Den Amazonas lautlos überqueren? Genau das verspricht der neue elektrische Jeep Compass mit 650 km Reichweite. Zu schön, um wahr zu sein? Wir haben nachgeprüft.
Das Wasser umspült die Seitenschweller. Es herrscht eine fast sakrale Stille, doch die Anspannung ist enorm. Schaffen wir es ans andere Ufer oder endet die Fahrt mit einem Kurzschluss? Piep, piep, piep … Der Wecker beendet die Spannung. Die Flussdurchquerung mit dem neuen elektrischen Jeep Compass war nur ein Traum. Die amerikanische Marke verkündet jedoch lautstark: Der SUV kann Furten mit bis zu 408 Millimetern Wassertiefe problemlos durchqueren.
Geländegängigkeit: Ein elektrischer SUV, der etwas Wasser nicht scheut
Am hinteren Ende des Saals scheint der Wrangler zu schmunzeln: Er kann schließlich bis zu 850 Millimeter tief durchs Wasser fahren, ohne baden zu gehen … Der Compass ist dafür als Elektroversion erhältlich, die dem Wrangler fremd ist. In einer zunehmend autofeindlichen Zeit kann das durchaus einen Unterschied machen. An den Offroad-Fähigkeiten des neuen Compass ändert dieses politisch korrektere Profil allerdings nichts.
Der Böschungswinkel vorn beträgt 20°, hinten sind es 26°. Die Bodenfreiheit liegt bei 200 Millimetern, damit unterwegs nichts aufsetzt. Hinzu kommt Selec-Terrain mit vier wählbaren Fahrmodi: Auto, Sport, Schnee sowie Sand/Schlamm. Gaspedal, Lenkung und ESP passen sich jeweils intelligent an.
Auf der Straße: Der Jeep Compass ist straffer als ein Peugeot e-3008, aber stark in der Stadt
Für unseren Test ist Turin ein eher ungewöhnliches Revier. Die beiden letzten Modi dürften heute also ungenutzt bleiben … Wir verlassen das Hotelparkhaus folglich im Auto-Modus. Mit 4,55 m Länge und 1,90 m Breite ist der Compass kein kleines Fahrzeug, doch die Kameras verhindern zuverlässig unfreiwillige Karosseriearbeiten. Zur Erleichterung aller – meiner eingeschlossen.
Sofort fällt auf, dass die Federung straffer abgestimmt ist als beim Peugeot 3008, von dem er abgeleitet wurde. Eine adaptive Dämpfung, um das Fahrgefühl anzupassen, gibt es nicht. Die stark unterstützte Lenkung gleicht diese angenehme Härte jedoch aus. Der Wendekreis ist klein, die Übersicht gut. Das überrascht. Zusätzlichen Komfort bringt zudem der One-Pedal-Modus.
Innenraum: viel Platz, aber schlicht gehalten
Hinter dem Steuer sitzt der Fahrer sehr aufrecht und blickt über die flache Motorhaube. Das kleine Lenkrad des 3008 wird durch einen konventionelleren Kranz ersetzt. Das ist weniger originell, aber nicht nur das: Das Ambiente wirkt etwas einfacher als beim Franzosen. Die Verarbeitungsqualität ist insgesamt ordentlich, allerdings nehmen harte Kunststoffe im Innenraum mehr Raum ein.
Dafür stoßen weder Kopf noch Knie an, denn das Platzangebot ist vorn wie hinten ausgezeichnet. Auch Ablagen gibt es reichlich: 34 Liter Stauraum im Innenraum und 550 Liter im Kofferraum stehen zur Verfügung. Die große elektrische Heckklappenöffnung und die niedrige Ladekante steigern die Alltagstauglichkeit des Jeep Compass erheblich. Unter der Fronthaube wurde dagegen kein zusätzlicher Stauraum eingerichtet. Schade.
Batterie und Reichweite: Sind die 650 km des Jeep Compass nur ein leeres Versprechen?
Auf der Umgehungsstraße von Turin zeigt sich erstmals, wie komfortabel der Compass bei höherem Tempo fährt. Die Federung wird geschmeidiger, während die Geräuschdämmung bei 100 km/h überzeugend bleibt. Unser Testwagen hatte den 73-kWh-Akku von BYD an Bord, der nach WLTP 500 km Reichweite ermöglichen soll. Bei zügiger Fahrt und einem Verbrauch von 22 kWh/100 km sind realistisch 330 km drin.
