saug-V12 fehlt, oder?
Keine Frage: Der V12 besitzt nicht den fantastischen Klang des Zonda. Auch nicht die durchdringende Brillanz etwa eines GMA T.50. Seit den frühen Tagen des Huayra – des ersten Pagani mit diesem Motor – wurde er jedoch erheblich weiterentwickelt und ist inzwischen wirklich etwas Besonderes. Es zischt, rauscht und schnaubt reichlich aus den Turboladern, doch unter dieser Percussion liegt ein reines Heulen, das unverkennbar nach zwölf Zylindern klingt. Diesen Motor mit einem Handschaltgetriebe mit offener Schaltkulisse zu verbinden, ist grossartig – auch wenn das Siebengang-Schema mit links unten liegendem ersten Gang eine längere Eingewöhnung verlangt.
„Diesen Motor mit einem Handschaltgetriebe mit offener Schaltkulisse zu verbinden, ist grossartig“
Schnell ist er ebenfalls. Richtig schnell – auf eine Art, die leicht beängstigend wird. Ein F80 oder W1 ist zwar noch manischer, doch das gewaltige Drehmoment des Utopia und sein analoger Charakter bedeuten, dass man weniger Zeit damit verbringt, einfach das Gaspedal durchzudrücken und Gänge durchzureissen. Bevor man ihm auf einem Pass über ein oder zwei Gänge hinweg alles abverlangt, muss man sich tatsächlich sammeln. Traktion gibt es reichlich, dennoch fordert der Utopia Roadster Respekt. Anders als andere Hypercars, die sich so stark auf Elektronik stützen, eröffnet er nicht mühelos und gratis den Zugang zu seinem gesamten Potenzial.
Das Getriebe verwirrt zunächst etwas, während man mit dem Schema und der Federzentrierung ringt – es landet von selbst in der 4./5.-Gasse. Sobald man jedoch aufhört, die Gänge im Kopf zu zählen, und stattdessen einfach dem folgt, was sich richtig anfühlt, ist es hervorragend. Der Schaltvorgang ist soooo viel besser als im Zonda und passt ideal zu jenem Gefühl eines überaus weiterentwickelten Supersportwagens, über das wir zuvor gesprochen haben. Ein Ferrari F80 mit manuellem Getriebe würde deplatziert wirken. Im Utopia Roadster ist es perfekt.
Die Lenkung hat ein gewisses Gewicht, und das extrem direkte, spitze Gefühl, an das wir uns gewöhnt haben, fehlt. Dennoch ist dies keineswegs ein träges Auto, und sein geringes Gewicht ist enorm deutlich spürbar. Wie die Aufhängung Unebenheiten glattbügelt, während sie die Karosserie flach hält und von vorn bis hinten konsistent kontrolliert, schafft Vertrauen und verleiht dem Roadster einen weit ausschreitenden, unbesiegbaren Charakter. Abgesehen von der frischen Luft und den wirbelnden Turboladergeräuschen würde nichts darauf hindeuten, dass dieses Auto offen ist. Die Steifigkeit ist erstklassig.
Sobald man die verfügbare Leistung ernsthaft nutzt und sich auf den Grip stützt, wird der Pagani nur noch besser. Die Bremsen sprechen wunderbar an und vermitteln viel Gefühl, die Lenkung arbeitet präzise und klar, und auch das Chassis macht alles mit. Die Ästhetik mag Haute Couture sein, doch der Roadster scheut sich nicht davor, sich die Hände schmutzig zu machen. Man kann ihn in Kurven werfen, die Hinterreifen früh mit Drehmoment belasten und hart sowie schnell durchs Getriebe schalten – das Auto steckt es einfach weg.
„Man kann ihn in Kurven werfen, die Hinterreifen früh mit Drehmoment belasten und hart sowie schnell durchs Getriebe schalten – das Auto steckt es einfach weg“
Die Fahrmodi Wet, Comfort, Sport und Race steigern das Erlebnis schrittweise. In Sport und Race ist er am Limit jedoch ein körperliches, aufregendes Auto, und die gesamte Turboleistung kann für ziemlich spektakuläre Momente sorgen. Um alles zu beherrschen, was der Utopia zu bieten hat, muss man voll konzentriert sein. Kein Wunder, dass sich die Taste zum Abschalten sämtlicher Elektronik gut verborgen im Dachpanel befindet …
Klingt ziemlich fantastisch – aber ist er so gut wie so fortschrittliche Autos wie F80 und W1 oder so pur wie der T.50?
Hier wird es kompliziert. Der Utopia Roadster ist ein Ereignis. Ein Erlebnis. Nichts anderes ist ganz wie er, weshalb ein Vergleich mit – ein seltsamer Ausdruck in diesem Kontext – eher „mainstreamigen“ Hypercars schwierig ausfällt. Auf einer Rennstrecke würden F80 und W1 ihn beispielsweise zerstören. Und doch sorgt der klassischere Ansatz für einen aufregenden, intensiven, zugleich aber sehr gut nutzbaren Strassenwagen. Er fühlt sich wirklich wie etwas an, in das man immer wieder gern einsteigen und das man geniessen möchte – sei es auf dem Weg zum Einkaufen oder auf einer langen Fahrt durch den Kontinent.
Das Fehlen der Hybridtechnik schafft zudem ein leichteres, gleichmässigeres und etwas transparenteres Auto. Wahrscheinlich auch ein zuverlässigeres. Es gibt keine Batterie zum Laden, keinen schnell verbrauchten „Qualifying“-Modus, und deshalb reagiert der Utopia Roadster jederzeit auf jede Eingabe exakt gleich. Das ist eine sehr gute Sache. Seinem Geist nach kommt er einem GMA T.50 vielleicht am nächsten, obwohl beide in ihrer Umsetzung kaum unterschiedlicher sein könnten.
Letztlich ist der Utopia ganz und gar sein eigenes Ding, und die Roadster-Version scheint einem ohnehin schon beeindruckenden Erlebnis nur noch mehr Drama und Spannung hinzuzufügen. Das Beste, was man über dieses Auto wohl sagen kann: Selbst bei €3.1m plus Steuern wirkt er ein wenig wie ein Schnäppchen. Verrückt, aber wahr.
- Fotografie: Mark Fagelson*
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