Dank der STLA-Medium-Plattform ergänzt später ein größerer 97-kWh-Akku des französischen Herstellers ACC die Palette und soll 650 km Reichweite bieten. Damit wird der Aktionsradius durchaus interessant. Das Schnellladen konnten wir allerdings nicht testen: Mit Batterievorkonditionierung sind maximal 160 kW Gleichstromleistung (DC) vorgesehen.
Der Kritikpunkt: Routenplaner für 9,90 € im Monat
Der 16-Zoll-Touchscreen ist so schmal wie ein Baguette und nutzt seine große Breite, um zahlreiche Informationen anzuzeigen. Die Bedienung des Compass ist ordentlich, zudem lassen sich Temperatur und Klimatisierung über Schnellzugriffe rechts und links vom Display einfach einstellen. Besonders gelungen sind die Direktzugriffe im unteren Bereich. Die Sprachsteuerung hingegen drängt sich zu sehr in den Vordergrund.
Der Compass ist für Abenteuer gedacht – allerdings nur gegen Aufpreis. Die vernetzte Navigation des Connect-Plus-Pakets ist lediglich während einer zwölfmonatigen Testphase verfügbar. Danach werden monatlich 9,90 € fällig, etwa für den Routenplaner oder ChatGPT. Für ein Elektroauto, das für lange Reisen gedacht ist, ist das schon erstaunlich!
Dynamik: überraschend agil, aber mit „Schwamm“-Bremspedal
Falls Sie nicht nur auf der „Autobahn“ unterwegs sein wollen: Der Jeep Compass fühlt sich auf Landstraßen wohl. Das beweist die kurvenreiche Strecke zur über Turin gelegenen Basilika von Superga. Die in der Stadt etwas unbeweglich wirkende Dämpfung spielt hier ihre Stärke aus, zumal die Reaktionsfreude des Elektroantriebs im Sport-Modus kaum zu kritisieren ist.
213 PS und 345 Nm Drehmoment, die allein über die Vorderachse auf die Straße kommen, können sogar die Reifen zum Quietschen bringen. Bei der 375 PS starken Allradversion werden wir besonders auf die Traktion achten. Schon jetzt überrascht die geringe Seitenneigung, vor allem im Vergleich zum bisherigen Compass. Nur das Bremspedal bleibt unerquicklich: Es fühlt sich schlicht an, als würde man einen Scheuerschwamm zusammendrücken.
Preise: Wird der elektrische Jeep Compass zum neuen „Kostenknacker“ von Stellantis?
Matrix-LED-Scheinwerfer, beleuchteter Kühlergrill, elektrische Heckklappe, beheizbare Vordersitze, Lenkrad und Windschutzscheibe, Rückfahrkamera, teilautonomes Fahren … Die First Edition ist üppig ausgestattet und bleibt dennoch preislich kontrolliert. Mit 46.490 € positioniert sich der Compass in dieser Topausstattung unter Peugeot 3008 und Opel Grandland. Gegenüber dem Citroën C5 Aircross kostet er nur wenig mehr.
Innerhalb des Stellantis-Konzerns ist das ein gutes Angebot – außerhalb aber nicht zwingend. Tesla und Xpeng sind beispielsweise weiterhin günstiger. Andererseits strahlt der Compass eine Präsenz aus, die seinen Konzernbrüdern fehlt. Die Jeep-DNA könnte ihm daher zugutekommen, besonders bei unseren italienischen Nachbarn, die SUVs besonders schätzen. Die Fertigung in Melfi dürfte dabei eine Rolle spielen …
Unser Urteil zum Jeep Compass
Der straffe Komfort kann ebenso stören wie der etwas langweilige Innenraum. Angesichts unserer früheren, wenig erfreulichen Erfahrungen mit Fahrzeugen des Konzerns bleiben auch Zweifel am Schnellladen. Eine Bestnote wird der Compass also nicht erhalten. Dennoch hat mich dieser SUV überzeugt, denn er ist keine bloße Kopie des 3008. Er verbindet Geräumigkeit und Dynamik, ohne das Budget übermäßig zu belasten. Der Auftrag ist erfüllt.
Jeep Compass First Edition
46.490 €
Urteil
7.5/10
Das gefällt uns
- Das eigenständige Design
- Das großzügige Platzangebot
- Die überraschende Dynamik
- Die umfangreiche Serienausstattung
Das gefällt uns weniger
- Der etwas straffe Komfort
- Die mittelmäßige Verarbeitungsqualität
- Das inzwischen etwas veraltete Multimediasystem
- Das noch zu überprüfende Schnellladen
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